Zukunft der Demokratie Veranstaltung

Komik im politischen Diskurs: genial, geschmacklos, gefährlich?

"Challenging Democracy"-Roundtable mit Marion Horn, Ingmar Stadelmann und Dominik Höch


Gemeinsam mit Marion Horn, Ingmar Stadelmann und Dominik Höch diskutierten wir am 6. Juni 2019 über das Mittel der Komik im politischen Diskurs. Die politische Satire hat Konjunktur und richtet sich in der Regel gegen die Mächtigen, aber kann sie auch zur Waffe gegen gegen die Demokratie und ihre Institutionen werden? In Kooperation mit dem Zentrum Liberale Moderne gingen wir im Rahmen der Reihe „Challenging Democracy“ dieser und weiteren Fragen nach.


Politische Satire – à la Heute-Show, Jan Böhmermann oder DIE PARTEI – spielt eine zunehmend große Rolle in der politischen Meinungsbildung und vermag es beizeiten, gesamtgesellschaftliche Debatten auszulösen. Das Sich-lustig-machen über “die da oben” ist kein neues Phänomen sondern seit der Antike ein beliebtes Thema für Komik und heutzutage wichtiges Kennzeichen einer freien Demokratie. Bietet Satire damit einen niedrigschwelligen Zugang zu Politik und befördert somit das Interesse für politische Themen in der Bevölkerung oder trägt sie in ihrer polemischen Art zur Verächtlichmachung von PolitikerInnen und somit zur zunehmenden Politikverdrossenheit bei? Und wie damit umgehen, dass das Recht auf Kunst- und Meinungsfreiheit zunehmend von Personen rechts des demokratischen Spektrums benutzt wird, um menschenverachtende “Witze” über PolitikerInnen und Minderheiten zu machen? All diese und weitere Fragen diskutierten wir mit dem Zentrum Liberale Moderne und unseren Gästen.

Inputs gaben Marion Horn, Chefredakteurin der Bild am Sonntag, Ingmar Stadelmann, Stand-up Comedian, sowie Dominik Höch, Fachanwalt für Medienrecht. Die Runde wurde moderiert von Ferda Ataman, Journalistin und Vorstandsmitglied von “neue deutsche organisationen”.

Die Funktion politischer Satire

Durch die Diskussion zog sich die Frage, wie überhaupt (politische) Komik zu definieren ist. Als entscheidend dafür, ob ein Inhalt oder eine Äußerung als Satire gilt, wurde unter anderem der Kontext genannt, in dem Komik stattfindet. Komik muss klar als solche erkennbar sein. Dominik Höch gab zu bedenken, dass dies gerade im digitalen Raum Herausforderungen mit sich bringe, da teilweise nicht mehr erkennbar sei, was Komik und was ernst gemeint sei. Außerdem spielten Position und Macht der Beteiligten in Witzen eine große Rolle; so wurde zum Beispiel von den Teilnehmenden Annegret Kramp-Karrenbauers Karnevalsauftritt kontrovers diskutiert.

„Das Lachen über die Mächtigen ist ein uraltes Privileg der Ohnmächtigen.“

Ralf Fücks

Komik arbeitet mit Überspitzung, hat aber stets einen Bezug zur Realität. Deshalb wurden beispielhafte Inhalte rechter “Satireseiten” von den TeilnehmerInnen nicht als Komik eingestuft. Ingmar Stadelmann argumentierte, dass ein Witz immer einem relativ klaren Aufbau folge und in jedem Fall eine auflösende Pointe haben müsse. Diese möge nicht immer für jede oder jeden funktionieren, aber sie grenze Komik von schlichten Falschmeldungen ab.  

Bei der Frage, ob es demokratiegefährdende Komik gibt, gingen die Meinungen der Anwesenden zum Teil stark auseinander. Marion Horn und Ingmar Stadelmann waren sich einig, dass es eine klar benennbare Grenze gebe zwischen “legitimer” Komik und gefährlicher, demokratiefeindlicher Hetze, die das Label “Satire” lediglich als Vorwand benutze, um ihre menschenfeindlichen Positionen zu verbreiten. Dementsprechend wohlwollend bewerteten sie die Rolle der Komik im politischen Diskurs. Horn sagte, sie würde sich oft mehr charmanten Humor von PolitikerInnen wünschen und argumentierte, dass Komik der Politik nicht schade, sondern im Gegenteil Humor einen Zugang zu Politik schaffe und als Übersetzungsmittel fungiere. Andere Teilnehmende des Roundtables sahen diese Einschätzung kritischer, da sie in der Verächtlichmachung von PolitikerInnen die Gefahr einer Erosion des Respekts gegenüber demokratischen Institutionen und einer zunehmenden Politikverdrossenheit sahen. 

