Innovation & Nachhaltigkeit

Corona-Krise: Was wir aus der ökonomischen Entwicklung des Westens in der Nachkriegszeit lernen können

Nicht alle Parallelen sind so eindeutig, wie sie scheinen


Thomas Falkner vergleicht die ökonomische Entwicklung des Westens in der Nachkriegszeit mit denen der Corona-Krise. Einige Rezepte von damals könnten auch heute helfen, einen Marshallplan 2.0 hält er jedoch für unpassend.


Mehr oder weniger behutsam bewegt sich die Welt aus dem ersten schweren Corona-Schock heraus. Das zu hohem Preis erkaufte Primat des Gesundheitsschutzes trifft in den Abwägungen von Politik und Öffentlichkeit mehr und mehr auf andere Prioritäten: Wirtschaftliche Entwicklung, Grundrechte, kulturelles Leben, soziale Beziehungen. In diesen Abwägungen zeigen sich –  bewusst oder unbewusst – erste zentrale Weichenstellungen für die Post-Corona-Zeit. Fast alle Stimmen betonen, dass die Normalität nach Corona keine einfache Neuauflage der Normalität vor der Krise sein wird und sein darf.

Unterhalb dieser Ebene operieren die klassischen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Denkrichtungen in ihren interessengeleiteten Bestrebungen. Vermeintliche historische Gewissheiten gelten dabei als gesetzte Größen. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Vielfalt der Wege zur Bewältigung von gesellschaftlichen Krisen größer ist, als es aus heutiger Sicht manchmal scheint.

Der wirtschaftliche Einbruch durch den Zweiten Weltkrieg

Wir stehen am Anfang einer globalen Rezession ungeahnten Ausmaßes. In jüngerer Vergangenheit gibt es dafür kein Beispiel. Wenn überhaupt, dann lohnt es sich, die ökonomische Entwicklung des Westens in der Nachkriegszeit zu betrachten.

Die USA sind dabei ein Sonderfall. Ihre Industrie blieb nicht nur von Kriegsschäden verschont, sondern konnte in der Kriegswirtschaft ihre Kapazitäten und ihren Produktivitätsvorsprung noch ausbauen. Demgegenüber betrug in den westeuropäischen, am Krieg beteiligten Ländern die Wirtschaftsleistung nur noch 30 bis 40 % der Vorkriegszeit (in Deutschland 20 %).

Allerdings gab es nach Kriegsende auch in Großbritannien, Frankreich und (West-)Deutschland eine aus heutiger Sicht überraschend intakte und vor allem moderne industrielle Infrastruktur. Auch hier war im Zuge der Kriegswirtschaft der Produktionsbereich stark ausgebaut worden, die kriegsbedingten Zerstörungen warfen die Länder dann etwa auf den Vorkriegsstand zurück. (West-)Deutschland erlitt auch kaum Reparationsverluste durch gezielte Demontagen. Der weitgehende wirtschaftliche Einbruch, insbesondere in Frankreich und (West-)Deutschland, war viel eher auf mangelnde Rohstoffversorgung, die zerstörte Verkehrsinfrastruktur und fehlende Transportmittel zurückzuführen.

Geplante Marktwirtschaft

Beim Neuaufbau von Wirtschaft und Wirtschaftsordnung spielten in Westeuropa Zweifel an der Funktionalität liberaler Marktwirtschaften eine zentrale Rolle, die durch Weltwirtschaftskrise und die lange Zeit ihrer Nachwirkungen genährt worden waren. Die Antwort darauf gab vor allem der Ökonom William Henry Beveridge mit seinem Konzept einer „geplanten Marktwirtschaft“, die für „Vollbeschäftigung in einer freien Gesellschaft“ (so sein 1944 erschienenes Hauptwerk) sorgen sollte. Beveridges Überlegungen prägten bereits die Denkschrift „Employment Policy“, die die Koalitionsregierung Churchill 1944 vorgelegt hatte.

Die erste britische Nachkriegsregierung unter Clement Attlee (Labour) entfaltete auf dieser Grundlage umfangreiche wirtschafts- und sozialpolitische Aktivitäten. Labour verstaatlichte Wirtschaftsbereiche, in denen der Staat ohnehin schon starken Einfluss ausgeübt hatte, Sanierungsfälle wie Kohlebergwerke und Eisenbahnen, aber auch rentable Sektoren wie die Eisen- und Stahlindustrie und den Straßentransport.

In Frankreich hießen die Schlagworte „Dirigisme“ und „Planification“. Eine Planungskommission aus Wirtschaftsführern und Staatsbediensteten konzipierte den Wiederaufbau. Sechs Schlüsselbranchen wurden bevorzugt mit Krediten, Devisen und Rohstoffen versorgt, Unternehmensfusionen im Interesse internationaler Wettbewerbsfähigkeit gefördert.

Unternehmerischer Staat

Im Ergebnis vollzog sich ein rascher und dynamischer wirtschaftlicher Aufschwung – in Großbritannien bis hinein in die 1960er Jahre, in Frankreich bis zur Ersten Ölkrise Anfang der 70er Jahre. Für die entstehenden neuen ökonomischen Bedingungen waren die Wirtschaftsordnungen der Nachkriegszeit dann jedoch nicht mehr flexibel und innovativ genug.

