Andy Burnhams Rede auf dem Labour-Parteitag in Liverpool war vieles: Sie war seine erste Parteitagsrede als Premierminister – und damit sein erster programmatischer Auftritt als Regierungschef. Sie war menschlich, staatsmännisch und zutiefst politisch. Burnham formulierte einen Handlungsrahmen dafür, wie Großbritannien aus einem Zustand anhaltender sozialer, wirtschaftlicher und politischer Malaise wieder herausfinden könnte.
Die Rede rief unter Delegierten und politischen Kommentator:innen ein außergewöhnlich positives Echo hervor. Das war kein Selbstläufer, nachdem vor einem Jahr Keir Starmer Land und Parteifreunde ansprach und die Stimmung trotz des deutlichen Wahlsiegs im Juni 2024 bedrückt und trüb war. Burnham hingegen setzte seine Zuhörer:innen am Dienstag „on fire” – und das weit über Liverpool hinaus. Er selbst fasste seinen Anspruch am Ende seiner Rede bescheiden zusammen: „Honesty, ideas and a clear direction”.
Und ja: Nicht jede seiner Diagnosen muss man teilen, nicht jede der vorgeschlagenen Reformen wird funktionieren. Insbesondere bei der Finanzierung seiner großen Projekte gibt es offene Fragen. Bemerkenswert und auch für den deutschen Kontext interessant ist, dass hier ein Partei- und Regierungschef versucht, aus einer Vielzahl alltäglicher Probleme wieder ein zusammenhängendes politisches Projekt zu machen.
Der Publizist Oliver Weber hat kürzlich in der F.A.Z. mit Blick auf den Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt eine Frage für die deutsche Debatte formuliert, die sich auch beim Hören dieser Rede geradezu aufdrängt: Finden die Parteien, die die Bundesrepublik bisher getragen haben, einen guten Grund, ähnlich unzufrieden mit dem Status quo zu sein wie viele Wähler:innen der AfD? Burnhams Rede versucht genau das: Unzufriedenheit nicht zu beschwichtigen oder dem politischen Gegner zu überlassen, sondern ihr eine eigene Diagnose zu geben – und eine andere Richtung.
Erst die Diagnose, dann die Hoffnung
Man hätte angesichts leerer Staatskassen, anhaltend schwacher Konjunktur, hoher Inflation, maroder Infrastruktur und konstant hoher Zustimmungswerte für Reform UK einen Frontalangriff auf die politischen Gegner und einen Maßnahmenkatalog für ein umfassendes Reformprogramm erwarten können. Genau das aber liefert Burnham in seiner Rede nicht. Auch keine optimistische Beschwörung. Stattdessen zieht er für einen amtierenden Regierungschef eine ungewöhnlich schonungslose Bilanz: Deindustrialisierung, Deregulierung, Privatisierung, Austerität, Brexit – Großbritannien sei seit Jahrzehnten auf dem falschen Weg.
Burnham lädt die Verantwortung dafür nicht einfach bei den Tories ab. Der Zustand der Pflege? Ausdrücklich das Versagen seiner eigenen Politikergeneration – „myself included“. Er entschuldigt sich bei den Beschäftigten dafür, dass seine Zunft sie so lange im Stich gelassen habe. Seine Ehrlichkeit geht noch weiter: Er behandelt den Thatcherismus nicht einfach als vierzigjährige Tory-Episode, sondern als politische Ordnung, an der auch Labour mitgewirkt hat und deren zentrale Prämissen auch seine Partei und er selbst lange nicht grundsätzlich infrage gestellt haben.
Das prägt den Sound der gesamten Rede. Es ist kein klassisches Blame Game, der politische Gegner nicht der alleinige Schuldige. Nein. Burnham nimmt die eigene politische Tradition in die Verantwortung. Weil der Verlust politischer Handlungsfähigkeit kein Naturereignis ist. Die Politik selbst hat Kontrolle abgegeben – über öffentliche Infrastruktur und Daseinsvorsorge, überregionale Entwicklung, industrielle Kapazitäten und damit auch die Verantwortung des Staates, grundlegende Systeme zuverlässig funktionieren zu lassen. Ehrlichkeit bedeutet bei Burnham deshalb mehr als Klartext.
Damit berührt Burnhams Rede etwas, das weit über Großbritannien hinausreicht: Wenn der Zug nicht fährt, Pflege kaum organisierbar ist, Wohnen unbezahlbar wird oder die Menschen in einer Region den Eindruck haben, über ihre Zukunft werde längst anderswo entschieden, wird ein abstraktes Problem staatlicher Steuerungsfähigkeit zur persönlichen Alltagserfahrung.
