Menschenkette der Anti-Atomkraftbewegung mit Bannern und Fahnen

Von Michael Miess (Kulturmeister-berlin) - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17279686

Zwischen Eigensinn und Abhängigkeit

Zur Rolle der Zivilgesellschaft im politischen System Deutschlands

Die Geschichte der Bundesrepublik lässt sich auch als eine Geschichte ihrer Zivilgesellschaft lesen. Gemeint ist damit, dass weder die Agenda von Parteien und Regierungen noch deren letztendliche politische Ergebnisse ohne den Einfluss zivilgesellschaftlicher Initiativen zu verstehen sind. Damit ist die Konfliktstruktur zwischen der organisierten Zivilgesellschaft und dem politischen System ein wesentlicher Motor für den politischen Wandel, der in diesem Beitrag beleuchtet wird.

Mit dem politischen System der Bundesrepublik werden im engeren Sinne die verfassungsmäßigen Institutionen von Legislative, Exekutive und Judikative sowie das Parteiensystem bezeichnet. Dabei handelt es sich um die zentralen Entscheidungsinstanzen der repräsentativen Demokratie. Obwohl die organisierte Zivilgesellschaft nicht als formaler Teil des politischen Systems gilt, bestehen zwischen beiden Sphären intensive, durch einen ständigen Wandel geprägte Beziehungen. Hier werden vor allem jene Teile der organisierten Zivilgesellschaft in den Blick genommen, die sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und seine gesetzliche Rahmung kümmern.

Die organisierte Zivilgesellschaft ist seit einiger Zeit von signifikanten Veränderungen geprägt: Erstens versteht sich ein größer werdender Teil der zivilgesellschaftlichen Organisationen nicht mehr lediglich als abhängiges Vorfeld, das an der Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Staat agiert, sondern als eigenständiger Mitgestalter in der Arena der politischen Willensbildung. Damit verändert sich die Konflikt- und Kooperationsstruktur mit Parteien, Parlamenten und der Exekutive. Zweitens ist zu beobachten, dass sich in der organisierten Zivilgesellschaft neben den emanzipativen auch die restaurativen Akteure häufiger, lauter und einflussreicher organisieren. Dies hat zur Folge, dass nicht nur Spannungen zwischen der organisierten Zivilgesellschaft und dem politischen System, sondern auch innerhalb der Zivilgesellschaft bedeutungsvoller werden. Im Folgenden werden die Entwicklung, Funktion und der Zustand der organisierten Zivilgesellschaft sowie deren Einfluss auf das politische System reflektiert.

Der Artikel erschien am 21.03.2026 in „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

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