Wenn alle denken sie seien Teil der Mittelschicht

(Fehl-)Wahrnehmungen von Ungleichheit und warum sie für Sozialpolitik wichtig sind


Ungleichheit wird in der deutschen Bevölkerung vielfach falsch wahrgenommen. Das zeigt ein neues Paper der Universität Konstanz in Kooperation mit dem Progressiven Zentrum anhand von Befragungsdaten. Ungleichheit wird zwar durchaus als Problem betrachtet; ihr Ausmaß wird aber in wichtigen Aspekten unterschätzt. Dabei unterstützen große Teile der Bevölkerung eine egalitärere Gesellschaft. Daraus ergibt sich das Potenzial für eine politische Agenda, die progressive und egalitäre Politik stark macht.


 

Ungleichheit ist in Deutschland ein zentrales politisches und gesellschaftliches Problem: Viele Menschen sind zunehmend besorgt über das wachsende wirtschaftliche und soziale Gefälle. Neben der Einkommensungleichheit treibt sie die Frage um, ob es noch in ausreichendem Umfang Aufstiegschancen und Möglichkeiten der sozialen Mobilität gibt.


Hier geht's zum Paper

 

 

Wenn Ungleichheit für eine Mehrheit der Deutschen ein zentrales Problem darstellt, wäre zu erwarten, dass auch der Druck auf die Politik steigt, mehr politische Maßnahmen gegen das soziale Gefälle auf den Weg zu bringen. Doch der Druck hält sich in Grenzen und die politischen Reaktionen blieben bisher überschaubar. Ein Grund dafür könnte sein, dass es den Menschen schwer fällt, das tatsächliche Ausmaß der Ungleichheit zu erfassen. In diesem Policy Paper beschreiben die AutorInnen die Wahrnehmung verschiedener Facetten von Ungleichheit und sozialer MobilitätDabei zeigen sie, wie sich (Fehl-)Wahrnehmungen von Ungleichheit auf die Befürwortung von Maßnahmen zur Stärkung einer egalitären Politik auswirken.

Zentrale Erkenntnisse des Papers

  1. Gesellschaftliche Ungleichheit wird als Problem wahrgenommen und die Befragten wünschen sich eine gerechtere Verteilung von Vermögen und Einkommen.
  2. Dabei wird jedoch das Ausmaß der Ungleichheit unterschätzt. So wähnten sich viele der Befragten bezüglich ihres relativen Einkommens näher an der Mitte, als sie es tatsächlich sind.
  3. Zudem wird Vermögensungleichheit im Vergleich zur Einkommensungleichheit unterschätzt. Sie wird als kleiner wahrgenommen, obwohl sie in Deutschland tatsächlich etwa dreimal so groß ist.
  4. Die aktuellen Chancen für einen sozialen Aufstieg in der Gesellschaft schätzen die Befragten generell gering ein: Dabei sehen Befragte mit geringerem Einkommen und niedrigerem Bildungsniveau bessere Chancen für sich, als Befragte mit höherem Einkommen und Bildungsniveau. Zudem schätzen erstere auch das Ausmaß der Ungleichheit geringer ein als Befragte aus privilegierten Milieus.

Erläuterung: Die linke Abbildung zeigt die tatsächliche Position auf der Einkommensleiter in unserer Stichprobe; die rechte Abbildung zeigt, wo sich Menschen mit unterschiedlichem Einkommen tendenziell einordnen. Die Zahlen auf den Verbindungslinien geben an, um wieviele Dezilen (10-Prozent-Intervalle) sich die Befragten bei der Einschätzung ihrer eigenen relativen Position irren.

Handlungsempfehlungen für die Politik

Aus diesen Erkenntnissen ergibt sich ein bisher kaum genutztes Potenzial für eine politische Agenda, die progressive und egalitäre Politik stark macht. Die AutorInnen sprechen deshalb folgende Handlungsempfehlungen für die Politik aus:

  1. Politische Parteien, die sich dem Thema Ungleichheit annehmen wollen sollten Visionen und politische Agenden zu entwickeln, die Chancengleichheit und Perspektiven für einen sozialen Aufstieg erhöhen.
  2. Die öffentliche Debatte über Ungleichheit in der Gesellschaft sollte intensiviert und mit mehr Informationen über das tatsächliche Ausmaß der Ungleichheit in Deutschland versorgt werden. Die Menschen müssen befähigt werden, abstrakte Vorstellungen von Ungleichheit auf ihre konkrete Lebenssituation zu beziehen.
  3. Dazu können auch öffentliche Räume beitragen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Biografien in einen Austausch treten können. Solche Räume können das Bewusstsein für das Problem als solches schärfen und darüber den politischen Druck erhöhen.

 


Die AutorInnen

Luna Bellani ist Forschungsgruppenleiterin und Principal Investigator am Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz.

Nona Bledow ist Doktorandin an der Graduate School of Decision Sciences und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster.

Marius Busemeyer ist Professor für Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Politische Ökonomie an der Universität Konstanz und Sprecher des Exzellenzclusters.

Guido Schwerdt ist Professor im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an der Universität Konstanz und Mitglied im erweiterten Vorstand des Exzellenzclusters.

 

Hintergrund zur Kooperation

Die Studie ist Teil eines großangelegten Umfragen-Programms des Konstanzer Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“. Mithilfe der Umfragen möchten die Forschenden des Clusters besser verstehen, wie Menschen in Deutschland mit den sozialen und politischen Folgen der Corona-Krise umgehen.

Nähere Details zur Auswahl der Befragten und zur Datengrundlage finden sich auf der Seite des Exzellenzclusters „Politics of Inequality“. Mehr Informationen zum Hintergrund der Kooperation zwischen dem Cluster und dem Progressiven Zentrum, sowie zu den anderen bereits veröffentlichten Policy Papieren, finden sie hier.

 

Kontakt

Bei Fragen zu dieser Publikationsreihe und Vermittlung zu den ExpertInnen unterstützen Sie gerne:

 

 

Florian Ranft | Leitung Programmbereich Strukturwandel 

 

 

 

 

Dieses Policy Paper wurde in Kooperation mit dem Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz  veröffentlicht.