Corona-Lektionen: Nachdenken über die Krise und die Widersprüche der Zeit

Zwischenergebnisse aus einer Gesprächsreihe mit der Bertelsmann Stiftung


Wirkt Covid-19 als Beschleuniger eines Paradigmenwechsels in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft? Unter dieser Frage kuratiert das Progressive Zentrum gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung eine Gesprächsreihe mit VordenkerInnen aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft. Ziel ist eine Bestandsaufnahme möglicher Konsequenzen der Coronakrise für Transformationsprozesse in den Bereichen Klima und Digitalisierung.


Die globale Covid-19-Pandemie stellt einen tiefen Einschnitt dar. Nahezu sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie der Politik und Wirtschaft befinden sich in einem dauerhaften Ausnahmezustand.

Jedoch war unsere Gesellschaft bereits vor der Coronakrise von ökonomischen, kulturellen und politischen Umbrüchen gezeichnet. So stellen uns beispielsweise der fortschreitende Wandel von Arbeit und Wertschöpfung aufgrund neuer Technologien oder die sich zuspitzende Klimakrise vor wachsende Herausforderungen.

Bekannte Transformationsprozesse treffen auf neue Dynamiken

Diese bekannten Muster sozialer, ökologischer und ökonomischer Transformation treffen nun auf neue, durch die Pandemie angestoßene Dynamiken. Neben verschwörungstheoretischen Tendenzen, die das demokratische System vermehrt in Frage stellen, steht der öffentliche Raum ohnehin durch die pandemiebedingten Einschnitte unter wachsendem Druck. Dies stellt unsere Demokratie einerseits vor massive Herausforderungen.

Andererseits öffnet die Krise neue Perspektiven im Hinblick auf unmittelbar bevorstehende Strukturwandelprozesse, die mit dem Klimawandel oder der Digitalisierung einhergehen. Zentral sind hier z.B. Debatten über die Umstrukturierung hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft und mehr gesellschaftlicher Resilienz.

Die Coronakrise als Transformationsbeschleuniger?

Während sich viele BürgerInnen nach der Rückkehr zur gewohnten Normalität sehnen, erhoffen sich andere, dass die globale Pandemie neue Gelegenheitsfenster öffnet. Sie sehen die Chancen der Krise für den sozialökologischen Umbau und den Aufbruch in eine nachhaltigere und gerechtere Gesellschaft.

“Der Neustart aus Covid-19-Krise ist eine Chance für die Transformation der deutschen Wirtschaft in Richtung Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Dekarbonisierung, Digitalisierung, Dezentralisierung und Demokratisierung sind die Schlüsselbegriffe der Zukunft.”

Prof. Dr. Claudia Kemfert

Vieles deutet darauf hin, dass die Gleichzeitigkeit der Klimakrise und der globalen Pandemie einen politischen Paradigmenwechsel befördern könnte. Voraussetzung hierfür sind jedoch zielgerichtete Maßnahmen und aktive Verantwortungsübernahme vonseiten des Staates, der Wirtschaft sowie der Gesellschaft.

“Vor dem Hintergrund der Pandemie muss die sozialökologische Transformation heute als widersprüchliche Einheit von Aufbruch und Rückkehr dargestellt werden. Es geht um eine „neue Normalität“, die das Thema Schutz aufgreift und den Schutz des Klimas als Schutz der Menschen vor Augen führt.

Zu erklären ist dann, wie mögliche individuelle Wohlstandsverluste durch erstrebte kollektive Wohlfahrtsgewinne ausgeglichen werden können. Damit binden sich Vorstellungen gesellschaftlicher an Modelle individueller Transformation. Allerdings lässt sich das nicht als noch so kluges Tauschgeschäft begründen. Es braucht die inspirative Idee einer gemeinsamen Zukunft, die den Zukunftskämpfen einer zwischen Norden und Süden umstrittenen Weltgesellschaft gerecht wird.“

Prof. Dr. Heinz Bude

Politische Konzepte für neue Ambivalenzen entwickeln

Gesellschaftlich erleben wir die Coronakrise als eine Reihe in sich verketteter Widersprüche. So beobachten wir neue Formen der Solidarität und gleichzeitig eine Verfestigung der gesellschaftlichen Polarisierung, mehr digitale Teilhabe und wachsende digitale Ungleichheit, ein gestärktes Demokratiebewusstsein und autoritäres Begehren, ökologische Veränderungsbewegungen und den Wunsch nach Rückkehr zum Status quo ante.

