Leben & Arbeiten Debattenbeitrag

Unternehmensethik in der Krise




Im Jahr 2005 gewann die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers den Corporate Social Responsibility-Preis des Foreign Policy-Verbandes. Seit nunmehr zehn Jahren breitet sich das Konzept der Corporate Social Responsibility in den Vorstandsetagen aus. Das hielt Lehman Brothers jedoch nicht davon ab, jene riskanten Wetten abzuschließen, die das Unternehmen, und mit ihm seine Mitarbeiter und deren Renten, zu Fall brachten.


Die Begründung für die Verleihung des Preises liefert einen Anhaltspunkt, warum es so kam. Lehman wurde für „das freiwillige und gemeinnützige Engagement seiner Mitarbeiter“ geehrt. Von Mitarbeitern gegründete Wohltätigkeitsorganisationen und Sportvereine sind noble Unterfangen, aber sie sind bei weitem nicht die Hauptzielsetzung von Corporate Social Responsibility. Wenn also eine neue Finanzordnung aus der Krise hervorgeht, muss ihr auch eine neue Unternehmensethik zugrunde liegen.

Wir sollten uns kurz gewisser Grundlagen vergewissern. Wir gestatten Unternehmen ihrem Profitstreben nachzugehen, da wir davon ausgehen, dass ein freier Markt dem sozialen Wohl am dienlichsten ist. So weit, so gut. Diese Logik wurde jedoch allzu lange in einen weitaus fragwürdigeren Anspruch umgebogen: nämlich, dass alles, was Unternehmen auf diesem Markt tun, unweigerlich das Gemeinwohl fördert. Das ist jedoch nicht der Fall. Der freie Markt lässt es zum Beispiel zu dass man die Umwelt solange zerstört, bis man schließlich gezwungen ist, den Schaden zu beseitigen. Und das trägt beim besten Willen nicht zum social welfare bei. Idealerweise sollte natürlich der Staat einschreiten, um die Schädigung der Umwelt zu unterbinden, doch die meisten Staaten sind bereits überlastet. Gesetze zu verabschieden braucht Zeit, sie durchzusetzen Ressourcen, was beide Instrumente zwangsläufig unvollkommen macht. Obwohl Gesetze und Regulierung unerlässlich sind, werden sie corporate ethics niemals überflüssig machen.

Die Frage besteht nun darin, welche Form diese Unternehmensethik annehmen soll. Bis dato waren Unternehmensethik und corporate social responsibility sehr eng gefasst. Während sich viele Unternehmen zwar an die allgemeinen Spielregeln halten, lehnen sie gleichzeitig jegliche Verantwortung für die Ausrichtung und den Erfolg des ökonomischen Systems als Ganzes ab. Unternehmen sahen sich bisher nicht dazu veranlasst, über ihrer eigene Rolle auf dem Markt hinaus nachzudenken, also auch den Zustand des Marktes und der Gesellschaft, dem der Markt zum Nutzen sein soll, in Betracht zu ziehen.

In einer Welt, deren wechselseitige Abhängigkeit sich als so unmittelbar und atemberaubend erweist, können wir uns Gleichgültigkeit gegenüber den Auswirkungen unseres Handelns auf andere nicht länger leisten. Wir brauchen eine neue Ethik der Arbeitsteilung, die die Gesamtwirkung unseres Handelns nicht mehr als außerhalb unserer Interessen liegend abtut, ebenso wie ein neues Bewusstsein des Ganzen sowie der Ziele dieses Ganzen als Teil unserer alltäglichen Entscheidungen. Wir können es uns nicht länger leisten davon auszugehen, dass Organisationen – und dazu gehören sowohl Unternehmen als auch NGOs – ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden, indem sie engstirnig der ihnen zugewiesenen gesellschaftlichen Aufgabe nachgehen, ohne auf die Gesellschaft als Ganzes Rücksicht zu nehmen. Es gibt eine grundlegende ethische Pflicht, über die Aufgabe nachzudenken, der eine Organisation im größeren sozialen Kontext nachkommen soll. Sich an die gesellschaftlichen Spielregeln zu halten, reicht daher nicht aus. Man muss in einer Art und Weise spielen, die das Regelwerk festigt, anstatt es zu untergraben.

