Verantwortung in Zeiten neuer globaler Unsicherheiten

Was bedeutet Verantwortung für Deutschland im Jahr 2025? Diese Frage stand im Zentrum der vierten Ausgabe unseres Politischen Symposiums am 4. Dezember 2025. Rund 100 Akteur:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kamen in der Landesvertretung Hamburgs zusammen, um über zentrale Herausforderungen unserer Zeit zu debattieren. Diskutiert wurde, wie Deutschland in einer Phase globaler Unsicherheiten, wachsender geopolitischer Spannungen und tiefgreifender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Transformationen die Grundlagen seines Erfolgsmodells erneuern und neue strategische Handlungsfähigkeit gewinnen kann.

Die Status-quo-Analyse machte deutlich, dass es dabei um mehr geht als um einzelne Politikfelder. Die liberale Ordnung steht unter Druck: durch geopolitische Verschiebungen, schwindendes Vertrauen in internationale Institutionen und eine Sicherheitsarchitektur, die nicht mehr als selbstverständlich gilt. Verlässliche Gewissheiten weichen einer neuen Realität, in der Verantwortung zur zentralen Orientierungskategorie wird.

Zugleich wurde klar: Verantwortung darf kein abstrakter Begriff bleiben. In einem globalen Konkurrenzkampf zwischen liberalen, autoritären und staatskapitalistischen Modellen ist Systemwettbewerbsfähigkeit entscheidend. Dafür braucht es strategische Klarheit, wirtschaftliche Handlungsfähigkeit und ein positives Zukunftsbild, das über reines Krisenmanagement hinausgeht.

Vor diesem Hintergrund vertiefte das Symposium die Debatte in drei Fachgruppen. Diese beleuchteten Verantwortung in den Dimensionen wirtschaftlicher Stärke, sicherheitspolitischer Resilienz sowie sozialer Gerechtigkeit.

Thorsten Benner (Director, Global Public Policy Institute), Elisabeth Winter (Stellv. Geschäftsführerin, Helmut-Schmidt-Stiftung) und Wolfgang Schroeder (Vorsitzender, Das Progressive Zentrum)

Wirtschaftliche Handlungsfähigkeit und echte digitale Souveränität

In der Fachgruppe zu Industriepolitik und Innovation stand die Frage im Mittelpunkt, wie Deutschland und Europa wirtschaftlich handlungsfähig bleiben können, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen oder den europäischen Binnenmarkt zu gefährden. Diskutiert wurde unter anderem, welche Technologien und Sektoren aus Sicht wirtschaftlicher Sicherheit tatsächlich strategisch unverzichtbar sind und welche institutionellen Voraussetzungen es braucht, um Investitionen schneller, koordinierter und risikobereiter umzusetzen.

Breiter Konsens bestand darüber, dass digitale Abhängigkeiten real, dauerhaft und vielschichtig sind – und dass Europa darauf mit einer strategischen Neuausrichtung reagieren muss. Souveränität wurde dabei nicht als Autarkie verstanden, sondern als Fähigkeit zur bewussten Gestaltung technologischer und wirtschaftlicher Systeme. Deutlich wurde zudem, dass Europas industrielle Stärken und bestehende Wertschöpfungsökosysteme stärker strategisch genutzt werden müssen. Als zentraler Erfolgsfaktor erwies sich schließlich Vertrauen; zwischen Staat und Bürger:innen ebenso wie zwischen Staat und Unternehmen.

Armand Zorn (Stellv. Fraktionsvorsitzender, SPD-Bundestagsfraktion)

Momentum bei Sicherheit und Resilienz in eine kohärente Strategie überführen

Die Diskussionen zur Sicherheit machten deutlich, wie sehr sich klassische Grenzziehungen zwischen Wirtschafts-, Sicherheits- und Gesellschaftspolitik auflösen. Wirtschaftliche Stärke und Verteidigungsfähigkeit sollten – so die geteilte Einschätzung – nicht länger als getrennte Politikfelder verstanden werden, sondern als Bedingungen gegenseitiger Resilienz.

Einigkeit bestand zudem darüber, dass das derzeitige Momentum in eine kohärente Strategie überführt werden muss. Zu den prioritären Handlungsfeldern zählen die Mobilisierung privaten Kapitals durch staatliche Garantien, die stärkere Einbindung ziviler Infrastruktur als Verteidigungsfaktor sowie politische Abnahmegarantien als Signal an Industrie und Investoren. Darüber hinaus wurde betont, dass Sicherheit neu organisiert werden muss, institutionell wie kulturell. Dazu gehöre eine stärkere strategische Koordinationsfähigkeit der Regierung ebenso wie die Einbindung der Zivilgesellschaft als aktive Bürgerschaft.

Melanie Weiser (Projektmanagerin, Das Progressive Zentrum)

Gute Arbeit und staatliche Leistungsfähigkeit als Vertrauensfaktoren

Die Fachgruppe zu Sozialstaat und Arbeitsmarkt setzte den Fokus auf die Frage, wie Vertrauen in Zeiten beschleunigten Wandels gesichert werden kann. Breiter Konsens bestand darüber, dass Vereinfachung unverzichtbar ist – allerdings vor Digitalisierung und nicht als deren Ersatz. Kommunen wurden dabei als zentrale Akteure identifiziert, die gestärkt und entlastet werden müssen, um staatliche Leistungsfähigkeit vor Ort sichtbar zu machen.

Zugleich wurde betont, dass eine offene Debatte über Verteilung notwendig ist, um Reformen politisch zu legitimieren. Gute Arbeit wurde als demokratierelevanter Faktor hervorgehoben, ebenso die Bedeutung betrieblicher Mitbestimmung und einer sozial abgefederten, beteiligungsorientierten Transformation. Dissens zeigte sich unter anderem bei der Frage nach der Reichweite von Vereinfachungsmaßnahmen, der Finanzierungsverantwortung zwischen Bund, Ländern und Kommunen sowie bei der tatsächlichen Weiterbildungsbereitschaft von Beschäftigten.

Katja Mast (Parlamentarische Staatssekretärin, Bundesministerium für Arbeit und Soziales) und Andreas Audretsch (Stellv. Fraktionsvorsitzender, Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen)

Vertiefende Gespräche und ein Wunsch zum Jahresende

Nach den intensiven Debatten in den Fachgruppen bot der Winterempfang Raum für vertiefende Gespräche und neue Verbindungen. Höhepunkt war das politische Gespräch zwischen Matthias Miersch, Fraktionsvorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, und Astrid Séville, Professorin für Politikwissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Progressiven Zentrums, das zentrale Linien des Symposiums politisch einordnete.

Auf die Frage nach seinem Wunsch zum Jahresende nannte Matthias Miersch einen Funken mehr Optimismus und Zuversicht. Das Symposium machte deutlich: Verantwortung ist kein abstraktes Konzept, kein Trostwort für unsichere Zeiten. Sie lässt sich konkret ausfüllen, politisch gestalten und gemeinsam tragen – darin liegt die Kraft, die unser Handeln auch in unruhigen Zeiten trägt.

Fotos: Fabian Melber

Co-Kuratoren

Mit freundlicher Unterstützung von

Autor

Aaron Remus

stellv. Leitung Strategische Kommunikation
Aaron ist beim Progressiven Zentrum Kommunikationsmanager und stellvertretende Leitung des Bereichs Strategische Kommunikation. Studiert hat er Staatswissenschaften und Public Policy in Erfurt, Münster und St. Petersburg.

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