Zukunft der Demokratie Debattenbeitrag

Streiten ohne Schaum vorm Mund

Acht konkrete Vorschläge wie öffentliche Diskussionen besser gelingen können.


„Anhören, prüfen und erst dann beurteilen.“
Jana Faus engagiert sich auf vielfältige Weise für Demokratie und Menschenwürde. Hier präsentiert sie acht Vorschläge für eine gelingende Podiumsdiskussion.


Wir sollten mehr miteinander ins Gespräch kommen. Wenn uns dazu schon der Bundespräsident auffordern muss, dann steht es offensichtlich nicht gut um unsere Debattenkultur! In seiner letzten Weihnachtsansprache ging er sogar noch weiter und attestierte uns, wir hätten verlernt zu streiten: „Das ist das Schöne und das Anstrengende an der Demokratie zugleich. Wir müssen wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten.

Und in der Tat legen beinahe täglich Talkshows oder Podiumsdiskussionen den Schluss nahe, dass er Recht hat. Funktionieren können solche ‚Diskussionen‘ nicht, in denen kein Interesse am besseren Argument, sondern reines Interesse am Gewinnen der Diskussion mit allen Mitteln und um jeden Preis besteht. Den Anderen die eigenen Argumente um die Ohren hauen, nur um zu belehren, signalisiert keine Dialogbereitschaft. Dabei könnte es auch anders gehen. Hier ein paar Vorschläge, wie es besser gelingen könnte:

 

1) Auf eine ausgewogene Zusammensetzung der DiskutantInnen achten

„Alle gegen einen“ funktioniert bei öffentlichen Diskussionen nicht. Es sollte eine ausgewogene Mischung aus DiskutantInnen und Meinungen vertreten sein. Darauf sollten nicht nur die VeranstalterInnen achten, sondern auch die DiskutantInnen. Jede/r ist selbst dafür verantwortlich, mit wem sie/er sich in eine Diskussion begibt.

 

2) Auf eine professionelle Moderation Wert legen

Jede Diskussion steht und fällt mit einer professionellen und gut vorbereiteten Moderation. Sie soll ein Machtgleichgewicht herstellen und die Diskussion leiten. ModeratorIn zu sein, heißt, eine Machtposition innezuhaben und sich nicht das Heft aus der Hand nehmen zu lassen. Darauf muss in erster Linie die/der VeranstalterIn achten, aber auch hier gilt, dass jede/r DiskutantIn selbst dafür verantwortlich ist, mit wem sie/er sich in eine Diskussion begibt.

 

3) Nicht auf Diskussionen mit RechtspopulistInnen einlassen

Warum eigentlich nicht? Ist es nicht genau das, was wir brauchen? Eine Diskussion mit Menschen anderer ‚Meinung‘, um aus unserer ‚Filterblase‘ herauszukommen? Oder zumindest, damit RechtspopulistInnen sich nicht als ‚Opfer‘ stilisieren können, die überall ausgeschlossen werden? Um auch die ‚andere‘ Seite zu hören? Ich sage entschieden nein!

Rechtspopulismus ist eine Argumentationsstrategie, die auf demokratiefeindlichen, menschenfeindlichen und oftmals auch verschwörungstheoretischen Einstellungen basiert. RechtspopulistInnen instrumentalisieren häufig VeranstalterInnen, ModeratorInnen sowie DiskutantInnen und nutzen sie als ‚Startrampe‘, um ihre Parolen in die Welt tragen zu können und Diskussionen zu kapern, die sich eigentlich um ein anderes Thema drehen. Um einen echten Austausch von Meinungen geht es ihnen dabei nicht. Dennoch gibt es immer wieder Anlässe, bei denen man sich doch mit RechtspopulistInnen auseinandersetzen muss, zum Beispiel weil alle im Parlament vertretenen Parteien zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen sind. Oder aber wenn RechtspopulistInnen Formate wie die “Fish Bowl” nutzen, um sich auf die Bühne und damit in Szene zu setzen. Dabei sollten immer die Grundregeln einer jeglichen Diskussion gelten, die mitunter schlicht als Anstand bezeichnet werden können.

 

4) Respekt der/dem Anderen gegenüber

Immer sachlich argumentieren und niemals dem Gegenüber auf persönlicher Ebene entgegnen. Formulierungen wie „Das sieht Ihnen ähnlich…“ oder „Jemand wie Sie…“ sollten tabu sein. Jegliche Form der Beleidigung erst recht. Respekt zeigt sich auch darin, die/den Andere/n ausreden zu lassen.

 

5) Argumente nicht vorschnell verwerfen, sondern anhören, prüfen und erst dann beurteilen

Eine Diskussion sollte immer auch für einen selbst anregend sein. Im Idealfall versteht man das Argument der/des Anderen nach der Diskussion besser, hat etwas gelernt und das eigene Argument überdacht und geschärft. Erst hören, dann reden.

 

6) Beim Thema bleiben

Das kaskadenartige Springen von Thema zu Thema (Themenhopping) verhindert eine konstruktive Diskussion und wird meist manipulativ eingesetzt (Whataboutism). Daher gilt es, stets sachlich beim Thema zu bleiben und sich nicht auf Nebendiskussionen einzulassen.

 

7) Transparenz der Diskussionsregeln/-normen

Im Vorfeld die Regeln der Diskussion festlegen und öffentlich machen. Je nach Veranstaltung kann dies vorher über Social Media erfolgen oder von der Moderation zu Beginn der Veranstaltung klargemacht werden – eine Art Netiquette für die Offline-Diskussion, die es allen Teilnehmenden ermöglicht, sich in der Diskussionsrunde wohlzufühlen. Zudem erlaubt es der Moderation, ggf. Verstöße zu sanktionieren, etwa durch Ausschluss aus der Diskussion.

 

8) Klare Kante zeigen, wenn es angebracht ist

Sofort deutlich sagen, wenn gegen die Regeln der Diskussion verstoßen oder gehetzt wird. Hetze ist keine Meinung und hat in einer Diskussion nichts zu suchen. Sie darf nie unwidersprochen bleiben, sonst droht sie sich zu normalisieren oder als legitime ‚Meinung‘ wahrgenommen zu werden.

 

 


Hintergrund

Dieser Meinungsbeitrag entstand im Rahmen des Projekts Countering Populism in public space. Gemeinsam mit VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen und jungen Medienschaffenden wurden konkrete Handreichungen und ein multimediales Angebot für den souveränen und bewussten Umgang mit demokratiefeindlichem Populismus in der Öffentlichkeit erarbeitet.

Das Progressive Zentrum brachte AkteurInnen aus dem Mediensektor und der Zivilgesellschaft im Rahmen von zwei Wegweiser-Werkstätten zusammen und bot so einen Rahmen der ko-kreativen Zusammenarbeit und des konstruktiven Erfahrungsaustauschs. Während in der ersten Werkstatt VertreterInnen von gesellschaftsrelevanten Jugendverbänden, religiösen Gemeinden, gesellschaftspolitischen Initiativen, Stiftungen, öffentlichen Einrichtungen und Gewerkschaften zusammenkamen, arbeiteten in der zweiten Werkstatt Medienschaffende aus der journalistischen sowie BloggerInnen- und Social-Media-Szene zusammen. Dabei konnten konkrete Schlussfolgerungen aus ihren bereits erworbenen Erfahrungen im Umgang mit demokratiefeindlichen PopulistInnen gezogen werden.

 

Jana Faus ist Gründerin, Gesellschafterin und Geschäftsführerin von pollytix, Vorsitzende von artikeleins und war Teilnehmende des Projekts Countering Populism in public space.

 

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