In (West-)Deutschland stand diesen „Glorreichen drei Jahrzehnten“ das „Wirtschaftswunder“ gegenüber. Hier hatte sich der Weg nach dem Krieg anders gestaltet: Zunächst hatte die Dekartellisierung im Zentrum gestanden, also die Zerschlagung der großen NS-nahen Konzerne. Westdeutschlands Weg war ordoliberal geprägt und blieb es, verbunden mit der zunächst dominierenden Idee von einem „Volkskapitalismus“, der „Wohlstand für alle“ (Erhard) bringen sollte, woraus sich dann das Leitbild der sozialen Marktwirtschaft entwickelte und behauptete.

Dennoch: Für die Wiederbelebung einer zum größten Teil zusammengebrochenen Wirtschaft bei weitgehend intaktem und modernem Kapitalstock sind die Nachkriegserfahrungen Großbritanniens und Frankreichs sowie die Ideen von Beveridge durchaus anregend. Sie verweisen auf eine mögliche zentrale Rolle und Verantwortung des Staates innerhalb weiter funktionierender Marktwirtschaften als

  • aktiver Unternehmer
  • makroökonomischer Regulator
  • Gründer für marktgerecht nicht zu erbringende Bedarfe der Daseinsvorsorge inkl. Bevorratung.

Soziale Absicherung nach dem Krieg und während Corona

Dazu gehört auch eine Rückbesinnung darauf, dass es in der Nachkriegszeit allenthalben zu einem, wie manche Autoren schreiben, „geradezu meteorhaften Aufstieg” sozialer Sicherung kam. Gerade Beveridge war hier für viele der wichtigste Ideengeber – der von ihm konzipierte National Health Service (NHS) ist noch heute, bei aller Kritik, der Stolz vieler Briten.

Stand in der Nachkriegszeit eine Politik zur Sicherung von Vollbeschäftigung im Mittelpunkt der Bemühungen, so wird in der gegenwärtigen Krise die prekäre Lage einer beträchtlichen Anzahl von (Solo-)Selbständigen und Kleinunternehmern deutlich, für die es keine systemische Absicherung gibt. Sozialstaatliche Sicherungen müssen auch für diese sozialen Gruppen aufgebaut werden. Dies ist umso wichtiger, als künftig in Verbindung mit sich verändernden Wertschöpfungsmodellen, verkürzten technologischen Zyklen, Dezentralisierung und Flexibilisierung von Arbeit eine deutliche Zunahme von Solopreneurs zu erwarten ist, deren sozialstaatliche Absicherung jetzt eingeleitet werden könnte.


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Corona & Society: Nachdenken über die Krise
Was können Gesellschaft und Politik programmatisch-konzeptionell aus der Krise lernen?

 

 

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Mit einem neuen Marshallplan aus der Corona-Krise?

Und die Finanzierung? Immer wieder wird von einem „neuen Marshallplan“ gesprochen und geträumt. Der 1947 in Kraft gesetzte Marshallplan war aber weniger ein simpler Gold- oder Geldregen, wie der bald entstandene Mythos versprach, sondern ein Finanzierungssystem, mit dem der Einkauf der devisenschwachen, aber bedürftigen Westeuropäer auf dem potenten US-Markt ermöglicht wurde und zugleich das anwachsende Handelsbilanz-Defizit beherrschbar gehalten werden sollte.

Deswegen kaufte nun die US-Regierung im eigenen Land Produkte und Rohstoffe auf Dollar-Basis ein und lieferte sie nach Europa, wo sie in den jeweiligen Landeswährungen an sogenannte Gegenwertfonds (Counterpartfonds) bezahlt wurden, über deren weitere Verwendung die jeweiligen Staaten gemeinsam mit der US-Seite entschieden.

Die Bedingungen, unter denen der Marshallplan zustande kam und umgesetzt wurde, sind mit den heutigen kaum vergleichbar. Heute sind alle Industrieländer gleichermaßen von der Krise getroffen, Überangebot dort und Angebotslücken hier stehen einander nicht gegenüber. Die westliche Vormacht ist ebenso betroffen wie die anderen führenden westlichen Industrieländer.

Weitet man jedoch etwas den Blick, so stellt sich schnell die Frage, welche Rolle China in der absehbaren Zukunft spielen kann und wird. Das Land verfügt nach wie vor über große Dollarreserven. Bereits vor der Krise hat China große Investitionsanstrengungen unternommen, um seine ökonomische Machtposition global zu sichern und auszubauen.

Eine zweite Überlegung verbindet sich mit der Frage, wie sich die Handelsbilanz-Disparitäten innerhalb der Europäischen Union nach der Krise darstellen und entwickeln. Bleibt es bei den beträchtlichen Handelsbilanzüberschüssen Deutschlands, die sich für die europäischen Partnerländer schon länger als problematisch erweisen, wäre zu überprüfen, ob für einen befristeten Zeitraum Anleihen bei der Idee der Counterpartfonds genommen werden können.