Not in my Heizungskeller

Die Menschen müssen beim Klimaschutz mitgenommen werden – heißt es. Dafür sollte sich die Politik intensiver mit den Akzeptanzformen von Klimapolitik beschäftigen

Die „Brechstange“ dient Teilen der Regierung und Opposition derzeit als treffsichere Metapher, um eine neue Polarität in der Klimadebatte zu konstruieren: „Klimaschutz über die Köpfe der Menschen hinweg“ (also Grüne mit der Brechstange) gegen „Klimaschutz, der die Menschen mitnimmt“ (also alle anderen, aber wie eigentlich genau?). Das Bild der Brechstange entfaltet sich als invasiv-aggressive Bedrohung besonders effektiv in jenem räumlichen Kontext, in dem die Klimapolitik nun angekommen ist: den eigenen vier Wänden. Und dort ausgerechnet an dem Gerät, das die allermeisten Menschen vor dem Frieren schützt. Nachdem vom Heizungsgesetz zuerst die Belastung als monströs, die Entlastung aber bis heute nur nebulös rüberkam, bekundete die öffentliche Meinung: Klimaschutz ja, aber nicht in meinem Heizungskeller.

Nach der Aufregung der vergangenen Wochen stellen sich für die künftige Klimapolitik wichtige Fragen: Ist der öffentliche Gegenwind beim Klimaschutz im Privatbereich unausweichlich? Sollte sich die Politik aus dem Nahbereich der Menschen eher raushalten und Klimaschutz anders durchsetzen? Und wenn ja, wie erreicht man dann Klimaneutralität bis 2045, wenn doch im Grunde unser aller Leben auf fossilen Füßen steht?

Vorweg: Niemand aus dem selbsternannten „Klimaschutz, der die Menschen mitnimmt“-Lager gibt, gemessen an den realpolitischen Bedingungen, darauf praktikable und belastbare Antworten. O-Ton Volker Wissing: „Die CO₂-Emissionen müssen runter, auch im Verkehrsbereich. Das schaffen wir aber nicht mit Verboten, Einschränkungen oder höheren Preisen.“ Okay, aber wie schaffen wir es denn, Herr Minister? Die Umkehrung des Unerwünschten ist längst noch kein wirksamer Klimaschutz. Und Polemik gegen Grüne keine eigene Programmatik.

Auch durch die andauernde Konstruktion von fehllaufenden Dualismen droht der Klimadiskurs aus der Spur zu fallen: marktwirtschaftlicher gegen angeblich planwirtschaftlichen Klimaschutz, individuelle gegen systemische Ebene, Anreize gegen Verbote und so weiter und so falsch. Jede Lösung, ob eher vom Markt oder Staat getrieben, muss am Ende von den Menschen angenommen und umgesetzt werden. Egal, wie man die Dekarbonisierung von Gebäuden angeht, am Ende muss der Einzelne die Heizungsmonteure schon noch selbst in den eigenen Keller lassen. Es geht also im Kern um die Akzeptanz von Umbaumaßnahmen für Klimaneutralität. Zu deren Vermessung sind Umfragedaten ein eher unzuverlässiger, weil kampagnenanfälliger Indikator: Vorige Woche waren laut Forschungsgruppe Wahlen 57 Prozent der Deutschen gegen scharfe Klimaauflagen beim Einbau neuer Heizungen. Vorher befürworteten noch zwei Drittel ein Einbauverbot von Ölkesseln, wie es die Anfang März vorgestellten Daten des Kopernikus-Projekts „Ariadne“ mehrerer deutscher Forschungsinstitute zeigten.

