Die neuen geökonomischen Realitäten zwingen Europa zum Umdenken: Die Debatte um digitale und technologische Souveränität erfordert einen Perspektivwechsel – weg vom defensiven Verwalten unserer Abhängigkeiten, hin zu dem Anspruch einer Fortschrittsagenda, die die Voraussetzungen für Innovation und Energiesicherheit schafft, gute und sichere Arbeitsplätze ermöglicht und den ökologischen Umbau entschlossen vorantreibt.
Unter dieser Prämisse lud das Progressive Zentrum am 23. Juni 2026 anlässlich des Progressiven Sommerfests zu einer vertraulichen Hintergrundrunde (Chatham-House-Regeln) in den Erlebnisraum Digitale Souveränität (EDS) der acatech-Stiftung in Berlin ein. Rund 40 Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft diskutierten, wie industrielle Schlüsseltechnologien und saubere Energiepolitik („Sicherheitsenergien“) als strategische Hebel für ein souveränes Europa dienen können.
Die Grundlage für die Veranstaltung lieferte das aktuelle Thesenpapier „Europas Industrial Stack“ des Progressiven Zentrums, das in einem breiten, sektorübergreifenden Prozess erarbeitet wurde und für einen Ansatz der selektiven Souveränität in der industriellen Wertschöpfung plädiert. Konkret zielt dieser darauf ab, die Stärken und Potenziale europäischer Schlüsselbranchen und Fachkräfte gezielter auszuschöpfen.
Zwei politische Impulse von Stefan Profit (Unterabteilungsleiter im Bundesfinanzministerium) und Thomas Kralinski (Abteilungsleiter im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz) eröffneten die anschließende Diskussion. Daraus entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der durch die Perspektiven von Julia Bläsius (Agora Energiewende), Heiko Messerschmidt (IG Metall), Sicco Lehmann-Brauns (Siemens), Matthias Liermann (DWS) und Abel Reiberg (acatech) weiter vertieft wurde.
Industriepolitik Reloaded
Einigkeit bestand in der Diagnose, dass sich die ökonomische Weltordnung grundlegend verschoben hat. Die Effizienzgewinne aus globaler Arbeitsteilung und Freihandel haben ihre Funktion als alleiniger Wohlstandsgarant verloren: Russland setzt Gas und Öl als Waffe ein, die USA monetarisieren ihre Schutzzusagen über asymmetrische Zölle und mit einem „China-Schock 2.0“ gerät die europäische Industrie durch massive, staatlich gesteuerte Subventionen zusätzlich unter Druck. Nach Jahren des Schattendaseins erlebt die europäische Industriepolitik daher eine Wiedergeburt.
Während Industriepolitik noch vor wenigen Jahren, geprägt vom ordoliberalen Verständnis, primär auf die Sicherung des Wettbewerbsrahmens abzielte, wird sie heute zunehmend als strategisches Instrument verstanden, um wirtschaftliche Souveränität und Resilienz zu sichern. Das Anerkennen dieser neuen industriepolitischen Realität bedeutet jedoch nicht automatisch einen Rückfall in reinen Protektionismus. Gefordert wurde stattdessen ein “Ende der Naivität” in der Außenwirtschaftspolitik und ein klarer Fokus auf die eigenen Potenziale und Stärken.Das Anerkennen dieser neuen industriepolitischen Realität bedeutet jedoch nicht automatisch einen Rückfall in reinen Protektionismus. Gefordert wurde stattdessen ein “Ende der Naivität” in der Außenwirtschaftspolitik und ein klarer Fokus auf die eigenen Potenziale und Stärken.
Aus der Diskussion ergaben sich vier zentrale Handlungsfelder für eine neue Fortschrittsagenda auf Grundlage des Zusammenspiels aus industriellen Schlüsseltechnologien und Sicherheitsenergien:
#1 Sicherheitsenergien: Energiepolitik ist Industriepolitik
Energie- und Industriepolitik lassen sich heute nicht mehr getrennt denken. Erneuerbare Energien sind in der neuen Weltlage echte „Sicherheitsenergien“ und das Fundament für nachhaltige digitale und technologische Souveränität.
Die Elektrifizierung bietet enorme Chancen. Die heimische Industrie ist dabei nicht das Problem, sondern der entscheidende Treiber der Lösung – und der Garant für gute und sichere Arbeitsplätze der Zukunft. Dafür braucht die Wirtschaft jedoch Planungssicherheit: Einen konsequenten Netzausbau, Speicherkapazitäten, bezahlbaren Wasserstoff sowie Flankierung durch Instrumente wie Contracts for Difference (Klimaschutzverträge) und staatlich geförderte Leitmärkte, beispielsweise für grünen Stahl.