Drei Fragen an unsere Gäste

Gibt es Grenzen von Komik?

Besonders die Frage, wo die Grenze zwischen geschmackloser und gefährlicher Komik verläuft, wurde kontrovers diskutiert. Bei Satire steht immer die Kunst- und Meinungsfreiheit dem Persönlichkeitsrecht gegenüber. Aus juristischer Perspektive ist laut Dominik Höch die einzige Einschränkung der Schutz der Menschenwürde, sofern Satire als solche kenntlich gemacht wird. Dementsprechend groß ist der Raum des “Sagbaren” in Deutschland. Folglich ginge es vor allem um die normative Einschätzung, ob es trotzdem bestimmte Formen und Inhalte von Komik gibt, die es abzulehnen gilt. Wie sind also Witze, die auf Kosten von Minderheiten gemacht werden und mit Vorurteilen spielen, einzuordnen?

Bei diesem Thema wurde deutlich, dass die TeilnehmerInnen des Roundtables den verschiedenen Freiheitsbegriffen unterschiedlich viel Gewicht beimaßen. Für einige wog die Freiheit des Individuums, das sich durch einen Witz eventuell in seiner Menschenwürde beeinträchtigt fühlt, schwerer. Vor allem wenn Witze gegenüber Minderheiten von einer privilegierten Position aus gemacht werden, seien diese vielleicht juristisch zulässig, aber trotzdem gefährlich, da sie das soziale Miteinander gefährdeten und bestehende Ressentiments verstärkten.

Einige Anwesende priorisierten die Meinungsfreiheit und wiesen auf die Unmöglichkeit hin, eine persönliche Schmerzgrenze übergreifend zu definieren. Marion Horn betonte, dass es zwar eine Menge Komik gebe, die sie geschmacklos findet, aber dass wir in einer freien Gesellschaft diese Art der Geschmacklosigkeit (also zum Beispiel auch Witze über das Aussehen von Frauen oder die angebliche Sprechart von MigrantInnen) aushalten müssten. Es dürfe niemanden geben, der über Geschmack richte. Das bedeute aber nicht, dass man für solche “inkorrekten” Witze keine Kritik bekommen dürfe:

„Du kannst in diesem Land alles sagen, du hast nur kein Recht auf Applaus.“

Marion Horn

Ebenso fand Ingmar Stadelmann, dass solche Witze zwar durch das Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt seien, man aber deshalb kein “Recht auf Konsequenzfreiheit” habe. Er argumentierte außerdem, dass Witze gegenüber Minderheiten wie MigrantInnen, Homosexuellen oder Frauen seiner Meinung nach nicht generell abzulehnen seien, da sie auch dadurch funktionierten, dass sie auf das Bestehen von existierenden Vorurteilen aufmerksam machen, indem sie das Publikum herausforderten und dazu brächten, bestehende Meinungen zu überdenken.

Insgesamt waren sich die SpeakerInnen in ihrer Einschätzung einig, dass die Chancen politischer Komik die möglichen Gefahren für das demokratische Miteinander überwiegen. Eine humoristische Art kann und soll das politische Geschehen hinterfragen und dadurch auch Menschen politisieren. Strittig war nur die Frage, was als Komik gilt, und was als Hetze oder Hass. Die Gefahr, die von der Aneignung des Labels “Komik” durch Rechte ausgeht, wurde von allen Teilnehmenden als sehr hoch empfunden – vor allem, da während der Diskussion offensichtlich wurde, wie schwierig es ist “falsche” von “richtiger” Komik zu trennen.

Genau diese Offenheit der Diskussion regte alle Beteiligten zum kritischen Hinterfragen des eigenen Empfindens sowie zu einem neuen Blick auf Komik und Satire an.

 

Der Roundtable “Komik im politischen Diskurs – genial, geschmacklos, gefährlich?” fand am 6. Juni 2019 im Rahmen der “Challenging Democracy”-Reihe statt. Die Veranstaltungsreihe ist Teil der Kooperation zwischen Das Progressive Zentrum und dem Zentrum Liberale Moderne und beschäftigt sich mit aktuellen Herausforderungen der liberalen Demokratie. Wir bedanken uns bei unseren Partnern und allen Teilnehmenden für einen höchst unterhaltsamen und spannenden Austausch!

 

 

Fotos: Jacob & Alex, 2019