Großformatige weiße Skulptur zweier riesiger Hände von Lorenzo Quinn, die aus dem Canal Grande in Venedig ragen und die Fassade des historischen Hotels Ca' Sagredo zu stützen scheinen, als Symbol für den Klimawandel und die Kunstfreiheit.

Hao Zhang (@haozlife) / Unsplash

„Die einen schreien Zensur, die anderen schreien Antisemitismus“

ESC, Biennale, Buchhandlungspreis: Die Politik sorgt ständig für Ärger in der Kulturszene. Darf sie sich überhaupt einmischen? Ein Gespräch mit dem Staatsrechtler Christoph Möllers

DIE ZEIT: Herr Möllers, fast jeden Tag berichten die Feuilletons über neue Auseinandersetzungen im Kulturkampf. Wo wurde die Kunstfreiheit heute angegriffen?

Christoph Möllers: Es ist in der Tat gerade viel los. Der letzte Fall war vermutlich, als die Stadt Gelsenkirchen die Künstlerin Melisa Kujević aufgrund eines AfD-kritischen Kunstwerks von einem Festival wieder auslud. Angeblich verstieß die Künstlerin gegen das Neutralitätsprinzip – dabei unterliegt sie diesem gar nicht. Da wollte die Stadt wohl einfach den Konflikt mit der AfD vermeiden.

ZEIT: Sie haben vor wenigen Monaten bereits ein Buch über die Kunstfreiheit veröffentlicht, jetzt erscheint der Band Öffentliche Kunstfreiheit. Hatten Sie das Anliegen, die Kunst zu verteidigen?

Möllers: Die Bücher sind aus meiner Erfahrung als Gutachter für die Documenta 15 entstanden. Nach dem Skandal um Werke mit antisemitischen Motiven fiel mir auf, dass die Kunst und die Politik nicht mehr miteinander reden können. Die einen schreien Zensur, die anderen schreien Antisemitismus. Und dann habe ich mich gefragt: Gibt die Verfassung uns nicht Vorgaben dafür, eine gemeinsame Sprache zu finden?

Der Artikel erschien am 12.05.2026 in der ZEIT.

Autorin

Prof. Dr. Christoph Möllers

Wissenschaftlicher Beirat
Prof. Dr. Christoph Möllers hat den Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin inne.

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