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Was will „Blue Labour“?



In den Debatten um die nötige Erneuerung der Labour Party hat sich eine ideenpolitische Tendenz besonders profiliert, die Kategorien wie Nachbarschaftlichkeit oder Gemeinschaft im Munde führt und die Verteidigung traditioneller Lebensweisen propagiert. Wo liegt die als „Blue Labour“ bekannt gewordene Strömung richtig? Auf welche Fragen weiß sie keine Antwort?


B ei der Unterhauswahl von 2010 erlebte die Labour Party einer ihrer schlimmsten Niederlagen seit 1918. Kein Wunder, dass auf dieses niederschmetternde Ereignis eine Periode intensiver Selbstprüfung folgen musste. Da weder der linke Flügel der Partei noch die Reste von New Labour ernsthafte Beiträge zur Debatte geliefert haben, bleibt als greifbarstes Ergebnis der Diskussion vorläufig ein Konglomerat von Ideen, die als „Blue Labour“ bekannt geworden sind.

Blue Labour hat nicht nur Kontroversen ausgelöst, sondern auch viel Verwirrung gestiftet, denn die Begrifflichkeit von Blue Labour ist der politischen Tradition Großbritanniens eher fremd. Diese ist fest verwurzelt in abstrakten Kategorien wie „Rechte“, „Pflichten“, „Souveränität“ und „Institutionen“. Vertreter von Blue Labour hingegen fassen ihre Ideen in Begriffe wie „Liebe“, „Gemeinschaft“, „Nachbarschaftlichkeit“, „Brüderlichkeit“, „Beziehungen“ oder „Gemeinwohl“. Für die britische Parteipolitik sind aber nicht nur diese Worte sehr ungewöhnlich, sondern auch die kontroversen Thesen, die von führenden Vertretern der Blue-Labour-Tendenz vertreten werden. Ihr intellektueller Kopf, der Sozialtheoretiker Lord Maurice Glasman, vertritt die Position, die Labour Party habe als Regierungspartei in der Einwanderungspolitik ihre wahren Absichten verschleiert, da die Partei die Ablehnung der Wähler gefürchtet habe. Dass Ed Miliband, der neue Vorsitzende der Labour Party, Maurice Glasman 2010 für das Oberhaus nominierte, hat dazu geführt, dass die britische Presse sowie die politische Klasse des Landes Lord Glasmans Ansichten ernst nehmen.

Es geht um die Bewahrung des Bestehenden

Im Kern muss man „Blue“ Labour als Bekenntnis zur Rückeroberung überkommener Traditionen verstehen: etwa den Respekt vor der Lebensweise der Arbeiterschaft sowie Werte wie Solidarität und Kollektivität, die für die britischen Linken früher einmal sinnstiftend waren. Das Wort „Blue“ verweist dabei auf eine Grundsympathie für den Konservativismus als philosophische Richtung – nicht zu verwechseln mit der britischen Konservativen Partei, die sich vor allem der Idee der freien Marktes verpflichtet sieht. Blue Labour trifft durchaus einen Zeitgeist im Land, dem an dem Schutz, der Bewahrung und Verbesserung der grundlegenden Gesichtspunkte unseres Gemeinschaftslebens gelegen ist, besonders im Hinblick auf die Sprache, die Kultur und die Institutionen der Engländer.

Jedoch fallen in Blue Labour notwendigerweise verschiedene wichtige Traditionslinien der Labour Party zusammen. Es handelt sich um eine komplexe Mischung markanter ideologischer und intellektueller Richtungen, die gewisse Ähnlichkeiten mit früheren Strömungen der Labour Partei haben. Dabei geht es namentlich um den so genannten ethischen Sozialismus bei Ramsey MacDonald und R.H. Tawney, um das Bekenntnis der Labour Party unter Clement Attlee zu einer demokratischen „gemeinsamen Kultur“, den pragmatischen Labourismus von Harold Wilson und William Callaghan sowie den betonten Kommunitarismus der Frühphase von Tony Blair vor 1997.

