Erfahrungen der Ostdeutschen für die Zeit nach Corona nutzen

Warum es sich lohnt auf die Transformationserfahrungen des Ostens zu schauen


Die Corona-Pandemie verändert derzeit fast alles und greift tief in das öffentliche und private Leben von uns allen ein. Millionen Deutsche sind in Kurzarbeit, der Export bricht in nicht gekannter Höhe ein, das Hochschulleben ist zum Erliegen gekommen, Urlaubsreisen finden nicht statt, Flugzeuge fliegen nicht und ob die Stammkneipe, das Lieblingsrestaurant oder der Lieblingsschuhladen in drei Monaten noch existiert, lässt sich leider auch nicht mit Sicherheit sagen.


Nach der Wiedervereinigung

 

Noch nie zuvor war das Leben der Deutschen so mit Unsicherheit ausgestattet. Aller Deutschen? Noch nie? Nicht ganz. Eine vollkommen andere – aber doch auch vergleichbare – Situation kommt 17 Millionen Ostdeutschen dabei in den Sinn. Sicher, es ging dabei nicht um eine Krankheit. Aber die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung haben in den neuen Ländern keinen Stein auf dem anderen gelassen. Die umfassende Transformation einer ganzen Gesellschaft griff tief in die Wirtschaft, die Verwaltung, in Justiz und Medien ein. Kurz gesagt: in das gesamte Leben im Prinzip aller Ostdeutschen. Die Wirtschaft brach Anfang der 90er Jahre um etwa ein Drittel ein. In wirklich jeder Familie war jemand von Arbeitslosigkeit betroffen, manche Regionen mussten von heute auf morgen eine Unterbeschäftigung von bis zu 50 Prozent aushalten. Der Staat mit seiner Verwaltung und Behörden, das Sozial- und Wirtschaftssystem wurden komplett umgebaut – und zwar nach bewährtem (aber für die Ostdeutschen eben auch unbekannten) westdeutschen Vorbild. 

Wer den kompletten Umbau einer Gesellschaftsordnung erlebt hat, der wird auch mit Elektromobilität und Digitalisierung fertig. 

Diese Phase des umfassenden Umbruchs, die für sehr viele Menschen auch ein Zusammenbruch war, hat sich tief in die Seele der Ostdeutschen eingebrannt. Verloren gegangen ist dabei auch der Glaube an die Beständigkeit aller Regeln und Gewohnheiten. Viele Ostdeutschen haben die Erfahrung gemacht, dass es „eben auch mal ganz anders kommen kann“. Die daraus resultierende Haltung lässt sich vielleicht auf die Formel bringen: Wer den kompletten Umbau einer Gesellschaftsordnung erlebt hat, der wird auch mit Elektromobilität und Digitalisierung fertig. 

Auswirkungen der Transformation

 

Es ist diese vielleicht etwas hemdsärmelige Herangehensweise, die für viele Ostdeutsche gerade mit den Erfahrungen der turbulenten 1990er Jahre kennzeichnend ist. Unideologisch konkrete Probleme lösen. Auf die eigene Kraft vertrauend nach unkonventionellen Lösungen suchen. Aber auch Rückzugsräume verteidigen und auf soziale Balance achten. Etwas mehr dieser Eigenschaften werden wir gut gebrauchen können, wenn Deutschland mit den Aufräumarbeiten nach der Pandemie beginnt. 

Gleichwohl: Nicht alles ist in der Transformationszeit nach der Wiedervereinigung geglückt, sonst hätten wir heute kein strukturelles wirtschaftliches und soziales Ungleichgewicht zwischen Ost und West, sonst wäre das Grundvertrauen der Ostdeutschen in die Demokratie höher. Deshalb gilt es auch aus einigen Fehlern der Transformation die richtigen Lehren zu ziehen. 

Die deutsche Verwaltung hat viele gute Regeln, sie ist aber auch überbürokratisiert und unterdigitalisiert.

