Die Corona-Krise als Chance für Fortschritt?

Warum das Progressive Zentrum den Blog „Corona & Society“ startet


Die Corona-Pandemie ist eine Zäsur. Mit dem Blog „Corona & Society“ beteiligt sich das Progressive Zentrum an der Debatte darüber, was Gesellschaft und Politik programmatisch-konzeptionell aus der Krise lernen können. Was GesellschaftswissenschaftlerInnen zum Verständnis der Pandemie beitragen können – und welche AutorInnen dies mit ersten Beiträgen getan haben – das erläutern Michael Miebach und Wolfgang Schroeder in diesem Editorial.


Von Bundesfinanzminister Olaf Scholz stammt der Satz, Deutschland müsse sich auf eine lange Zeit der „neuen Normalität“ einstellen. Diese werde bestehen bleiben, bis ein Impfstoff gegen Covid-19 verfügbar sei, womöglich also noch anderthalb oder zwei Jahre. Doch wie sehr unterscheidet sich die neue Normalität von der alten — und welche gesellschaftlichen Folgen wird sie haben? Verändern sich die Bedingungen für fortschrittliche Politik gerade wirklich in radikaler Weise?

Viel deutet darauf hin, dass wir es tatsächlich mit einer tiefen Zäsur zu tun haben. Schließlich gibt es kaum einen gesellschaftlichen Bereich, der von der Pandemie nicht betroffen ist. Persönliche Beziehungen verändern sich. Geschäftsmodelle kollabieren. Die Corona-Krise erschüttert unser Wirtschafts- und Sozialmodell — ein Modell, das sich schon vorher in einer Phase der Transformation befand. Sie zwingt den Staat dazu, eine aktivere Rolle einzunehmen, wodurch eine größere Offenheit der Menschen gegenüber staatlichen Interventionen und Problemlösungen entstehen könnte (allerdings verschuldet sich der Staat dafür auch massiv). Die Digitalisierung beschleunigt sich, ebenso wie der Wandel der Arbeitswelt. Neue gesellschaftspolitische Großkonflikte zeichnen sich ab.

Primat der Gesellschaft

Ein Blick auf die Pandemien der vergangenen Jahrzehnte zeigt: Der Schlüssel zum Verständnis der neuen Herausforderung liegt gar nicht in der medizinischen Fakultät, sondern in der gesellschaftswissenschaftlichen. Wie erfolgreich Prävention, Schutz und Behandlungen verlaufen, hängt natürlich von Früherkennung, Diagnose und therapeutischen Fähigkeiten ab. Aber wie eine Gesellschaft mit einem tödlichen Virus umgeht, liegt vor allem auch daran, welches Verständnis sie von sich selbst hat, welchen Stellenwert das Individuum besitzt und welche technischen, organisatorischen, staatlichen und finanziellen Möglichkeiten existieren.

Der Schlüssel zum Verständnis der neuen Herausforderung liegt gar nicht in der medizinischen Fakultät, sondern in der gesellschaftswissenschaftlichen.

So ließe sich beispielsweise die geringe gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit in Deutschland für die Pandemie-Zyklen der Asiengrippe 1958 und der Hongkong-Grippe 1968 erklären. Pandemien, Epidemien und Seuchen sind eben „im gleichen Maße ein soziales Phänomen wie ein biologisches Phänomen“, wie Laura Spinney in einer großen Studie über die „Spanische Grippe“ feststellte.

Neue und alte Perspektiven

Im Zeitverlauf nimmt die gesellschaftliche Bereitschaft ab, den Lock- und Shutdown zu akzeptieren. Nie war die Sehnsucht nach der alten Normalität größer als heute. Nur wenige verstehen die neue Lage als möglichen Übergang in eine bessere, gerechtere, nachhaltigere Zukunft. Die Mehrheit begreift diese Krise nicht als Chance, sondern als negativen Einschnitt in ein gutes Leben. Das Ziel ist der status quo ante mit Büroarbeit, Kitabetreuung, geöffneten Schulen, Fernreisen und Fußball-Bundesliga. Hinzu kommt: Mächtige Lobbygruppen setzen sich dafür ein, bestehende Strukturen zu konservieren. Wird am Ende also doch alles wieder wie vorher, nur vorerst auf niedrigerem Niveau? Die Corona-Krise hätte dann gar kein Innovations-, sondern ein „Verfestigungspotenzial“ (Birte Förster).