Aus Sicht der Klimapolitik erscheint es zielführender, sich vor dem Entwurf von Gesetzen mit den Parametern auseinanderzusetzen, an denen sich die öffentliche Akzeptanz von Maßnahmen entscheidet. Mit diesen Faktoren beschäftigt sich die Bundesregierung ganz offensichtlich noch zu wenig. Deutlich weiter sind in diesem Bereich die Institutionen anderer Länder. In Großbritannien schaffte bereits 2008 die Regierung des damaligen Premiers Gordon Brown ein unabhängiges „Climate Change Committee“. Dessen Expertinnen und Experten untersuchen seitdem auch immer wieder die Bereitschaft der Bevölkerung zu konkretem Klimaschutz. Den jüngsten Bericht zu diesem Thema steuerte aber ein weiteres Gremium bei: der Klima- und Umweltausschuss des britischen Oberhauses. Dafür konsultierte der Ausschuss 2022 eine Reihe renommierter Stimmen aus der Verhaltensforschung. Der Bericht resümiert mit der Nennung von sechs Faktoren, die für die Akzeptanz von Klimaschutzmaßnahmen maßgeblich sind: „In der Fülle von Verhaltenstheorien gibt es einige konsistente Befunde, wonach menschliches Verhalten durch die Faktoren Wissen, Werte, soziale Normen, Preis, Machbarkeit, Effektivität motiviert wird“, heißt es in dem Bericht. An diesen sechs Faktoren entscheide sich, ob eine Klimaschutzmaßnahme mit allgemeiner Akzeptanz rechnen kann oder in den Graben zwischen theoretischer „Klimaschutz-Befürwortung“ und tatsächlichem „Klimaschutz-Verhalten“ der Gesellschaft fallen könnte. Attitude-Behaviour-Gap nennt die Verhaltensforschung diese weitverbreite Differenz zwischen Denken und Handeln.

Auch an der Universität Erfurt wird zu diesen Fragen geforscht. Das noch junge Forschungsprojekt Planetary Health Action Survey kommt auf ähnliche Bestimmungsgrößen. Legt man die Kriterien aus Westminster und Erfurt wie eine Checkliste neben die Debatte über das Gebäudeenergiegesetz, ist das Ergebnis einigermaßen katastrophal: Der Wissenstand der Debatte war viel zu lange von Unwissen geprägt. Zentrale Aspekte blieben wochenlang unklar (zum Beispiel Kosten, Ausnahmen, Übergangsfristen) oder sind es noch heute (zum Bespiel soziale Abfederung). Die Bild-Zeitung füllte dieses Faktenvakuum erwartungsgemäß mit Mythen und Angstmache („Bis zu 100 000 Euro – Diese Kosten kommen beim Heiz-Hammer auf Sie zu“ oder „HÄNDE WEG VON MEINEM HAUS!“). Preis und Umsetzbarkeit der „Wärmewende“ erschienen vielen Menschen unmöglich. Als soziale Norm kristallisierte sich eher „Hau den Habeck“ als „Heize klimaneutral“ heraus.

Letztendlich formt sich die Einstellung von Menschen zu einer Klimamaßnahme aus dem Zusammenspiel der genannten Akzeptanz-Faktoren. Besonders relevant ist dabei der Zusammenhang von Kosten und wahrgenommener Effektivität der Maßnahme. Dazu erfährt man in der Erfurter Studie zunächst, dass zunehmend mehr Deutsche angeben, dass sich durch den Klimaschutz ihre persönliche finanzielle Lage verschlechtert habe. Zwischen Mai 2022 und Januar 2023 stieg der Anteil von Menschen von 25 auf 36 Prozent. Für die Akzeptanz von Klimaschutz ist das ein schlechtes Zeichen. Zumal diejenigen, die den Klimaschutz im Portemonnaie spüren, die dazugehörigen Maßnahmen für unwirksam halten. Andersrum halten die Menschen, deren Finanzen unverändert oder sogar besser durch Klimaschutz geworden sind, die Maßnahmen für wirksamer. Bedeutet: Die Bewertung der Wirksamkeit von Klimapolitik hängt weniger vom tatsächlichen Nutzen für die Eindämmung der Erderhitzung ab als vielmehr vom Saldo im eigenen Geldbeutel. Für die Akzeptanz spielt außerdem eine Rolle, wie Menschen über die Unterstützung der Maßnahme durch ihre Mitmenschen denken. Sowohl das Kopernikus-Projekt als auch die Erfurter Studie kommt zu dem Schluss, dass die Deutschen die Befürwortung von Klimamaßnahmen durch ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger systematisch unterschätzen. Dieser irrtümliche Gesellschaftspessimismus wirkt sich wiederum negativ auf die individuelle Bereitschaft zum Klimaschutz aus: Was bringt es schon, wenn die anderen ja ohnehin nicht mitziehen.

