Frau Hassel, Sie sind Professorin an der Hertie School in Berlin und haben kürzlich den Sammelband „Was wird aus der Arbeit?“ veröffentlicht. Bundeskanzler Friedrich Merz schimpft gerne über die Arbeitsmoral der Deutschen. Sind wir wirklich so faul?
Merz hatte bei seinen Aussagen wohl das Arbeitszeitvolumen vor Augen. Deutschland liegt bei den jährlichen Arbeitsstunden pro Person tatsächlich auf einem der letzten Plätze aller OECD-Länder. Die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden ist zwar so hoch wie nie, aber die Stunden pro Kopf sind vergleichsweise niedrig. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass hierzulande viele Frauen in Teilzeit arbeiten.
Also hat er einen Punkt?
Lange Zeit war es eher das linke Ideal, dass alle Menschen in Vollzeit erwerbstätig sein sollen. Die CDU hingegen hat an einem traditionellen Familienbild festgehalten und das Anderthalb-Verdiener-Modell befürwortet. Insofern ist es erstaunlich, wenn Merz nun sagt, wir arbeiteten zu wenig. Denn der Grund für die niedrigen Durchschnittsstunden ist genau dieses in Deutschland gelebte Familienmodell, das seine Partei begünstigt hat – zum Beispiel durch das Ehegattensplitting oder die kostenlose Mitversicherung in der Krankenversicherung. Die eigenen Anreize zu kritisieren, ist etwas billig.
Anke Hassel ist Professorin für Public Policy an der Hertie School und Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des Progressiven Zentrums. Anke Hassel studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaften sowie Rechtswissenschaften an der Universität Bonn und an der London School of Economics and Political Science. Ihre Forschungsschwerpunkte sind vergleichende Wirtschafts- und Sozialpolitik, Arbeitsmarktregulierung und die Analyse politischer Prozesse.
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