Das Leben soll mehr sein als bloß ein Markt

Im Kontext von Blue Labour treten verschiedene Akteure hervor, die vergleichsweise unterschiedliche, aber jeweils prononcierte Positionen vertreten. Maurice Glasman zum Beispiel ist ein exponierter Vertreter einer Politik der Tugend und des Gemeinwohls, die ihre Wurzeln in den Soziallehren religiöser Gemeinschaften hat. Marc Stears, ein weiterer Politiktheoretiker im Umfeld von Blue Labour mit Sitz an der Universität Oxford und im Institute of Public Policy Research (IPPR), hebt vor allem hervor, warum es für die Labour Party so wichtig sei, ihr Bekenntnis zu einem demokratischeren Gemeinschaftsleben wiederzubeleben. Der Kulturtheoretiker Jonathan Rutherford von der Universität Middlesex wiederum hält es für besonders wichtig, Politik in der alltäglichen Erfahrungswelt von Menschen zu verwurzeln, besonders im – positiv interpretierten – Provinzialismus von England, englischer Kultur und englischer Identität.

Was jedoch sämtliche Vertreter von Blue Labour vereint, ist ihr Widerstand gegen die Kommodifizierung von Menschen durch die Märkte. Diese nehme dem Leben alles, was es seinem Wesen nach wertvoll mache. Hierin folgen sie den Frühschriften von Marx und Hegel. Der einflussreichste Theoretiker, besonders in seiner Wirkung auf Maurice Glasman, ist der aus Ungarn stammende Philosoph Karl Polanyi („Die große Transformation“) mit seinen Überlegungen zur Rolle kapitalistischer Märkte auf das England des 17. und 18. Jahrhunderts. Der Prozess der Kommodifizierung sei in jüngster Zeit durch das von New Labour verfochtene Konzept einer von der Globalisierung angetriebenen „dynamischen wissensbasierten Ökonomie” weiter verschärft worden. Anders als andere antikapitalistische Bewegungen hält Blue Labour am Kapitalismus nicht die Aspekte der Ausbeutung oder der Ungleichheit für besonders kritikwürdig, sondern arbeitet sich am Aspekt der Kommodifizierung und Kommerzialisierung ab. Das Ziel linker Politik müsse darin bestehen, kollektive Institutionen aufrechtzuerhalten, die sich genau denjenigen Marktkräften entgegenstellen, welche Menschen in Waren verwandeln.

Die Verfechter von Blue Labour werden vielfach dafür kritisiert, dass sie es versäumt haben, aus ihren ideologischen und philosophischen Überzeugungen programmatische Folgerungen zu ziehen. In gewisser Weise ist diese Kritik unbegründet, da es ja gerade zum Charakter von Blue Labour gehört, die instrumentelle und technokratische „Politikverkaufe“ der Gegenwart rundweg abzulehnen. Stattdessen versucht Blue Labour, Symbole und ästhetische Gesichtspunkte zu benennen, die die Labour Party wieder mit ihren traditionellen Wählerschaft in Verbindung bringen könnten, vor allem mit den Arbeitermilieus, die sich an der herkömmlichen Politik so gut wie gar nicht mehr beteiligen.

Dennoch haben Vertreter von Blue Labour durchaus auch praktische politische Ideen hervorgebracht. Die sichtbarste von ihnen ist die Befürwortung von stakeholder economics, also einer „Ökonomie der Teilhaberschaft“. Damit würde sich der britische Kapitalismus von seiner angloamerikanischen Ausrichtung hin zu nordeuropäischen Modellen auf der Grundlage deutscher und skandinavischer Erfahrungen verschieben. In praktischer Hinsicht läuft dies auf eine Hinwendung zum Korporatismus hinaus. Dazu gehören die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die Abkehr von einer Kultur der Unternehmenszerschlagung und -übernahme, das Ende exzessiver Managergehälter sowie die Überwindung von Hire-and-Fire-Verhältnissen auf amerikanisierten Arbeitsmärkten. Stattdessen müssten Aus- und Weiterbildung weit größere Beachtung finden. Hervorgehoben wird – anstelle der Vorstellung vom endlos flexiblen Humankapital – der besondere Wert, welcher der dauerhaften Ausübung von Handwerken und Berufen innewohne. Zu dem von Blue Labour favorisierten Wirtschaftsmodell gehören zudem eine schärfere politische Kontrolle der Finanzmärkte sowie die Regionalisierung des britischen Bankensystems.

Viele europäische Sozialdemokraten würden das alles als völlig normales Programm der linken Mitte betrachten, ganz sicher nicht als extreme linksideologische Abweichung vom sozialdemokratischen Mainstream. So gesehen ist Blue Labour aufs Ganze gesehen eine konstruktive Tendenz, die dazu beiträgt, im Gefolge der globalen Finanzkrise ein klar konturiertes sozialdemokratisches Projekt zu entwickeln. Ständige Versuche, die Fehler von Blue Labour herauszupicken, werden der reichhaltigen und originellen Natur der Beiträge nicht gerecht, die diese Ideenströmung liefert. Dennoch ist zweifelhaft, welche Kohärenz die Ideen von Blue Labour tatsächlich besitzen. Die wichtigsten Defizite beziehen sich auf die Fragen der Klassenidentität, des Provinzialismus sowie auf den Charakter der britischen Politiktradition.