In der Heizungsdebatte braute sich aus Faktenmangel, Überforderungs­gefühl und schlechtem Regierungs­handwerk der perfekte Sturm gegen die Klimamodernisierung zusammen. Was daraus unmittelbar in der Gesellschaft folgte, könnte man Transformations­reaktanz nennen. Eine Reaktion, die klimapolitisch das Gegenteil bewirkt, wie etwa die panikartig gestiegene Nachfrage nach Gas- und Ölheizungen. Aber noch ist das Gesetz nicht in trockenen Tüchern, und die Umsetzung läuft erst im nächsten Jahr an. Stellt sich die Frage, ob sich die Deutschen bis dahin noch für die Wärmewende erwärmen lassen.

Zieht man nochmals die Checkliste aus der Verhaltensforschung zu Rate, gibt es für die Regierung womöglich noch eine letzte Chance: Be- und Entlastung müssen beim Heizungswechsel in ein Verhältnis gebracht werden, das den Menschen zusammen mit der Verfügbarkeit von ausreichend Handwerkern und Geräten das Gefühl von finanzieller und praktischer Machbarkeit gibt. Also: Das soziale Förderprogramm muss sitzen.

Womit wir wieder bei der vermeintlichen „Wir nehmen die Leute mit“-Koalition angekommen wären. „Mitnehmen“ kann ja nur heißen, selbst wenn man Klimaneutralität allein durch einen höheren CO₂-Preis erreichen will, dass man Menschen infrastrukturell und finanziell zur Umstellung befähigt. Unterlässt man die notwendige Unterstützung, wird für viele Menschen die Transformation im Alltag so bald nicht möglich sein. Das angebliche „Mitnehmen“ von Menschen entpuppt sich sodann als Abbremsen von Klimaschutz, der wiederum umso teurer und damit auch sozial ungerechter wird, je später er kommt. Jedes Versprechen auf Mitnahme bei der Dekarbonisierung muss erklären, wie es aus den knappen Gütern Zeit und Geld die nötige Klimawirkung erzielt. Besteht eine Partei diesen Test auf Klimarealismus nicht, gaukelt sie nur Klimaschutz vor. Dann wird niemand irgendwohin mitgenommen, außer in eine sehr ungemütliche Zukunft, in der dann wohl die Klimakrise mit der Brechstange vor der Tür steht.

Doch es gibt sie ja, die Erfolgsgeschichten: Weitgehend gelungen ist die Überzeugung der Bevölkerung mittlerweile beim lokalen Ausbau von Wind- und Sonnenkraft. Früher hieß es mit Blick auf diese Anlagen oft „Not in my backyard“ – nicht in meinem Hinterhof. Mit finanzieller Beteiligung der Kommunen und politischer Mitsprache der Bürgerinnen und Bürger hat die Zustimmung vielerorts deutlich zugenommen. Ein lehrreiches Beispiel, um der „Not in my Heizungskeller“-Stimmung entgegenzuwirken.


Hier gelangen Sie zu dem Text, der am 08.04.2023 im Magazin „Der Hauptstadtbrief“, erschienen ist.

Autor

Johannes Hillje ist Politik- und Kommunikationsberater in Berlin und Brüssel. Er berät Institutionen, Parteien, Politiker, Unternehmen und NGOs. Zur Europawahl 2014 arbeitete er als Wahlkampfmanager der Europäischen Grünen Partei.

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