Europa & die Welt Debattenbeitrag

Wir Finanzexperten




Nachdem wir in den letzten Wochen einen Crashkurs in Sachen Finanzmarktprodukte und ihre Risiken hinter uns gebracht haben, rätseln wir über die Implikationen der Finanzkrise für die Weltwirtschaft, die Konjunktur in Deutschland und unsere Bankkonten.


In einem scheinen sich aber alle einig zu sein: Die Ursache der Krise liegt in einer Mischung aus Gier, schwach regulierten Märkten und einer Politik des billigen Geldes, die dazu führte, dass Menschen ohne Einkommen Häuser kauften, Banker deren Kredite in Paketen mit Aufschlag verkauften und Anleger ohne Sachkenntnis hochriskante Papiere erwarben. Als die Menschen ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten und die Hauspreise fielen, fiel auch der Wert der Kredite und die Anleger mussten so viele Anlagen abschreiben, dass die Banken den Verdacht hatten, dass sie selbst nicht mehr kreditwürdig seien. Die langfristige Lösung nach der kurzfristigen Rettung scheint daher auf der Hand zu liegen: die moralische Verdammung der Gier, eine Regulierung der Märkte und ein vorsichtigerer Umgang mit dem Geldumlauf.

Von allen Seiten wird ein Hohelied auf die Sparkasse gesungen, die Zertifizierung von Finanzprodukten und Begrenzung der Managergehälter geplant und eine höhere Sparquote der Angelsachsen zur Abmilderung globaler Ungleichgewichte gefordert. Unabhängig davon, wieweit dieser Weg tatsächlich beschritten werden wird, bleibt die Frage, was diese Episode für die Modernisierung des deutschen Modells bedeutet. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde unter Modernisierung oftmals eine Annäherung an das angelsächsische Modell verstanden: Privatisierung, Deregulierung, Shareholder Value, Börsennotierung, Flexibilisierung, Eigenvorsorge und so weiter. Private Finanzinstrumente in die öffentliche Daseinsvorsorge durch Public-Private Partnerships, grenzüberschreitende Leasingmodelle, wertorientierte Buchhaltung sowie kapitalmarktbasierte Renten. Diese Art der Modernisierung ging zu Lasten traditioneller Finanzinstrumente wie dem Umlageverfahren in der Rente, der Bankenfinanzierung in den öffentlichen Investitionen und der staatlichen Infrastruktur. Viele der neuen Finanzinstrumente werden jetzt kritisch hinterfragt und überprüft, einiges wird als wenig tauglich entsorgt. Der Privatinvestor schafft die Zertifikate der Lehmann Brothers ab und die öffentliche Hand die Geschäfte mit Zinsspekulationen. Das ist gut so und führt hoffentlich zu einer neuen Balance von Solidität und Rendite.

Während die Krise den Handlungsspielraum der Politik vergrößert und das eng gefahrene Verständnis von Modernisierung als Marktliberalisierung aufbricht, steht dem jedoch noch kein kontinental-europäischer oder rheinischer Alternativentwurf gegenüber. Die jetzt geforderte Regulierung und Aufsicht der Bankenindustrie ist vielmehr eine klassisch angelsächsische Reaktion auf Managerversagen. Der Enron Skandal führte zum Sarbanes-Oxley Act mit vielen neuen Regulierungsvorschriften und – nebenbei gesagt – zu hohen Haftstrafen für die handelnden Manager. Regulierung, Transparenz und scharfe Sanktionen sind die Grundpfeiler der liberalen Ökonomie nicht des rheinischen Kapitalismus.  Der rheinische Kapitalismus basierte auf Verflechtung und Kontrollverhältnissen zwischen den Unternehmen und Personen; ein Modell, das kaum globalisiert werden kann. Es steht daher zu erwarten, dass die Krise nicht zu einer Rückkehr der Werte des rheinischen Kapitalismus führen wird – sieht man einmal vom moralischen Diskurs über den gierigen Banker ab. Vielmehr werden die politischen Reaktionen die liberale Wirtschaft auf globale Regulierungsfüße zu stellen versuchen und damit einen weiteren Schritt in Richtung Anglo-Amerikanisierung der europäischen Wirtschaft bedeuten. Das ist zudem im derzeitigen Diskussionstand ziemlich alternativlos. Einzig der Hinweis auf die stabilisierende Funktion der öffentlichen und genossenschaftlichen Banken könnte diese nun stärken und vielleicht dauerhaft vor dem Brüsseler Zugriff schützen. Die Lektion aus der Finanzkrise wird jedoch kein global aufgespanntes Sparkassenmodell sein sondern allenfalls eine stärkere Legitimation für national geschützte Nischen vor dem Zugriff der Marktliberalisierung.