Mit diesem neuen Blog beteiligt sich das Progressive Zentrum an der Debatte darüber, was Gesellschaft und Politik programmatisch-konzeptionell aus der Krise lernen können.

Um solche Fragen geht es in Corona & Society. Mit diesem neuen Blog beteiligt sich das Progressive Zentrum an der Debatte darüber, was Gesellschaft und Politik programmatisch-konzeptionell aus der Krise lernen können. In dieser Zeit des Umbruchs wollen wir Tendenzen früh aufspüren und erfassen, damit notwendige Veränderungsprozesse rechtzeitig angestoßen werden können. Dabei begreifen wir Krisen als historische Zäsuren, mit denen sich Gelegenheitsfenster zur Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse öffnen.

Was uns wichtig ist: Der Verlauf des Infektionsgeschehens lässt gegenwärtig nur erste vorsichtige Diagnosen und Prognosen zu. Es geht also um das Sammeln und um zurückhaltende Beobachtungen für eine „Soziologie der Katastrophe“ (Claus Leggewie), nicht um den „Gestus des sicheren Wissens und Gebietens“ (Hedwig Richter). Dazu gehört auch, dass selbst in den Naturwissenschaften durchaus „kontroverse Interpretationen“ gang und gäbe sind, wie Jens Flemming in seinem Beitrag schreibt. Auf Basis dieser zum Teil widersprüchlichen Interpretation muss letztlich allein die Politik entscheiden.

Umgang mit Zäsuren in Geschichte und Gegenwart

In einem ersten Schwerpunkt auf Corona & Society ergründen namhafte AutorInnen, was wir aus dem gesellschaftlichen Umgang mit Zäsuren lernen können.

In der historischen Perspektive wird deutlich, dass die Menschheit schon immer Lehren aus Krisen gezogen hat, um Wiederholungen zu vermeiden. Solche positiven Veränderungen sind aber häufig das Ergebnis langwieriger Reformen, Rückschläge inklusive.

Skeptischer ist dagegen Jürgen Kocka: Anders als nach dem Bruch des Zweiten Weltkriegs fehle es derzeit an einer ordnenden Macht, die globale Fortschrittsperspektiven gestalten könnte, wenngleich auch er Weichenstellungen für eine nachhaltigere Gesellschaft und Wirtschaft einfordert. Andere AutorInnen stimmt die nationalstaatliche Orientierung vieler Corona-Maßnahmen hinsichtlich der Frage pessimistisch, ob die richtigen Schlüsse aus der Krise gezogen werden.

Doch nicht zuletzt aus der deutschen Geschichte lässt sich auch Hoffnung schöpfen: Markus Böick und Thomas Kralinski vergleichen den Einschnitt durch Corona mit dem Wirtschaftseinbruch in Ostdeutschland nach der Wende. Während Böick sich programmatisch zurückhaltend positioniert und eine „etwas zurückgenommenere Gelassenheit“ anmahnt, leitet Kralinski durchaus programmatische Perspektiven ab: „Die Friedliche Revolution von 1989 führte zu einer kompletten Transformation des politischen Systems, zur völligen Auflösung eines Staates und zur Wiedervereinigung, zu einem Wechsel von der Plan- in eine Marktwirtschaft, zum Umbau von einer geschlossenen Gesellschaft in eine offene und demokratische Ordnung.“

Hieraus lasse sich für die Bewältigung der Corona-Krise einiges ableiten, zum Beispiel wie wichtig es ist, die Menschen im Land an der Debatte über die Gestaltung der Zukunft zu beteiligen und so einen neuen „Gemein-Sinn“ zu entwickeln.

Die Diskussion ist eröffnet.


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Corona & Society: Nachdenken über die Krise
Was können Gesellschaft und Politik programmatisch-konzeptionell aus der Krise lernen?

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