Politische Polarisierung in der Schule? 

Gemeinsam mit Vertreter:innen aus Wissenschaft, Politik und Bildungspraxis haben wir am 23. September 2026 im Progressiven Zentrum in Berlin diskutiert; über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu politischer Polarisierung von jungen Menschen und wie wir dem begegnen können: Wo bildet sich die politische Haltung junger Menschen? Welche Rolle spielen Schule und Elternhaus dabei? Und wie können wir der Entwicklung entgegensteuern?

Den Auftakt der Veranstaltung gestalteten Forschende des Exzellenzclusters “Politics of Inequality” der Uni Konstanz (Prof. Marius Busemeyer, Dr. Nadja Wehl, Dr. Susanne Garritzmann), die die Ergebnisse einer Panelstudie mit rund 3.000 Jugendlichen vorstellten. Die Befunde zeichnen ein klares Bild: Die politischen Gräben verlaufen mitten durch unser Bildungssystem. Alle Kernergebnisse und regionalen Unterschiede der Studie finden Sie im Detail auf unserer Publikationsseite. 

Bildungsungleichheit prägt das Demokratieverständnis

In der anschließenden Debatte mit Impulsen von Joyce Peters (Vorsitzende der Landesschüler:innenvertretung Gesamtschulen Schleswig-Holstein), Franziska Schubert (Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen im Landtag Sachsen) und Anne Rolvering  (Vorsitzende der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung) ging es um die Frage, wie Bildungspolitik dazu beitragen kann, Schulen als Orte der gelebten Demokratie zu stärken. Deutlich wurde: Bildungsungleichheit kann zu tiefen Rissen im Demokratieverständnis führen. Wer sich im Schulsystem benachteiligt oder unverstanden fühlt, projiziert diesen Frust nicht selten auf das gesamte politische System.

Insbesondere Jungen machen im Schulalltag häufiger negative Erfahrungen – sei es durch Konflikte oder als ungerecht empfundene Leistungsbewertungen – und übertragen diese Unzufriedenheit in der Folge deutlich stärker auf die Politik. Die Schule wird so unfreiwillig zum Katalysator für ein Gefühl der gesellschaftlichen Ausgrenzung.

Aus der Diskussion kristallisierten sich drei zentrale Handlungsfelder heraus:

1. Das Problem der frühen Segmentierung

Ein zentraler Kritikpunkt galt der extrem frühen Aufteilung der Schüler:innen im deutschen System. Ist es sinnvoll und demokratiefördernd, Kinder bereits nach der vierten Klasse zu trennen? Diese frühe Selektion drängt junge Menschen in unterschiedliche Milieu-Blasen, erschwert eine gemeinsame demokratische Sozialisation und treibt die politische Polarisierung voran.

2. Demokratiebildung beginnt in der Kita

Als direkte Konsequenz wurde gefordert, Demokratiebildung bereits wesentlich früher zu verankern. Greifen Programme erst in der Sekundarstufe, sind Prägungen längst verfestigt. Das Erleben von Selbstwirksamkeit und Vertrauen in Institutionen müssen bereits in Kita und Grundschule im Alltag verankert werden. Nur wo Kinder früh erleben, dass ihre Stimme zählt, wächst ein belastbares Vertrauen in demokratische Prozesse.

3. Der digitale Filter und das ländliche Vakuum

Ein mächtiger Treiber der Polarisierung ist die digitale Lebensrealität. Plattformen wie TikTok wirken mit emotionalisierenden Algorithmen und populistischen Kampagnen als Brandbeschleuniger – oft treffen sie auf Jugendliche, die im klassischen Unterricht kaum auf den Umgang damit vorbereitet werden. Besonders drängend ist dies in ländlichen Räumen, wo Schließungen von Schulen und Jugendclubs in den letzten Jahrzehnten ein soziales Vakuum hinterlassen haben, das nun von digitalen Echokammern gefüllt wird.

Das zentrale Ergebnis des Vormittags ist so klar wie fordernd: Politische Bildung ist unverzichtbar, doch als isoliertes Schulfach kann sie tief sitzende Risse im gesellschaftlichen Fundament nicht allein kitten. Sie darf nicht länger als später Ausgleich für frühe strukturelle Versäumnisse und elterliche Vorprägung missverstanden werden. Was wir brauchen, ist ein mutiger, ressortübergreifender Kraftakt: Gezielte Investitionen in nicht-gymnasiale Schulzweige, die strukturelle Stärkung ländlicher Räume und ein konsequenter Abbau sozialer Barrieren im Bildungssystem. Nur wenn Schule Chancengerechtigkeit im Alltag vorlebt, kann sie ein Ort bleiben, der die Gesellschaft eint, anstatt sie weiter zu spalten.

Melanie Weiser

Projektmanagerin
Melanie Weiser ist Projektmanagerin für demokratische Wehrhaftigkeit und resiliente Demokratie.

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