Isabella M. Weber

Wie die extreme Rechte ökonomische Verunsicherung in kulturelle Konflikte übersetzt

Wenn wir den weiteren Aufstieg der extremen Rechten verhindern wollen, brauchen wir eine Wirtschaftspolitik, bei der die Bedürfnisse und die Würde der Menschen im Mittelpunkt stehen, schreibt die Ökonomin und Professorin Isabella M. Weber, in ihrem neuen Buch. In diesem Auszug zeichnet sie nach, wie die extreme Rechte den Kapitalismus von rechts kulturalisiert um für sich zu mobilisieren – und dafür ein eigentlich linkes Feindbild für sich beansprucht.

Die Globalisierung hat Arbeitergemeinden überall in der westlichen Welt geschwächt. Die extreme Rechte kämpft nicht gegen den Profitfundamentalismus der globalen Wirtschaftsordnung, sondern lenkt die Wut der Gemeinden, die auf der Strecke geblieben sind, auf ein kulturelles Ziel und prangert statt dem zugrunde liegenden System die Gewohnheiten der Eliten an. Diese Strategie ist nicht neu. „Frühe faschistische Bewegungen machten keinen Hehl aus ihrer Verachtung für bürgerliche Werte”, so der Faschismusexperte Robert Paxton. Am Kapitalismus kritisierten sie nicht seine Ausbeutung, sondern seinen Materialismus, seine Gleichgültigkeit gegenüber der Nation, seine Unfähigkeit, die Seelen der Menschen zu erreichen. Dies war eine demagogische Form von Antikapitalismus: Einmal an der Macht, verboten faschistische Regimes Streiks, lösten unabhängige Gewerkschaften auf, verringerten die Kaufkraft der Lohnempfänger und lenkten zur äußersten Befriedigung der Arbeitgeber große Finanzströme in die Rüstungsindustrie.

Die „Davos-Men” haben dem Feind der heutigen extremen Rechten ein Gesicht gegeben. Der Ausdruck wurde bei dem konservativen Politikwissenschaftler Samuel Huntington entlehnt, der dem Begriff auf dem Höhepunkt der Globalisierung zu Popularität verhalf, um
eine neue Klasse von Konzerneliten zu beschreiben, die sich keiner bestimmten Nation und keinem Volk verbunden fühlen. Die amerikanischen Großunternehmen, so Huntington, verstünden sich selbst als multinationale Konzerne, lehnten den Patriotismus nachdrücklich ab und unterschieden zwischen ihren Interessen und den nationalen oder Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten. In Huntingtons Darstellung betrachten die Davos-Men die Regierungen als historische Überbleibsel, deren einzige nützliche Funktion darin besteht, die globalen Aktivitäten der Elite zu ermöglichen. Er bezeichnet sie als
„tote Seelen”: ohne Wurzeln, kosmopolitisch, nirgendwo beheimatet. In der Welt der Davos-Men ersetzt der Weltmarkt die nationale Gesellschaft und der globale Konsument den Staatsbürger – Hayeks Traum der Unterwerfung unter den Markt wird in globalem Maßstab verwirklicht. Aber die meisten Bürgerinnen und Bürger in den Nationalstaaten
sind damit nicht einverstanden, so Huntington. Zwischen den entnationalisierten Eliten und der übrigen Menschheit klafft ein tiefer Graben.

Die extreme Rechte ging von derselben Beobachtung aus. Aber sie griff den Davos-Man nicht an, weil er Arbeitsplätze ins Ausland verlegte, Löhne drückte oder Regulierungsbehörden vereinnahmte. Sie griff ihn für seinen Globalismus und Säkularismus an, für seine Offenheit für Diversität und Multikulturalismus, für die Geringschätzung, mit der er Nation, Familie und Glaube behandelte. Die Kritik der extremen Rechten am Davos-Man fiel auf fruchtbaren Boden, weil sie in etwas Realem wurzelte. Aber der Trick bestand darin, die Wut auf kulturelle Sündenböcke zu lenken. Der Davos-Man wurde nicht als Verkörperung der Konzernmacht abgelehnt, sondern wegen seiner Kultiviertheit, seiner gehobenen Ausdrucksweise, seinem schicken Anzug. Viele rechtsextreme Politikerinnen und Politiker – darunter die ehemalige Goldman-Sachs-Bankerin Alice Weidel oder Donald Trump – gehörten selbst dieser Elite an. Vielleicht half ihnen das, ein so anschauliches Bild von ihr zu zeichnen. Es gelang ihnen, Wähler anzusprechen, die sich von den Parteien der Mitte nicht vertreten fühlten. Die extreme Rechte nahm einen Raum ein, den die Linke aufgegeben hatte. Nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus zog sich die Linke weitgehend aus der Klassenpolitik zurück. Zu oft war sie außerstande, den Kampf für Gerechtigkeit für rassistisch oder aufgrund ihres Geschlechts Diskriminierte mit den wirtschaftlichen Klagen von Gemeinschaften zu verknüpfen, die von der Deindustrialisierung betroffen waren. Die extreme Rechte füllte die Lücke – nicht mit einer wirtschaftlichen Analyse, sondern mit Feinden aus Fleisch und Blut. Dem Davos-Man wies sie in ihrer Inszenierung eine Hauptrolle zu.

Die italienischen und deutschen Faschisten stützten sich beim Aufstieg zur Macht auf einen demagogischen „Antikapitalismus”. Als Verursacher der Probleme der Massen wurden eine „internationale Plutokratie”, die „bösen Juden”, die „schmutzigen Zigeuner”, die „Behinderten”, die „sexuell Abartigen” und alle kulturellen Identitäten identifiziert, die sich als stereotypische Feinde eigneten. Die Aufmerksamkeit wurde von der Gesellschaftsordnung und der Enttäuschung über die wirtschaftlichen Bedingungen weggelenkt und in Nationalismus, Antisemitismus und Ablehnung all derer kanalisiert, die vermeintlich keinen Platz in einem homogenen nationalen Volk hatten, das es in der Realität nie gegeben hatte. […]

Die wirtschaftliche Kluft zwischen multinationalen Großkonzernen und fabelhaft reichen Personen auf der einen und der wirtschaftlich stagnierenden Mehrheit auf der anderen Seite wird nicht als wirtschaftliches Problem in Angriff genommen, sondern in einen Kulturkrieg
verwandelt.

Das neue Buch „Antifaschistische Wirtschaftspolitik” von Isabella M. Weber erscheint am 13. Oktober 2026 im Suhrkamp Verlag.

Isabella M. Weber: Antifaschistische Wirtschaftspolitik. Suhrkamp 2026. 399 Seiten. €26,-


Autor:innen

Isabella M. Weber ist eine deutsche Ökonomin und Professorin für Volkswirtschaftslehre an der University of Massachusetts Amherst in den USA.

Jede Wochen geht ein:e Autor:in aus dem Netzwerk von Das Progressive Zentrum in der Kolumne Die Progressive Lage einer aktuellen politischen Frage nach, leitet strukturelle Entwicklungslinien aus dem Tagesgeschehen ab, ordnet ein, kommentiert und setzt Impulse. Impulse, an denen wir uns reiben können – auch wir als Herausgeber:innen, weil die Standpunkte unserer Autor:innen nicht zwangsläufig auch unsere sind.

Isabella M. Weber

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