Diese Ambivalenzen gilt es zu identifizieren, um auf Grundlage evidenzbasierter Trendanalysen eine Zeitdiagnose zu Transformationsprozessen zu ermöglichen und konkrete politische Angebote zu skizzieren. Dieser Aufgabe widmete sich die Gesprächsreihe “Die Große Transformation – Covid-19 als Beschleuniger eines Paradigmenwechsels in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft?” des Progressiven Zentrums und der Bertelsmann Stiftung unter der “Chatham House Rule”. In den Synopsen zu den einzelnen Workshops sind die zentralen Erkenntnisse sinngemäß zusammengefasst.

Corona CoronakriseErste Gesprächsrunde:

„Mögliche Lehren aus der Coronakrise für den sozialökologischen Umbau“

Die erste Gesprächrunde der Reihe widmete sich den Gemeinsamkeiten sowie den Unterschieden der Corona-Pandemie und der Klimakrise. Hierbei wurden mögliche Lehren aus dem Umgang mit Covid-19 für die unmittelbar bevorstehende sozialökologische Transformation diskutiert. Die Ergebnisse wurden in Synopse 1 zusammengefasst.

Jetzt die Synopse lesen.

 

Corona CoronakriseZweite Gesprächsrunde:

„Die Pandemie als Transformationsbeschleuniger von Arbeit und Wirtschaft?“

Die zweite Gesprächrunde der Reihe näherte sich dem Thema Digitalisierung und Innovation sowie dem Wandel in Arbeit und Wirtschaft. Diskutiert wurden außerdem Themen wie Urbanisierung, Regionalförderung und industriepolitische Maßnahmen. Die Kernthesen der Gesprächsrunde wurden in Synopse 2 zusammengefasst.

Jetzt die Synopse lesen.

 

Im Rahmen der Reihe sind folgende Blogbeiträge veröffentlicht worden:

Mitwirkende der Corona-Lektionen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik

Im Rahmen der Corona-Lektionen haben unter anderem mitgewirkt:

  • Antje von Broock (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland)
  • Prof. Dr. Heinz Bude (Universität Kassel)
  • Sandra Detzer (Bündnis 90 / Die Grünen)
  • Dr. rer. pol. Thomas Falkner (DIE LINKE)
  • Prof. Dr. Anke Hassel (Hertie School)
  • Dr. Julia Hertin (Sachverständigenrat für Umweltfragen)
  • Prof. Dr. L.M. Lisa Herzog (Universität Groningen) 
  • Prof. Dr. Claudia Kemfert (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung)
  • Sandra Köster (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit)
  • Dr. Kai Lindemann (Deutscher Gewerkschaftsbund)
  • Dr. Erika Mezger (European Policy Centre)

  • Prof. Dr. Barbara Praetorius (Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin)
  • Prof. Dr. Sonja Peterson (Institut für Weltwirtschaft)
  • Dr. Monika Queisser (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung)
  • Prof. Dr. Hartmut Rosa (Universität Jena)
  • Prof. Dr. Wolfgang Schröder (Universität Kassel)
  • Peter Siller (Bundespräsidialamt)
  • Dr. Philipp Steinberg (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie)
  • Prof. Dr. Jens Südekum (Universität Düsseldorf)
  • Jakob von Weizsäcker (Bundesministerium der Finanzen)

Moderiert wurden die Diskussionsrunden unter der Chatham House Rule von Petra Pinzler.

Eine Reihe in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung