Demokratiereformen in der Berliner Republik: Eine Orientierung für die Praxis

Einig im Ziel, gescheitert am Detail: Zwei Simulationen im Bundestag zeigen, woran Demokratiereformen scheitern – und was sie tragfähig macht.

Demokratische Spielregeln müssen verlässlich sein, auch wenn Mehrheiten wechseln. Zugleich müssen sie sich verbessern lassen, wenn sie Probleme nicht mehr lösen. Die Studie „Demokratiereformen in der Berliner Republik. Eine Orientierung für die Praxis“ untersucht, wie Reformen beides leisten können.

Florian Grotz, Andreas Oldenbourg und Carl Schüppel verbinden eine Reformbilanz der Berliner Republik seit 1990 mit zwei Simulationsspielen im Bundestag. Wer an Reformvorhaben arbeitet, erfährt, welche Konflikte früh geklärt werden müssen und welche Verfahren eine Verständigung erleichtern. Die Studie hilft dabei, Vorschläge an zwei Maßstäben zu prüfen: Lösen sie das Problem? Und finden sie breite Zustimmung?

Zwei Simulationen, zwei Konflikte

Bei Bürgerräten beraten ausgeloste Bürger:innen politische Fragen und erarbeiten Empfehlungen. In der Simulation stritten die Beteiligten schon über den Zweck: Welche Aufgabe sollten Bürgerräte neben dem Parlament übernehmen? Ohne gemeinsames Verständnis davon, welches Problem sie lösen sollen, kam in unserer Simulation keine Einigung zustande.

Bei der Absicherung des Wahlsystems war die Ausgangslage anders. Die Teilnehmenden in den Rollen demokratischer Fraktionen teilten das Ziel, dessen Grundzüge im Grundgesetz zu verankern. Sie konnten sich jedoch nicht darauf einigen, wie diese ausgestaltet sein soll. Unterschiedliche Interessen verhinderten eine gemeinsame Lösung.

Die Simulationen mit politisch erfahrenen Teilnehmenden machen solche Konflikte sichtbar. Sie waren keine realen parlamentarischen Abstimmungen und erlauben keine Vorhersage künftiger Entscheidungen, lassen aber Rückschlüsse darauf zu, wo Entscheidungsprozesse ins Stocken geraten können, obwohl die Ziele ähnlich sind.

Was Reformen trägt

Eine erfolgreiche Reform löst ihr Problem und findet breite Zustimmung. Dafür müssen die Beteiligten klären, worin das Problem besteht, und einen Vorschlag entwickeln, den sie für geeignet halten. Sie müssen ihre Ideen und Interessen miteinander vereinbaren. Verfahren, die Gegenargumente und Fachwissen früh einbeziehen, können diese Verständigung erleichtern.

Das schützt vor einem wiederkehrenden Muster: Eine Mehrheit setzt ihre Reform durch, die nächste verändert sie wieder. Die Geschichte des Bundestagswahlrechts zeigt, warum eine Lösung auch über das eigene politische Lager hinaus überzeugen muss.

Schutz rechtzeitig vereinbaren

Die Autoren plädieren dafür, die Grundzüge des Wahlsystems im Grundgesetz abzusichern. Schutzmaßnahmen sollten vereinbart werden, solange die nötigen Mehrheiten dafür bestehen. Wer wartet, bis demokratische Regeln konkret bedroht sind, kann diesen Spielraum verlieren. Verlässliche Regeln und notwendige Verbesserungen gehören deshalb zusammen.

Begleitfilm


Im Rahmen des Projekts ist ein Begleitfilm entstanden, der das am 28. April 2026 im Deutschen Bundestag durchgeführte Simulationsspiel zur Institutionalisierung von Bürgerräten auf Bundesebene eindrücklich zusammenfasst. 

Film: Peter Jeschke 

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Online-Anhang

Im Online-Anhang stellen wir Materialien zur Dokumentation der beiden Simulationsspiele bereit, die wir im April 2026 im Deutschen Bundestag zur Institutionalisierung von Bürgerräten auf Bundesebene und der Verankerung des Wahlsystems im Grundgesetz durchgeführt haben: 

  • Briefings für die Teilnehmenden (inkl. Ablaufpläne)
  • Teilnehmendenlisten
  • Diskussionsgrundlagen
  • Materialpakete für die Teilnehmenden 
  • Stellungnahmen der Sachverständigen
  • Fragebogen und anonymisierte Fragebogenauswertung
  • Teilnehmendenliste der MdB-Interviews
  • Pretest-Materialien 

Autoren

Prof. Dr. Florian Grotz

Wissenschaftlicher Beirat
Florian Grotz ist Professor für Politikwissenschaft, insbesondere Vergleichende Regierungslehre an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr Hamburg. Zuvor war er an den Universitäten Heidelberg, Berlin (FU), Würzburg und Lüneburg tätig und Gastwissenschaftler an verschiedenen Forschungseinrichtungen im In- und Ausland.
Das politische System der Bundesrepublik Deutschland: Eine Einführung
Ein Überblick über die politischen Institutionen und Prozesse in der Bundesrepublik

Andreas Oldenbourg

Senior Projektmanager
Andreas Oldenbourg ist Senior Projektmanager im Bereich Resiliente Demokratie des Progressiven Zentrums. Er betreut verschiedene Projekte und Veranstaltungen im Themenfeld Demokratiepolitik mit einem Fokus auf Demokratiereformen.
Demokratiepolitik in der Klimakrise
Reformvorschläge zur Abmilderung der strukturell angelegten Spannungsfelder zwischen Demokratie und Klimakrise.

Carl Schüppel

Projektmanager
Carl Schüppel ist Projektmanager und Expert im Bereich Resiliente Demokratie des Progressiven Zentrums.
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Ansprechperson

Andreas Oldenbourg

Senior Projektmanager

Pressekontakt

Timm Leinker

Operative Leitung Kommunikation

Wir entwickeln und debattieren Ideen für den gesellschaftlichen Fortschritt – und bringen diejenigen zusammen, die sie in die Tat umsetzen. Unser Ziel als Think Tank: das Gelingen einer gerechten Transformation. ▸ Mehr erfahren