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Corona-Regeln: Wer will sie aufheben und warum?

Wer Lockerungen fordert, tut das oft aus Sorge um die Gesellschaft – oder aus Misstrauen gegen den Staat, zeigt eine Studie der Universität Konstanz mit dem Progressiven Zentrum.


Wer durch die Corona-Maßnahmen Folgen für die gesamte Gesellschaft befürchtet und Grundrechte bedroht sieht, neigt dazu, sofortige Lockerungen zu fordern. Dies zeigt eine Umfrage mit 4.800 Teilnehmenden, die vom Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz durchgeführt wurde. Auch Befragte aus dem Osten Deutschlands und solche, die ein geringes Vertrauen in staatliche Institutionen haben, sehen die Eindämmungsmaßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus besonders kritisch. Dagegen ist es für die Haltung zur Lockerung der Maßnahmen weniger wichtig, ob jemand wirtschaftliche oder familiäre Folgen der Pandemie für sich selbst oder die Gesellschaft befürchtet.


Studie über die Akzeptanz von Corona-Regeln. Die Grafik zeigt das Cover der repräsentativen Befragungsstudie.

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Das Werben um Zustimmung für Corona-Regeln

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus haben zu weitreichenden Einschränkungen für die Bevölkerung geführt. Zentrale politische Akteure haben sich mit Solidaritätsappellen bemüht, um Zustimmung für die Corona-Regeln zu werben. Außerdem wurden zahlreiche finanzielle Ausgleichsmaßnahmen aufgelegt, etwa der sogenannte „Kinderbonus“. Ob aber durch solche Instrumente die Zustimmung zu einschränkenden Maßnahmen wächst, zieht die vorliegende Studie in Zweifel. Denn ob jemand sich in familiärer oder wirtschaftlicher Hinsicht durch die Einschränkungen bedroht fühlt, hat kaum Einfluss auf die Zustimmung zu Corona-Regeln.

Die allermeisten Befragten nehmen die Einschränkungen für ihr eigenes Leben auch nicht als schwerwiegend wahr. Nur zehn Prozent fühlen sich durch die Eindämmungsmaßnahmen im Bereich des Familienlebens bedroht, nur 15 Prozent wirtschaftlich (durch Arbeitsplatzverlust oder finanzielle Schwierigkeiten). Die eigenen Grundrechte sehen rund 23 Prozent in Gefahr. Deutlich stärker nehmen die Befragten die Bedrohung für die Gesellschaft als Ganzes wahr: 51 Prozent sehen Gefahren für die Familie, 56 Prozent für die Wirtschaft und 32 Prozent für die Grundrechte

Gründe für die Forderung nach Lockerungen

Wer spricht sich besonders für, wer gegen Lockerungen der Corona-Maßnahmen aus? Die Analyse von Claudia Diehl und Felix Wolter zeigt: Wer die gesellschaftlichen Folgen, etwa Grundrechteeinschränkungen, für bedrohlich hält, fordert eher sofortige Lockerungen. Eine vergleichsweise kleine Rolle für die Forderung nach Lockerungen spielt hingegen die Furcht vor persönlichen Einschränkungen wirtschaftlicher oder familiärer Natur.

„Unser Befund ist wichtig für die Frage, wie durchsetzbar Politikziele sind, die der Bevölkerung ebenfalls große Anstrengungen abverlangen, um ein gesellschaftliches Ziel zu erreichen – zum Beispiel um den Klimawandel einzudämmen“, ordnet Claudia Diehl die Ergebnisse ein. Die Soziologin sieht in der Studie klare Hinweise darauf, dass die mangelnde Akzeptanz solcher Maßnahmen vor allem auf Furcht vor ihren gesellschaftlichen Folgen sowie auf mangelndes Vertrauen in staatliche Institutionen zurückzuführen ist.

„Die positive Botschaft unserer Studie ist, dass es die Politik ein Stück weit selbst in der Hand hat”, ergänzt Felix Wolter. Um größere Zustimmung für vergleichbare Politikziele zu erreichen, sei die erfolgversprechendste Strategie, Vertrauen in staatliches Handeln nachhaltig aufzubauen. In Bezug auf Einschränkungen zur Verfolgung gesamtgesellschaftlicher Ziele bedeute dies: Maßnahmen müssen transparent und inklusiv entschieden werden. Sie müssen der Bevölkerung so erklärt werden, dass diese nachvollziehen kann, auf welcher Ebene welche Entscheidung getroffen wird, und auf welcher Grundlage dies geschieht.

Hintergrund zur Umfrage zu Corona-Regeln

Die Erhebung basiert auf einem großangelegtem Umfragen-Programm des Konstanzer Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ zum Zusammenhang zwischen Corona-Krise und Ungleichheit (Weitere Informationen über das Umfragenprogramm, zur Methodik und Datengrundlage).

Für dieses Policy Paper wurden 4.800 Teilnehmende zu ihren Einstellungen zu Corona-Regeln befragt. Die Veröffentlichung ist ein Teil der Publikationsreihe mit dem Exzellenzcluster “The Politics of Inequality” an der Universität Konstanz mit dem das Progressive Zentrum kooperiert.

 


Presse

Laden Sie den Text dieser Pressemitteilung zum Policy Brief „Corona-Regeln: Wer will sie aufheben und warum?“ hier als bearbeitbare Word-Datei herunter.

 

Bei Fragen zu dieser Publikation und Vermittlung zu den ExpertInnen unterstützt Sie gerne

 

Vincent Venus
Leiter der Kommunikation

Tel: 030 39405543
Mail: kommunikation@progressives-zentrum.org

 

 


Prof. Dr. Claudia Diehl ist Professorin für Mikrosoziologie an der Universität Konstanz und Co-Sprecherin des Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Eingliederungsprozesse von Zuwanderern, der internationalen Migration, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. Sie ist Mitglied in der Expertenkommission für wirtschaftliche Zukunftsfragen, die der französische Präsident Emanuel Macron im Juni 2020 einberief; ebenso im Wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Dr. Felix Wolter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe für Mikrosoziologie von Claudia Diehl und Mitglied des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Quantitativen Methoden empirischer Sozialforschung, der sozialen Ungleichheit sowie der Sozialstruktur und Arbeitsmarktsoziologie.

 

 

 

 

 

 

Dieses Policy Paper wurde in Kooperation mit dem Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz zusammen mit dem Progressiven Zentrum veröffentlicht.