#2 Der digitale Stack: Software, Daten und die Lücke zur Umsetzung
Die Teilnehmenden attestierten der Hightech-Strategie der Bundesregierung zwar ambitionierte Ziele, haben jedoch Zweifel an der richtigen Umsetzung in der Praxis. Ein Jahr nach dem Start ist die Anbindung an die Industrie – etwa bei Leuchtturmprojekten zur industriellen Künstlichen Intelligenz (KI) – kaum spürbar.
Zudem verfehlt die Regulierung oft Europas komparative Vorteile bei Industriedaten und darauf aufbauenden Diensten; die sektorale Regulierung denkt das Potenzial von Datenräumen noch nicht ausreichend mit. Um digitale und technologische Souveränität zu erreichen, reichen eigene europäische KI-Modelle nicht aus. Wertschöpfung Made in Europe entsteht dann, wenn Daten, Software-Engineering und operative Technologie (OT) in der industriellen Breite ineinandergreifen. Die Politik müsse gezielte Investitionen in Datenräume und industrielle Anwendungsfälle fördern, um Nachhaltigkeit und Resilienz in Wertschöpfung zu übersetzen.
#3 „Erneuerungskrise“: Industrielle Basis und gute Arbeit
Souveränität ist ohne das Know-how der Fachkräfte nicht denkbar. Die Diskussion erinnerte eindringlich an die angespannte Lage der industriellen Basis: Seit 2018 sind rund 270.000 Arbeitsplätze, vor allem in der Automobil- und Zuliefererindustrie, verloren gegangen. Insolvenzen gehören mittlerweile zur bitteren Realität.
Gleichzeitig steht diesem Verlust ein massiver struktureller Fachkräftemangel in Zukunftsbranchen gegenüber – eine klassische „Erneuerungskrise“. Ein Jobwechsel zwischen diesen Sektoren ist für Beschäftigte jedoch selten nahtlos möglich. Eine souveräne Industriepolitik erfordert daher gezielte Investitionen in die Weiterbildung. Gleichzeitig sprachen sich Teilnehmende für verbindliche „Made in Europe“-Regelungen (etwa Local-Content-Vorgaben) aus, um sicherzustellen, dass Schlüsselprodukte wie Wärmepumpen nicht nur in Europa entwickelt, sondern auch hier gebaut werden.
#4 Staatliche Lenkungsfunktion: Privates Kapital mobilisieren
Einigkeit herrschte über den immensen Investitionsbedarf: Der Draghi-Bericht beziffert diesen auf rund 800 Milliarden Euro jährlich für die wirtschaftliche Erneuerung Europas. Dies kann der Staat nicht allein stemmen.
Das Potenzial ist jedoch vorhanden: Allein in Deutschland liegen rund zehn Billionen Euro an privatem Vermögen weitgehend ungenutzt auf Konten. Um dieses Kapital in die Realwirtschaft umzuleiten, braucht es den Staat in einer katalysierenden Rolle. Gefordert wurden klare, sektorübergreifende politische Rahmenbedingungen, eine bessere Priorisierung öffentlicher Mittel (etwa des Sondervermögens für digitale Infrastruktur) sowie die Diskussion über kapitalgedeckte Modelle (ähnlich zu Altersvorsorgeregelungen in Schweden oder Kanada), um private Mittel effektiv für die industrielle Erneuerung zu mobilisieren. Dies bricht mit alten Denkmustern und schafft eine Win-win-Situation der Moderne: Renditen werden zum Hebel für den privaten Vermögensaufbau, während das Kapital gleichzeitig die Zukunftsfähigkeit des Standorts sichert.
Ausblick: Vertrauen als erneuerbare Energie
Bei der strategischen Ausrichtung herrscht weitgehende Einigkeit – die größte Hürde bleibt die Umsetzung. Das Zeitfenster hierfür schließt sich: Bei zentralen Zukunftstechnologien fallen in den kommenden Jahren grundlegende Entscheidungen. Das zwingt die Politik zu harten Priorisierungen. Gleichzeitig braucht Europa einen mentalen Wandel: Mehr Optimismus und Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Historische Kraftakte wie die deutsche Wiedervereinigung zeigen, was möglich ist, und stärken die Zuversicht, dass die Neuausrichtung des europäischen Wirtschaftsmodells gelingen kann, wenn der politische Wille dazu besteht. Denn Vertrauen ist selbst eine erneuerbare Energie.
Nach der Sommerpause gilt es, die Impulse dieses Nachmittags in konkrete Vorschläge für den deutschen und europäischen Kontext zu übersetzen – als Beitrag zu einer Fortschrittsagenda, die technologische und energiepolitische Souveränität nicht als defensives Management von Abhängigkeiten begreift, sondern als Voraussetzung für wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und demokratische Resilienz.
Fotoauswahl
Fotografin: Karolina Granja























