Europa & die Welt Debattenbeitrag

Unerträglich selbstgefällig



Der deutsche „Hegemon“ kriegt die Wende zum europäischen Leader nicht hin. Dabei ist im Grunde klar: Am Ende müssen wir die Berliner Republik in eine politische Union, eine Europäische Republik überführen.


Geboren bin ich in der Bundesrepublik, die damals auf Französisch La République Fédérale hieß, und auf Englisch The Federal Republic. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das eigentlich anfing mit diesem Deutschlandohne Bundesrepublik, dem Allemagne tout court oder einfach diesemGermany.

You are from Germany? This is so great!

Wer nachlesen möchte, wie nach 1989 aus jener Bundesrepublik dieses Deutschland gemacht wurde, sei auf die Schrift Deutsche Identitäten: Die Wiederentdeckung des Nationalen nach 1989 von Irene Götz verwiesen. Die Autorin zeichnet darin mit feinen Strichen nach, wie mit industriegesponserten, stereotypen Polit-und Medienkampagnen („Du bist Deutschland“, „Land der Ideen“) eine kulturelle deutsche Identität post-1989 gefördert wurde. Verbuchen wir hier kurz, dass diese Kampagnen über die Maßen erfolgreich waren. Parallel dazu vollzog sich der „Astonishing Rise“ der Angela Merkel, den Georg Packer kürzlich impressionistisch in den New Yorker tupfte.

Deutschland ist angesagt: Wer derzeit über den Globus trottet, hört es überall:„You are from Gemany? This is so great!“ Es geht um mehr als um Exportschlager. In Kalifornien stehen deutsche Fahnen inzwischen gleichberechtigt neben anderen in den Vorgärten. Die Goethe-Institute können sich kaum retten vor Anmeldungen zu Deutschkursen. Die Chinesen lesen nicht mehr nur Hegel, sondern auch Carl Schmitt und Leo Strauss. Das Britische Museum präsentiert eine große Ausstellung über The Germans. Der ganze Nahe Osten bevorzugt unsere Handfeuerwaffen. Die (arbeitslose) europäische Jugend macht Party in Berlin. Das „Deutsche Modell“ scheint Europa zu erobern. Das 7:1 gegen Brasilien bei der Fußball-WM war fast schon zu viel. Passenderweise wird in Berlin ja auch wieder ein Schloss gebaut – und Prinzessinnengärten. Faszinierend an diesem so unschuldig wie ein Gartenzwerg daherkommenden sublimierten deutschen Nationalismus ist, dass er – im Gegensatz zum amerikanischen oder französischen – ganz ohne ideelles Programm, ohne Werte und ohne universelle Referenz und damit auch weitgehend ohne Außenpolitik auskommt.

Auch deswegen hat der Bundespräsident 2014 mehrfach angemahnt, dass die Deutschen mehr Verantwortung in der Welt übernehmen sollten. Was aber leider niemanden so recht interessiert hat. Nun mag auch diese Debatte der Bequemlichkeit halber verebben, denn die deutsche Rolle, zumal in Europa, ist ja derzeit recht komfortabel. Gefährlich wäre es indes, Anerkennung mit Liebe zu verwechseln. Die Ethnologen nennen das, was gerade passiert, cultural intimidation, und noch ist fraglich, wie das ausgeht, vor allem in Europa.

Denn die derzeitige Selbstgefälligkeit des deutschen „Hegemon“ in Europa, der die innere Wendung zum europäischen leader einfach nicht hinkriegt, ist unerträglich – vor allem in Verbindung mit der sprichwörtlich sagenhaften Opferrolle, die in der deutschen Erzählung über die Eurokrise kursiert und die fast schon märtyrertauglich ist, obgleich die Zahlen eine ganz andere Geschichte erzählen (wie Siegfried Schieder unlängst in der ZeitschriftLeviathan ausführlich dokumentiert hat). Die wohlfeile Umdeutung der Wissensordnung im Foucaultschen Sinne von „Bankenkrise“ in „Schuldenkrise“ ist ein Bravourstück deutscher Orthodoxie. Die Umdeutung deutschen Lohndumpings in mangelnde Reformbereitschaft des europäischen Südens ist im „Biedermann und die Brandstifter“-Stil geschriebene deutsche Prosa.

Der Neid und der Hass

Mir sei daher folgendes Zitat von Peter Sloterdijk (Mein Frankreich) verziehen: „Der Neid, wie der Hass, schafft seine eigene Zeit. Wenn er warten kann, so weil er zerstreut von der Revanche träumt; wenn er intelligent ist, so nur, weil er Sinn für die Gelegenheit besitzt. Daher ist es realistisch, darauf gefasst zu sein, dass in allen Gruppen periodisch der Furor den Sieg über die Diskretion davonträgt. Im geeigneten Moment tritt das Verlangen, die Träger von vorteilhaften Differenzen zu erniedrigen, aus der Latenz. Dann schlägt für die Leidenschaft der Umverteilung die Stunde, und es kommt jene abscheuliche Mischung aus Wollust und Grausamkeit, die mir immer als der eigentliche ‚Hexentrank‘ erschienen ist, zu voller Wirkung, von der Nietzsche in seiner Schrift über die Geburt der Tragödie festgehalten hat, dass sie die Essenz von der apollinischen Kultur noch nicht gezähmten Dionysien ausmache.“

Es kann nur eine Antwort geben

Bevor der europäische Furor auf Deutschland niedergeht, der sich indes auch in der politischen Selbstzerfleischung der anderen Länder manifestieren könnte (was für Deutschland allenfalls graduell einen Unterschied machen würde), sollte Deutschland mit Blick auf Europa beziehungsweise die Eurozone endlich die Frage beantworten: Pay to go – or pay to stay? Sind wir alle einig Europäer?

Man muss hoffen, dass es am Ende nur eine Antwort für Deutschland geben kann: Nämlich die Berliner Republik in eine politische Union, eine Europäische Republik zu überführen, in der alle europäischen Bürger gleichberechtigte Teilhabe am aggregierten Gewinn von Binnenmarkt und Euro und gleichen Zugang zu sozialen Rechten in einer neugestalteten europäischen Demokratie haben.

Einer jüngeren Studie von Jürgen Gerhards und Holger Lengsfeld zufolge sind die europäischen Bürger inklusive der Deutschen europäischer und solidarischer als ihre jeweiligen politischen Eliten: Sie haben die politisch institutionalisierte Idee der europäischen Gleichheit längst mehrheitlich akzeptiert. Das immerhin macht Hoffnung!


Der Meinungsbeitrag erschien zunächst in der Ausgabe 1/2015 des Debattenmagazins Berliner Republik.