Doch wie lässt sich das in politische Maßnahmen übersetzen? In erster Linie bedeutet es, dass Unternehmen die Verantwortung für das Ergebnis ihrer Tätigkeit in ihrem speziellen Feld übernehmen; d.h. sie müssen so agieren, dass es die Überlebensfähigkeit des gesamten finanziellen, ökologischen und sozialen Systems garantiert. Eine Änderung der Vorschriften zur Rechnungslegung könnte hierzu den Einstieg bieten, indem man fortan im Geschäftsbericht nachweisen muss, dass sich sowohl Manager als auch Vorstandsmitglieder mit der Wirtschafts- und Sozialordnung auseinandergesetzt haben, in der das Unternehmen operiert, dass sie die Arbeitsbereiche ermittelt haben, auf die sich ihr Handeln am stärksten auswirkt und dass sie in der Lage sind, sämtliche Informationen und Ansichten auszuweisen, die sie in ihrer Entscheidungsfindung herangezogen haben. So müssten die direkten und indirekten Auswirkungen sämtlicher Produkte und Dienstleistungen, Lobby- und Werbeaktivitäten sowie Bilanzpraktiken erfasst werden. Natürlich ist diese Forderung, die detaillierter Ausführungen bedarf, erweiterbar. Der NGO-Sektor könnte eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von best practice-Modellen für einzelne Wirtschaftsbereiche spielen, so dass die Geschäftsberichte in zunehmendem Maße miteinander verglichen werden können und neue Standards daraus hervorgehen.

Die Verpflichtung Entscheidungsfindungsprozesse offenzulegen hätte zwei Konsequenzen: Zum einen würden Manager und Vorstandsmitglieder sich auf eine Art zu Denken einlassen, die ihnen die Augen für die sozialen Folgen ihres Handelns öffnet. Zum anderen würde es außerbetrieblichen Anteilseignern ermöglicht, das Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen. Der Unterschied zur bereits bestehenden CSR-Rechenschaftslegung besteht vor allem darin, dass letztere sich auf die Unternehmensaktivitäten beschränkt, ohne sich mit der Entscheidungsfindung zu befassen. Außerdem konzentriert sich die derzeitige Form der CSR lediglich auf gewisse Unternehmensbereiche, was zur Folge hat, dass die Beteiligung an gemeinnützigen Projekten herausposaunt wird, während Lobby-Aktivitäten verschwiegen werden. Das neue Modell der Rechenschaftslegung würde von Unternehmen einerseits den Nachweis verlangen, dass Geschäftsmodell und Geschäftspraxis einen sozialen Mehrwert erwirtschaften (der die Mehrung des Wohlstands sowie die Produktion von Gütern und Dienstleistungen berücksichtigt, sich jedoch nicht darauf beschränkt). Andererseits würden Unternehmen verpflichtet, den sozialen Mehrwert nicht durch systemschädigendes Verhalten zu mindern, was – in der Sprache dieser Unternehmen – insgesamt zu einem Nettoverlust führen würde.

Man kann gegen diese Sicht der Unternehmensethik einwenden, dass sie umstrittene Entscheidungen erfordert. Wer bestimmt, worin genau das öffentliche Interesse besteht? Woher kann ein Unternehmen wissen, was genau dieser Begriff umfasst und wie kann es dann darüber Rechenschaft ablegen, ob es das öffentliche Interesse berücksichtigt hat oder nicht? Das ist der Ausgangspunkt für die Ansicht, vertreten von weiten Teilen der Linken und Rechten, Unternehmen sollten sich gegenüber dem Gesetz – und nur gegenüber dem Gesetz – verantworten müssen. Aber wie wir gesehen haben ist die Gesetzgebung unvollständig, träge und mangelhaft – und war dies schon immer. Der Weg nach vorn besteht darin, moralische Pflichten zu formulieren, die sich nicht an amerikanischen, sondern an den weithin akzeptieren europäischen Bilanzrichtlinien orientieren. Während jene nur spezifisch regulieren, liegen diesen allgemeine Prinzipen zugrunde. Solange Unternehmen nachweisen können, dass sie sozial verantwortlich handeln, sollten Richter und Regulierungsbehörden dies anerkennen (wobei andere gesellschaftliche Akteure auf noch strengere Standards drängen könnten.) Diese Richtlinien können frei und allgemein interpretiert werden, wie zum Beispiel beim sogenannten test of business judgement. Richter sind in diesen Fällen oft sehr großzügig in ihrer Beurteilung von Managemententscheidungen, selbst wenn diese überaus schlecht waren. Dennoch sollte ein angemessener, nachvollziehbarer Entscheidungsprozess erkennbar sein, und dieses Kriterium wäre somit auch Bestandteil der reformierten Version der corporate social responsibility.

