Was Deutschland jetzt von Japan bei Innovationen lernen kann

Innovationspartnerschaft zwischen Deutschland und Japan: Hier prallt Japans praktisch-konkreter Ansatz auf Deutschlands strategische Visionen. Ein Blick über Grenzen, der zukünftige Wege aufzeigt.

Japan, unser „Wertepartner in Asien“: So lautet die neue Rhetorik in Berlin – und auch die G7-Gipfeldokumente aus Hiroshima oder die Abschlusserklärung der deutsch-japanischen Regierungskonsultationen standen für viel Einigkeit und noch mehr Ideen für künftige Kooperation.

Japan und Deutschland liegen auf unterschiedlichen Kontinenten und sitzen doch im gleichen Boot: Ihre Sicherheit, Wirtschaft, Energie- und Rohstoffversorgung sind abhängig vom Ausland. Beide sind Globalisierungsgewinner, deren Bevölkerung reich und alt geworden ist, deren Wohlstand sicher und deren Sozialsysteme stabil bleiben sollen.

Und beide sind stolze Hochtechnologieländer, in denen Dekarbonisierung und Digitalisierung lieb gewonnene Lebensweisen und etablierte Industrien herausfordern, die eine gerechte Transformation brauchen.

Ein Schlüssel für diese Transformation ist Innovation. Die Fähigkeit dazu müssen beide Länder neu unter Beweis stellen. Japan geht kulturell bedingt andere Wege als Deutschland und ist in einem Feld besonders stark, in dem Deutschland noch dazulernen kann: der politischen Planung.

Die japanische Innovationspolitik bricht gesellschaftliche Transformationsaufgaben in konkrete Prozesse und Strukturen herunter, erleichtert so die Orientierung und Koordination aller Beteiligten.

Ein Beispiel ist die Reaktion auf Japans alternde Gesellschaft, für die mit „Society 5.0“ ein Zukunftsbild entwickelt wurde, in dem Technologien wie empathische Roboter oder Telepräsenzsysteme es alten Menschen ermöglichen, weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Während die Vision abstrakt und für unterschiedliche Interpretationen anschlussfähig bleibt, nutzt die Verwaltung sie als Ausgangspunkt, um Fünf-Jahres-Pläne für ihre Wissenschafts- und Technologiepolitik festzulegen. Sie werden in Ein-Jahres-Plänen konkretisiert und aktualisiert, worauf dann Wissenschaftsgremien oder der japanische Wirtschaftsverband zurückgreifen, um die Erwartungen der Politik an den Beitrag ihrer Mitglieder zu klären.

Forschungskooperationen zwischen Universitäten und Unternehmen bewegen sich so in einem ausreichend flexiblen Rahmen, der sie auf gesellschaftliche Transformationsziele ausgerichtet hält.

Wo in Japan eine Vision in mittel- und kurzfristige Planung heruntergebrochen wird, schreiben in Deutschland drei Ministerien eine jeweils eigene Strategie. Die neu gegründete „Allianz für Transformation“ soll das zusammenführen. Von Japan kann sie lernen, wie man dann auch in die Details geht.

Dort überzeugt man andere nicht wie in Deutschland mit einem guten Konzept, sondern erst, wenn man auch zeigen kann, dass die Neuerung reibungslos angewendet werden kann.

Die Ökonomin Erin Meyer nennt das „application first“: In Unternehmen wird eine Idee zwischen Fachexpertinnen und Anwendern diskutiert, verprobt und verbessert, bevor sie der Leitungsebene zur Entscheidung vorgelegt wird. Zu dem Zeitpunkt ist es unwahrscheinlich, dass es noch Fragen gibt, auf die eine Antwort fehlt.

Neuer Umgang mit China

Was nach langen Prozessen und einem Problem für schnelle, disruptive Innovation klingt, ermöglicht kleine Schritte auf dem Weg zur großen Vision. Das zeigen auch Innovationen in der Politik selbst: Wie Deutschland sucht Japan nach einem neuen Umgang mit China.

Das betrifft neben sicherheitspolitischen Fragen auch die Absicherung kritischer Technologien in Wissenschaft und Wirtschaft. Im Herbst 2021 wurde dafür ein neues Politikfeld geschaffen: Die Ministerin für wirtschaftliche Sicherheit, Wissenschafts- und Technologiepolitik, Sanae Takaichi, ist zuständig für die schrittweise Umsetzung des „Economic Security Act“.

In dessen Rahmen wird beispielsweise geklärt, welche kritischen Güter es gibt und wie deren Lieferketten aussehen. Solche Vorarbeit führt dazu, dass Japan klar benennen kann, was „Derisking“ umfassen muss. Güter, die Japan bereits in detaillierten Gesetzesinitiativen sichert, wurden nun auch im G7-Kreis benannt: kritische Mineralien, Halbleiter und Batterien.

Für die japanische Herangehensweise an die Transformation – das Herunterbrechen, Konkretisieren, Ausbuchstabieren – sind kulturelle Eigenschaften verantwortlich. Das ist aber kein Argument, sie beiseitezuschieben. Würde ein Unternehmen so an ein deutsch-japanisches Projekt herangehen, müsste man ein interkulturelles Kompetenztraining empfehlen.

Gleiches sollte für Politik und Verwaltung gelten: Die Zusammenarbeit mit dem Wertepartner Japan in Sachen Innovation sollte sich nicht auf Wirtschaft, Wissenschaft oder Zivilgesellschaft beschränken und bei der angekündigten Intensivierung der politischen Zusammenarbeit den Austausch zur innovationspolitischen Planung selbst suchen.


Dieser Beitrag ist zuerst am 16. August im Handelsblatt erschienen.

Autorinnen

Michelle Deutsch war Projektmanagerin und begleitete Projekte zu den Themen Moderner Staat und Resiliente Demokratie. Sie studierte Public Governance an der Universität Münster und der Universität Twente sowie Public Policy an der Hertie School in Berlin.
Daniela Blaschke verantwortet den Aufbau von Public Affairs-Aktivitäten bei der PowerCo SE, der 2022 gegründeten Batterietochter des Volkswagen Konzerns und ist Mitglied des Volkswagen Group Future Heads Network. Zuvor lebte und arbeitete sie zwei Jahre in Japan, wo sie Forschungs- und Entwicklungsteams der Volkswagen Group Japan mit Analysen zum regulatorischen und gesellschaftspolitischen Kontext von Innovationen in Süd- und Ostasien unterstützte.

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