Take back control – nur ganz anders: als Politics of Control
Genau deshalb ist Burnhams Umgang mit einem der wirkmächtigsten politischen Slogans der jüngeren britischen Geschichte so interessant: „Take back control.” Der Satz wurde zum Leitmotiv der Brexit-Kampagne. Die britische Rechte verbindet „control“ bis heute mit Grenzen, Migration und nationaler Souveränität. Und Burnham negiert das Bedürfnis nach Kontrolle nicht. Er stellt vielmehr eine andere Frage und nimmt so eine Umdeutung dieses Kampfslogans vor: Worüber genau sollten Menschen eigentlich wieder Kontrolle gewinnen?
Seine Antwort: nicht primär über andere Menschen, sondern über die Voraussetzungen für ein erfülltes, sicheres und würdevolles Leben. In Liverpool formuliert er diese Umkehr ausdrücklich. Die Rechte sage „take back control“ – dabei seien sie es gewesen, die durch ihre politischen Entscheidungen Kontrolle aus der Hand gegeben haben.
Burnham baut damit auf den Manchesterism auf – sein in Greater Manchester entwickeltes Modell: mehr Kompetenzen für Lokal- und Regionalpolitik, gezielte öffentliche Investitionen, regionale Arbeitsmarkt- und Ausbildungsinstrumente (z. B. das Manchester Baccalaureate), bezahlbaren Nahverkehr (Bee Network), Bekämpfung von Obdachlosigkeit, Zusammenarbeit mit privaten Akteuren und öffentliche Kontrolle dort, wo elementare Infrastruktur nicht funktioniert. In der Folge wuchs Manchester in den vergangenen zehn Jahren deutlich schneller als der britische Durchschnitt und inzwischen auch schneller als London (rund 2,8 % jährliches Wachstum gegenüber 1,3 % im UK und 1,1 % in London). Die Rede in Liverpool fügt diesem Erfolgsmodell noch etwas Entscheidendes hinzu: eine politische Erzählung.
Control – and hope in every heart
Man könnte diesen Ansatz als Politics of Control beschreiben: Der Staat gewinnt bei zentralen Grundlagen des Lebens wieder Handlungsfähigkeit, gibt zugleich Macht an Regionen und Kommunen zurück und schafft damit Voraussetzungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirtschaftliche Erneuerung. Kontrolle bedeutet hier also weder Zentralisierung noch einen möglichst großen Staat, sondern die Fähigkeit einer Gesellschaft, über die Bedingungen ihres gemeinsamen Lebens wirksam zu entscheiden.
Das ist mehr als klassische Bread-and-butter-Politics. Burnham spricht über Stromrechnungen, Wohnungen, Busse, Pflege und Renten. Aber diese Dinge stehen nicht wie auf einer Einkaufsliste unter- bzw. nebeneinander. Individuelle Alltagssorgen werden als kollektive Probleme erzählt – daraus entsteht die Begründung für gemeinsames politisches Handeln. Aus der unbezahlbaren Wohnung, dem ausfallenden Bus oder der überforderten Pflege werden gemeinsame Aufgaben. Gemeinsam heißt dabei nicht, dass alle gleichermaßen betroffen sind – sondern dass auch ungleich verteilte Belastungen als gesellschaftliche Aufgabe verstanden werden. Vom Ich zum Wir – ganz ohne Wir-Rhetorik.
Labour selbst fasste Burnhams Ansatz am Tag der Rede so zusammen: mehr öffentliche Kontrolle über die „essentials in life“, Macht und „good growth in every postcode“ des Landes – und natürlich: „hope in every heart”.
Politische Führung heißt auch: ins Risiko gehen
Gerade hier liegt der Unterschied zwischen Burnhams Ansatz und einer Politik, die Reformen vor allem als notwendige, bisweilen gar alternativlose Zumutungen erzählt. Rory Stewart hebt im Gespräch mit Alastair Campbell im Podcast The Rest Is Politics hervor, dass Burnham etwa mit seiner Position zum Brexit bewusst den risikoarmen Mittelweg verlässt. Er liest darin eine Form von politischem Mut: Burnham nimmt in Kauf, mit klaren Positionen Konflikte zu eröffnen, statt sie kommunikativ zu umschiffen. Auch beim Thema Rente verbindet Burnham sein Versprechen eines National Care Service mit Eingriffen in die politisch hochsensible Rentenregelung. Die Zumutung verschwindet also nicht – aber sie bekommt ein Wofür.
Entscheidend ist dabei Burnhams Reformlogik. Er beginnt nicht bei abstrakten Zielgrößen wie Wachstum oder Wettbewerbsfähigkeit, sondern bei der Frage, was Menschen im Alltag befähigt, ein gutes und produktives Leben zu führen. Gute Pflege, bezahlbares Wohnen, funktionierende Mobilität oder Bildung: Das sind in dieser Perspektive nicht bloß Sozialausgaben, sondern Voraussetzungen dafür, dass Menschen arbeiten, sich einbringen, Risiken eingehen und Vertrauen in das Gemeinsame entwickeln können.