Der Aufbau Ost war in erster Linie ein Nachbau West. Wir wissen aber auch, wer anderen hinterherläuft, ist immer nur zweiter Sieger. Deshalb wäre es gut, wir stellen alte Gewissheiten, alte Strukturen von Verwaltung und Staat durchaus mal auf den Kopf. Die deutsche Verwaltung hat viele gute Regeln, sie ist aber auch überbürokratisiert und unterdigitalisiert. Bevor wir weitermachen wie bisher, täten wir gut daran, Regeln auch mal grundsätzlich in Frage zu stellen. Und die Frage in den Mittelpunkt stellen: Wie lösen wir pragmatisch ein Problem? 

 

Neue Wege und Schlüsselinnovationen

 

Bürgerinnen und Bürger wollen den Eindruck haben, dass sie Gewicht haben, dass ihre Meinung zählt, dass sie gebraucht werden. Das ist heute noch wichtiger geworden, als es vor zwei oder drei Jahrzehnten der Fall war. Eine große Debatte über die Frage, wo wir als Gesellschaft hin wollen, hat in Deutschland nach 1990 gefehlt – jetzt wäre die richtige Zeit, sie zu führen. 

Gesellschaften, deren soziale Balance verloren geht und wo Ungleichheiten zunehmen, sind weniger krisenresistent und anfälliger für Populismen

Auch wenn in den vergangenen drei Jahrzehnten gerade in Ostdeutschland viel investiert wurde – es war nicht genug. Und es war nicht innovativ genug. Wir müssen heute nach echten Schlüsselinnovationen suchen, wirklich neue Wege gehen, damit Deutschland im globalen Wettbewerb dauerhaft bestehen kann. Dazu muss auch der Staat mehr investieren – und dabei insbesondere auch Regionen im Blick haben, die sich bei Wettbewerbsfähigkeit und Internationalität noch um Anschluss bemühen. 

Denn – und das ist eine zentrale Lehre aus der Transformationsperiode in Ostdeutschland – Gesellschaften, deren soziale Balance verloren geht und wo Ungleichheiten zunehmen, sind weniger krisenresistent und anfälliger für Populismen. Der ökonomische Umbau der kommenden Jahre muss auch dazu führen, dass die soziale Schere sich in Deutschland wieder schließt und nicht weiter aufgeht.

 

Umverteilung von Reichtum

 

Der Aufbau Ost hat zu einer großen Umverteilung von Reichtum geführt – so wurden viele Unternehmen im Osten von westdeutschen Firmen übernommen, viele Ostdeutsche überweisen ihre Miete heute in die alten Bundesländer. Der Anteil des ostdeutschen Erbschaftssteueraufkommens liegt bei unter fünf Prozent. Das absehbar stärkere Engagement des Staates an den Aufbauleistungen nach der Pandemie muss zum Beispiel dazu genutzt werden, dass Mitarbeiter stärker am Erfolg ihrer Firmen beteiligt werden oder dass sich „Normalverdiener“ Wohnungseigentum auch jenseits des „platten Landes“ leisten können und so fürs Alter vorsorgen können. 

Der Aufbau Ost war und ist eine große Erfolgsgeschichte – das sieht die überwiegende Mehrheit sowohl der Ost- als auch der Westdeutschen vollkommen zu Recht so. Gleichwohl wäre es – auch für das weitere Zusammenwachsen unseres Landes – gut, wenn wir die Transformationserfahrungen der Ostdeutschen stärker als bisher nutzen würden. Damit die neu anstehenden Transformationen unserer Gesellschaften besser gelingen. 

 


Matthias Platzeck (SPD) ist ehemaliger Ministerpräsident Brandenburgs und war 2019-2020 Vorsitzender der Regierungskommission zu „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“. 

 


Dieser Text erschien am 5. Mai 2021 bereits in einer kürzeren Fassung in der Märkischen Allgemeinen.