Sozialismus in einem Land? Das wird nicht klappen

Die Vertreter von Blue Labour weisen zu Recht auf die bleibende Relevanz der Kategorie „Klasse“ als Bestimmungsgrund wirtschaftlicher und politischer Identität hin. Es mag sein, dass New Labour zu weit darin gegangen ist, die historische Rolle der Labour Party als Agentur der Arbeitersolidarität und der kollektiven Selbstorganisation aufzugeben. Dennoch kann kaum bezweifelt werden, dass Klasse heute nicht mehr die Rolle spielt, die dieser Begriff im britischen politischen Leben früher einmal gespielt hat. Dass Labour auf diesen Wandel reagiert hat, war eine Grundvoraussetzung dafür, dass sich die Partei in den neunziger Jahren überhaupt wahlpolitisch erholen konnte. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begriffen die Menschen ihre soziale Position im Lichte ihres Status im Produktionsprozess. Heute ist ihre Rolle als Konsumenten ein weitaus bedeutsamerer Bestimmungsgrund sozialer und politischer Identität, und Parteien der linken Mitte haben Wege finden müssen, sich mit der real existierenden Konsumentengesellschaft zu arrangieren. Die Linke mag dies beklagen, aber sie leugnet solche Entwicklungen auf eigene Gefahr.

Eine weitere Schwäche von Blue Labour ist der Provinzialismus, der dieser ideologischen Position innewohnt. Die Sehnsucht, lokale Identitäten wieder zum Leben zu erwecken und in die Vereinzelung geratene Menschen aufs Neue in festen Gemeinschaften zu verwurzeln, ist völlig legitim. Doch die Wirklichkeit der globalen Interdependenz lässt sich kaum bestreiten. Kosmopolitische Liberalität hat gewiss ihre eigenen Schwächen, nicht zuletzt die, dass sie diejenigen abstößt, denen die ständige Globalisierung von Produktion und Austausch keine Vorteile gebracht hat. Aber die Vorstellung vom „Sozialismus in einem Land“ erscheint schwerlich glaubwürdig in einer Ära, in der die Umstrukturierung der Wirtschaft die Machtverschiebung von Westen nach Osten vorantreibt. Es ist, vorsichtig gesagt, überhaupt nicht sicher, ob man die internationalen Märkte schlicht dadurch in die Schranken weisen kann, dass man die Macht des Nationalstaates als souveräner Akteur postuliert.

Der abschließende Einwand betrifft das Wesen der britischen politischen Tradition. Angesichts der Bedeutung, die Blue Labour der nationalen Identität und Tradition beimisst, ist es paradox, dass ihre ideologischen Vorschläge zum Kontext des britischen politischen Systems nicht so richtig passen. Dieses System ist einerseits immer zentralistischer geworden, und hat es zum anderen nicht die Fähigkeit entwickelt, freie Märkte mittels staatlicher Intervention zu zähmen. In seiner Geschichte hat Großbritannien nicht die Institutionen besessen, die notwendig gewesen wären, um eine Kultur aktiver Partnerschaft und Intervention aufrechtzuerhalten. Verantwortlich dafür war ein passives Verständnis von Bürgerschaft. Was Blue Labour demzufolge dezidiert fehlt, ist ein Begriff davon, wer eigentlich als aktiv Handelnder in Frage kommt, wie also die angestrebten Veränderungen angesichts der Hindernisse, welche die politische Tradition aufgetürmt hat, bewerkstelligt werden sollen. So riskieren die Vertreter von Blue Labour, in den traditionellen Widerspruch der Linken hineinzugeraten, einerseits zwar mit radikaler Rhetorik aufzuwarten, andererseits aber keine praktischen Instrumente anbieten zu können, um ihre Vision einer faireren und weniger ungleichen Gesellschaft verwirklichen zu können.


 

Der Schlüsseltext zu Blue Labour ist: The Labour Tradition and the Politics of Paradox (www.lwbooks.co.uk)

Aus dem Englischen von Tobias Dürr und Marius Mühlhausen

Dieser Beitrag erschien zuerst in Ausgabe 1/2012 der Berliner Republik.