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„The People’s Business“: Genossenschaften als Zukunftsmodell?

Gemeinsames Symposium mit der Foundation for European Progressive Studies und Mutuo
Foto: DPZ

Am Mittwoch, dem 28. Oktober 2015, fand in unseren Berliner Räumlichkeiten gemeinsam mit der Foundation for European Progressive Studies (FEPS) und Mutuo aus Großbritannien ein Symposium zum Thema Genossenschaften in der europaweiten Reihe „The People’s Business“ statt. Mit Teilnehmenden aus Deutschland, Polen und Tschechien wurden Fragen nach der Stabilität und Zukunftsfähigkeit des Genossenschaftswesens als „role model“ in Europa erörtert.


Welche Rolle können Genossenschaften bei der Bewältigung der zahlreichen sozialen und politischen Herausforderungen in Europa spielen? Welches Potenzial haben Genossenschaften für gesellschaftliche Entwicklung? Das waren die Leitfragen des Tages, mit denen sich die internationalen Gäste des Symposiums beschäftigten. Begonnen wurde der inhaltliche Teil des Tages mit einführenden Vorträgen zum Stand des Genossenschaftswesens im Gewerbe-, Banken- und dem Versicherungssektor.

Klaus Niederländer, Direktor des europäischen Genossenschaftsdachverbandes Cooperatives Europe, gab einen gesamteuropäischen Überblick über Trends und Wachstumszahlen von genossenschaftlichen Unternehmungen. So liegt der Marktanteil von Genossenschaften im Gewerbe bei 9-10% und die Krise zeigte überdies, dass Unternehmenspleiten eher mit schlechtem Management und weniger mit zu großer Profitgier zusammenhingen. Gerade Genossenschaften haben sich hier als wesentlich stabiler erwiesen. Peter Hunt legte aus Sicht der European Association of Co-operative Banks dar, dass genossenschaftliche Banken zwischen 2012 und 2014 ein um durchschnittlich 2% höheres Wachstum als die übrigen Marktteilnehmer erzielen konnten, trotz Krise.  Am Beispiel des Versicherungsverbandes International Cooperative and Mutual Insurance Federation, vertreten durch Catherine Hook, wurde hingegen deutlich, dass es in Europa vielfach nationale Unterschiede in der Gesetzgebung gibt. So sind genossenschaftliche Versicherungen z.B. in Tschechien und einigen anderen osteuropäischen Ländern nicht erlaubt.

Anhand von drei Länderbeispielen – Deutschland, Polen und Tschechien – wurden die Entwicklungen europaweit verglichen. Dabei hat sich gezeigt, dass es trotz rundum guter Erfahrungen mit aktuellen Genossenschaften durchaus noch große Unterschiede in der nationalen Gesetzgebung sowie der gesellschaftlichen Akzeptanz, vor allem in Osteuropa, gibt. Dirk Lehnhoff vom Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband skizzierte den positiven Entwicklungsstand in Deutschland. Hierzulande können Genossenschaften immerhin auf 160 Jahre Tradition zurückblicken und zählen aktuell mehr als 19 Millionen Mitglieder. Bartosz Rydlinski, Mitglied im akademischen Nachwuchsnetzwerk der FEPS, führte aus, dass Genossenschaften in Polen besonders in kleineren Städten und auf Ebene der Wojewodschaften enorm wichtig für Beschäftigung und die lokale wirtschaftliche Entwicklung sind. Jana Maussen, Beraterin der tschechischen Regierung, berichtete zwar, dass die tschechische Regierung Genossenschaftsfragen in einen engen Kontext der einschlägigen EU-Kommissionspapiere setzt, die Akzeptanz in der Bevölkerung aber durchaus gemischt ist, je nachdem, welche Begrifflichkeiten Genossenschaften zur Selbstbezeichnung verwenden.

In der Gesamtbetrachtung erweisen sich Genossenschaften also als durchaus stabil, verlässlich und krisensicher. Hinzu kommen ihre demokratische Organisationsphilosophie und das nachhaltige Werteverständnis. Unser Policy Fellow Dr. Bastian Jantz, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Potsdam, fasste in seinem Vortrag zusammen, dass Genossenschaften nicht nur in der Lage sind, verlorengegangenes Vertrauen in die Wirtschaft wiederherzustellen, sondern unter bestimmten Voraussetzungen auch der öffentlichen Hand bei der Bewältigung verschiedenster Aufgaben behilflich sein können.

Das Zwischenfazit der Veranstaltungsreihe nach dem Sitzungstag in Berlin fiel entsprechend selbstbewusst und positiv aus: Genossenschaften bieten viele Antworten auf derzeit und auch in Zukunft drängende Fragen. Dies müsse aber stärker in Richtung von Politik und Gesellschaft kommuniziert werden, um das mitunter verstaubte Image langsam aber sicher abzustreifen, waren sich die Teilnehmenden einig. Nur wenn die Vorteile dieser Unternehmensform in den Vordergrund gestellt werden, kann sie ihr gesamtgesellschaftliches Potenzial auch voll ausschöpfen.


 

Das Programm der Veranstaltung finden Sie hier.