Reform ist dann nicht in erster Linie Abbau, sondern struktureller Neuaufbau: ein Sozialstaat, der Sicherheit gibt, Menschen befähigt und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit stärkt. Wirtschaftliche Dynamik nicht „against” soziale Infrastruktur, der Sozialstaat nicht als Gegenstück wirtschaftlicher Dynamik, sondern als eine ihrer Voraussetzungen. Und spätestens hier kommt man nicht umhin, durch die Burnham’sche Brille auf Deutschland zu schauen.
Eine Blaupause auch für Deutschland?
Natürlich sind die politischen Voraussetzungen andere: Großbritannien kennt keinen Föderalismus, ist kein EU-Mitglied, sein Wahlsystem ist ein anderes und auch seine Geschichte der Privatisierung und Zentralisierung lässt sich nicht einfach übertragen. Ohnehin verdienen Burnhams konkrete „Ideas” ihre eigene kritische Debatte im britischen Kontext. Hinzu kommt seine besondere politische Position: Nach Jahren außerhalb Westminsters kann er glaubhaft als „Outsider” auftreten, der das politische Zentrum aus der Distanz betrachtet und mit praktischer Regierungserfahrung aus Manchester zurückkehrt. Das verschafft ihm Spielraum für Selbstkritik und Neuanfang, den nicht jede Regierungspartei und nicht jeder Regierungschef für sich beanspruchen und nutzen kann.
Was Großbritannien und Deutschland dagegen gemein ist: eine politische Mitte unter massivem Druck von rechtsaußen; öffentliche Systeme, an deren Funktionsfähigkeit (häufig nicht zu unrecht) zunehmend gezweifelt wird; und eine Reformdebatte, die trotz aller möglichen Beteuerungen in der allgemeinen Wahrnehmung schnell auf Kürzungen und andere Zumutungen zusammenschrumpft.
Vielleicht lohnt deshalb weniger die Frage, welche Policy aus Burnhams politischer Agenda auf Deutschland übertragbar ist, als der Blick auf die Mechanik seiner Rede: Sie beschönigt die Lage nicht und gesteht eigene Fehler ein. Das ist stark, weil es in unserer politischen Kultur unüblich ist – aus Sorge vor politischer Verletzlichkeit, die man dem politischen Gegner nicht zugestehen will. Dabei kann Ehrlichkeit zu einem wichtigen Baustein neuer Glaubwürdigkeit in der demokratischen Mitte werden – nicht als Selbstgeißelung, sondern als souveränes Eingeständnis: Wir haben manches nicht ausreichend gesehen oder falsch eingeschätzt. Heute sehen wir klarer und ziehen daraus weitreichende Konsequenzen.
Der Staat, das sind wir alle
Für Deutschland ist auch die Verbindung von politischer Handlungsfähigkeit und Gemeinsinn interessant: Kontrolle heißt hier, gemeinsam wieder Einfluss auf die Bedingungen des eigenen Lebens nehmen zu können. In der deutschen Debatte gibt es dafür Anknüpfungspunkte. Henning Meyer beispielsweise unterscheidet in seinem Konzept eines „Capability State“ zwischen staatlicher Handlungsfähigkeit, individueller Befähigung und „Community Capability”: den Beziehungen, Orten und Institutionen, in denen Vertrauen, Zugehörigkeit und gemeinschaftliche Handlungsmacht überhaupt erst entstehen: „Der Staat, das sind wir alle.“
Das weist über die bloße Notwendigkeit eines leistungsfähigeren Staates hinaus. Wer Politik ausschließlich als Tauschgeschäft zwischen Regierenden und einzelnen Wählergruppen versteht, schafft noch kein gemeinsames Projekt. Eine demokratische Gesellschaft braucht auch eine Vorstellung davon, was ihre Mitglieder miteinander verbindet, was sie gemeinsam erhalten oder verändern wollen – und wofür sie bereit sind, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Dazu gehört auch ein unaufgeregter, positiver Patriotismus, der progressive Politik aus der Defensive in die Offensive bringen kann: nationale Erneuerung wird nicht gegen Andere definiert, sondern aus progressiven Werten heraus – über das Versprechen, dass das eigene Land wieder für alle besser funktionieren kann.
„Hope comes from honesty.” Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus Liverpool: Politische Erneuerung beginnt dort, wo Unzufriedenheit mit dem Status quo nicht in Ressentiment übersetzt wird, sondern in ein gemeinsames Projekt – mit einer ehrlichen Diagnose, einer erkennbaren Richtung und dem Vertrauen darauf, dass Veränderung wieder möglich ist.
Autor:innen
Jede Wochen geht ein:e Autor:in aus dem Netzwerk von Das Progressive Zentrum in der Kolumne Die Progressive Lage einer aktuellen politischen Frage nach, leitet strukturelle Entwicklungslinien aus dem Tagesgeschehen ab, ordnet ein, kommentiert und setzt Impulse. Impulse, an denen wir uns reiben können – auch wir als Herausgeber:innen, weil die Standpunkte unserer Autor:innen nicht zwangsläufig auch unsere sind.






