Politische Polarisierung in der Schule?

Entwicklungstendenzen unter Jugendlichen im Bundesländervergleich

Abstract

Politische Einstellungen entstehen bereits in jungen Jahren: Zwischen der 7. und 9. Klasse zeigt sich ein steigendes politisches Interesse und eine insgesamt hohe Unterstützung demokratischer Werte, wie Umfragedaten in diesem Policy Paper belegen. Zugleich werden deutliche Unterschiede nach Bundesland, Schultyp und Bildungshintergrund sichtbar. Besonders auffällig ist die stärkere Identifikation mit der AfD in nicht-gymnasialen Schulformen und in bildungsferneren Kontexten. Die Ergebnisse unterstreichen einen besonderen Handlungsbedarf für politische Bildung und den Abbau struktureller Ungleichheiten.

Ausgangslage

Politische Sozialisierung ist ein Prozess, der die Herausbildung von politischen Einstellungen und Orientierungen beschreibt. Bereits im Jugendalter nimmt die Beschäftigung mit politischen Themen und Fragen zu und es kristallisieren sich erste politische Orientierungen heraus, die die Grundlage für spätere Entwicklungen bilden. Doch werden Jugendliche automatisch politischer, je älter sie werden? Warum interessieren sich manche Jugendliche stark für Politik, während andere Jugendliche distanziert bleiben? Welche Rolle spielt das Elternhaus für die politische Meinung und wie stark prägen persönliche Frust- oder Erfolgserlebnisse im Klassenzimmer das Vertrauen in unsere Demokratie? Welchen Unterschied macht es, ob junge Menschen in Sachsen oder in Baden-Württemberg ein Gymnasium oder die Hauptschule besuchen?

In diesem Policy Paper blicken wir hinter die Kulissen der politischen Sozialisierung. Auf Basis aktueller Daten des PerFair-Projekts zeigen wir, wo Unterschiede entstehen – und was das für die politische Chancengleichheit bedeutet.

Fazit und politische Handlungsempfehlungen

Die hier dargestellten zentralen Ergebnisse aus dem PerFair-Projekt decken sich mit aktuellen Wahlanalysen, die eine zunehmende Unterstützung für die AfD auch unter jungen Menschen feststellen. Unsere Umfragedaten belegen, dass Jugendliche bereits im Alter von etwa 14 Jahren klar erkennbare und differenzierte Muster der parteipolitischen Identifikation aufweisen. Besonders auffällig ist die überdurchschnittlich hohe Identifikation mit der AfD im Bundesland Sachsen sowie in nicht-gymnasialen Schultypen und eher bildungsfernen Schichten. Bei den Jugendlichen in gymnasialen Schultypen und denjenigen aus höher gebildeten Schichten konkurrieren die Linkspartei und die Grünen um die Sympathie der Jugendlichen. Die CDU/CSU kann auf eine recht stabile Unterstützung auf einem moderat hohen Niveau (15-17 %) bei Jugendlichen aufbauen, während die SPD in allen Bundesländern große Schwierigkeiten hat, Unterstützung bei Jugendlichen zu generieren. Generell schlägt sich die hohe Unterstützung für die in Sachsen als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD (noch) nicht in einer geringeren allgemeinen Unterstützung für demokratische Werte nieder. Dennoch ist die signifikant niedrige Unterstützung für Demokratie in nicht-gymnasialen Schulzweigen besonders auch in diesem Bundesland besorgniserregend.

Aus den Befunden lässt sich ableiten, dass die politische Bildung insbesondere in nicht-gymnasialen Schulzweigen gestärkt werden muss. Die Unterstützung für demokratische Werte und das politische Interesse dürfen nicht vom Schultyp oder Bundesland abhängen. Studien und eigene Daten zeigen, dass ohne gezielte Investitionen Jugendliche mit höherem Bildungsniveau eher politisch interessiert sind und demokratische Werte unterstützen. Eine Fokussierung auf bildungsbenachteiligte Schichten ist daher geboten, um keinen Nährboden für rechtsextreme und demokratiefeindliche Parteien entstehen zu lassen.

Neben politischem Grundwissen sind aktivierende, inklusive Methoden (z. B. Simulationen, offene Diskussionen) sowie schulische Partizipationsmöglichkeiten essenziell. Sie verankern Wissen besser und stärken die politische Selbstwirksamkeit bildungsbenachteiligter Jugendlicher, damit sie ihre Interessen konstruktiv in den demokratischen Willensbildungsprozess einbringen können.

Gleichzeitig besteht in Politik und Gesellschaft eine Schieflage zu Ungunsten Bildungsbenachteiligter: Entscheidungsträger*innen sind überdurchschnittlich oft akademisch gebildet (ungleiche deskriptive Repräsentation) und Beschlüsse spiegeln primär die Präferenzen Höhergebildeter wider (ungleiche substantielle Repräsentation). Zudem bestimmt der Bildungsweg maßgeblich den sozioökonomischen Erfolg. Unser Projekt untersucht, inwiefern die Wahrnehmung dieser Ungleichheit für die dokumentierten Muster verantwortlich ist. Um dem entgegenzuwirken, reicht politische Bildung allein nicht aus – es bedarf gesamtgesellschaftlicher Maßnahmen, um strukturelle Ungleichheiten im Bildungs-, Arbeits- und Politiksystem abzubauen.

Hintergrundinformationen
Das Clusterprojekt PerFair (“Students’ Perceptions of Inequality and Fairness”) untersucht, ob und inwiefern die individuellen Erfahrungen von Jugendlichen in verschiedenen Schulkontexten eine Auswirkung auf die Entwicklung von Einstellungen und politischem Verhalten haben. Die Studie ist in den befragten Bundesländern Baden-Württemberg, Sachsen und Schleswig-Holstein repräsentativ. PerFair deckt damit sowohl ost- als auch westdeutsche Bundesländer mit unterschiedlichen Bildungssystemen ab. Die Veröffentlichung des  Policy Papers „Politische Polarisierung in der Schule? Entwicklungstendenzen unter Jugendlichen im Bundesländervergleich” erfolgt in Zusammenarbeit zwischen dem Excellenzcluster „The Politics of Inequality” an der Universität Konstanz und dem Berliner Think Tank „Das Progressive Zentrum”.

Autor:innen

Prof. Dr. Marius Busemeyer

Wissenschaftlicher Beirat
Marius R. Busemeyer ist Professor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Vergleichende Politische Ökonomie an der Universität Konstanz und Sprecher des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“.
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Dr. Nadja Wehl

Cluster of Excellence "The Politics of Inequality"
Nadja Wehl ist Postdoktorandin im Projekt „Students’ Perceptions of Inequality and Fairness (PerFair)“ des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz.

Dr. Susanne Garritzmann

Cluster of Excellence "The Politics of Inequality"
Susanne Garritzmann ist Politikwissenschaftlerin am Institut für Empirisch-Analytische Forschung der Goethe-Universität Frankfurt und mit dem Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz affiliiert.

Ansprechperson

Melanie Weiser

Projektmanagerin

Pressekontakt

Eltje Kunze

Junior Kommunikationsmanagerin

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