Editorial
Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen,
bei den US-Midterms am 3. November treten für die US-Demokraten Kandidat:innen mit sehr unterschiedlichen politischen Profilen an: Jon Ossoff in Georgia zum Beispiel, Abdul El-Sayed in Michigan. Während Ossoff eher die politische Mitte adressiert, steht El-Sayed für einen deutlich linkeren Kurs. Man kann darin einen Richtungsstreit sehen. Man kann es aber auch anders betrachten: als Versuch, auf unterschiedliche gesellschaftliche Realitäten mit unterschiedlichen politischen Angeboten zu reagieren.
Denn was Wähler:innen überzeugt, ist nicht überall dasselbe. Eine Partei, die in verschiedenen Regionen erfolgreich sein will, muss unterschiedliche Lebenswelten und Erwartungen erreichen können. Was hier verfängt, kann andernorts wenig Resonanz erzeugen.
Der Vergleich mit Deutschland hat Grenzen. In den USA prägen Vorwahlen die innerparteiliche Konkurrenz, anders als in Deutschland müssen Parteien in den USA keine parlamentarischen Regierungskoalitionen bilden. Parteien hierzulande müssen unter anderen institutionellen Bedingungen politische Mehrheiten organisieren. Mindestens eine Frage aber muss hier wie dort beantwortet werden: Wie viel Unterschiedlichkeit stärkt eine Partei – und wann wird sie zum Problem?
Für progressive Parteien in Deutschland könnte es sich lohnen, diese Frage weniger als Disziplinierungsaufgabe und stärker als strategische Herausforderung zu begreifen. Pluralität kann Ausdruck der Fähigkeit sein, auf unterschiedliche regionale Bedingungen einzugehen, verschiedene Milieus anzusprechen und politische Spielräume vor Ort zu nutzen. Wer überall dieselben Antworten gibt, erreicht womöglich zu wenige.
Wer allerdings überall etwas anderes verspricht, riskiert seine Glaubwürdigkeit. Deshalb braucht es mehr als taktische Anpassung. Eine Partei muss benennen können, was ihre unterschiedlichen Strömungen verbindet. Ein gemeinsamer politischer Kern schafft Orientierung, ohne überall identische Antworten vorzuschreiben. Er ermöglicht Unterschiede, ohne Beliebigkeit zu legitimieren. Und er macht es möglich, Spannungen auszuhalten, statt sie vorschnell als Schwäche zu behandeln.
Vielleicht kann eine Stärke progressiver Parteien darin liegen: unterschiedliche Antworten unter einem gemeinsamen Dach zu versammeln. Doch was ist dieses Dach? Wie groß dürfen die Unterschiede werden, bevor eine Partei als Ganzes nicht mehr erkennbar ist?
Wir als Das Progressive Zentrum wollen zur Klärung dieser Fragen beitragen – mit Debattenbeiträgen, Roundtables und Studien; und immer auch im Austausch mit euch und Ihnen.
Herzliche Grüße
Dominic Schwickert, Geschäftsführer
Wolfgang Schroeder, Vorstandsvorsitzender
Judith Siller, Zweite Vorsitzende