Diese Forderung ist umso dringlicher, da Unternehmen der Politik und Regulierung nicht gleichgültig gegenüberstehen. Ganz im Gegenteil haben sie diese nicht im öffentlichen, sondern in ihrem eigenen Partikularinteresse mitgestaltet. Sie betreiben Lobbyismus, um Gesetzgebungsverfahren in die von ihnen gewünschte Richtung zu lenken, sie verstehen sich auf aggressive Steuerplanung, ja, sie tun alles, um selbst die Politikformulierung zu übernehmen und Regierungen ihrer Handlungsmöglichkeiten zu berauben. Nichts davon wurde von bestehenden corporate social responsibility-Standards berücksichtigt. Die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft scheint kein unternehmerisches Anliegen zu sein, das überlässt man Regulierungsbehörden. Gibt es aber viel zu wenige Regulatoren geben, deren Ressourcen zudem denen der Unternehmen hoffnungslos unterlegen sind und sie nicht in die Lage versetzen, mit den immer neuen Schachzügen der Unternehmen mitzuhalten, dann ist das halt der Lauf der Welt…

Das Problem besteht also nicht darin, dass Unternehmen sich nicht mit den Spielregeln von Gesellschaften befasst hätten. Milton Friedman mag der Meinung sein, „the business of business is business“, aber Firmen haben es immer zu ihrem Business gemacht, die Regierungsgeschäfte zu beeinflussen und für sich einzunehmen. Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände haben sich oft genau dieser Aufgabe gewidmet: Während Unternehmen ihre progressiven Umweltstrategien verkündeten, arbeiteten die anonymen Wirtschaftsverbände hinter verschlossenen Türen in die entgegengesetzte Richtung. Die derzeitige Krise kam auch zum Vorschein, weil Unternehmen versucht haben, die gesellschaftlichen Spielregeln zu beeinflussen, ohne irgendeine Verantwortung für die Zukunftsfähigkeit von Volkswirtschaften zu übernehmen, von der Nachhaltigkeit unseres Planeten ganz zu schweigen.

Mitunter kann die Lösung darin bestehen, Lobbyismus gänzlich zu verbieten. Robert Reich hat überzeugende Argumente für seinen Aufruf geliefert, dass es jedem Unternehmen, das durch Staatsmittel gerettet wird, untersagt sein sollte, seine verbleibenden finanziellen Mittel für Lobbyismus zu verwenden [1]. Doch ein gesetzliches Verbot ist nicht nur mit Rücksicht auf die Redefreiheit bedenklich, denn Lobbyismus würde schlicht auf einer informellen Ebene weiter stattfinden. Genau an dieser Stelle kann uns eine neue Unternehmensethik weiterhelfen. Unternehmen sollten juristisch dazu verpflichtet werden, ihre Lobby-Aktivitäten offenzulegen. Dies sollte mit der moralischen Verpflichtung verbunden werden, sich nicht gegen, sondern für das Gemeinwohl zu engagieren.

Diese Forderungen sind keineswegs Luftschlösser, wie die Aktivitäten der Prince of Wales’s Corporate Leaders Group on Climate Change beweisen. (Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass in dieser unabhängigen Vereinigung auch Mitglieder des Cambridge Programme for Industry tätig sind, das mittlerweile in Cambridge Programme for Sustainability Leadership umbenannt wurde, und dessen Vorstandsmitglied ich bis vor kurzem war.) Die Corporate Leaders Group fordert u.a. strengere und zügig umzusetzende Maßnahmen zur Einführung von Emissionszertifikaten sowie der Reduzierung von Treibhausgasen [2]. Hier benutzt die Wirtschaft ihre beträchtlichen Ressourcen für ethische Zwecke, indem sie Verantwortung für eine zukunftsfähige Wirtschaftsordnung übernimmt und ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit zusammen denkt. Denn beide Aspekte verlangen sowohl von uns selbst als auch von Unternehmen unsere tägliche Arbeit so zu verändern, dass sie dem öffentlichen Wohl zuträglich ist.

 

Fußnoten:

[1] http://robertreich.blogspot.com/2009/01/how-you-and-i-are-paying-wall-street-to.html.

[2]http://www.cpi.cam.ac.uk/programmes/energy_and_climate_change/corporate_leaders_group_on_cli.aspx.


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Übersetzt aus dem Englischen von Danilo Scholz.