Der Europäische Landbote – Die Wut der Bürger und der Friede Europas

2012 | Eine Laudatio von Frank-Walter Steinmeier

Frank-Walter Steinmeier machte zum Anlass der Verleihung des Donauland-Sachbuchpreises an Robert Menasse in seiner Laudatio am 12. Dezember 2012 in Wien deutlich, warum es sich lohnt dieses Buch bis zur letzten Seite zu lesen.


“Sehr geehrter Herr Menasse,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

nicht nur Krimis sollte man bis zum Ende lesen. Auch bei Sachbüchern sollte man es ab und zu tun! Auf der vorletzten Seite des „Europäischen Landboten“, des jüngsten „Sachbuchs“ von Robert Menasse, findet sich eine kurze persönliche Bemerkung, die viel über sein gesamtes Werk, noch mehr aber über dessen Autor verrät.

Menasse kommt da ganz unvermittelt auf die Romane zu sprechen, die ihn am stärksten geprägt haben: Dostojewskis „Dämonen“, Thomas Manns „Zauberberg“, Musils „Mann ohne Eigenschaften“, Fontanes „Stechlin“. Sie alle hätten eins gemeinsam: Alle diese Werke seien „Vorabend-Romane“, geschrieben am Vorabend eines Epochenbruchs, entstanden aus der Ahnung, dass eine Welt zu Ende geht. Sie formulieren ein
letztes Mal das Selbstbewusstsein ihrer Epoche. Und gleichzeitig spricht aus ihnen die Ahnung, dass die Welt, die sie beschreiben, ihren Todeskeim schon in sich trägt. Dass sie, in den Worten eines anderen großen Österreichers, eine Welt von gestern ist.

Ein Sachbuch, geschrieben von einem nüchtern analysierenden Beobachter, ist der „Europäische Landbote“ nicht. Genau so wenig wie die anderen großen Essays Robert Menasses, die seinen Namen über den deutschen Sprachraum hinaus bekannt gemacht haben. Diese Bücher sind leidenschaftliche Plädoyers, literarische Fanfarenstöße, „Vorabend“-Pamphlete, um in Menasses Begrifflichkeit zu reden. Auch wenn seine Essays zwischen zwei Buchdeckeln stecken – so ganz wohl fühlen sie sich darin nicht. Die ihnen eigentlich gemäße Form wäre das revolutionäre Flugblatt! Und nicht umsonst ist Robert Menasse einer der wenigen deutschsprachigen Schriftsteller, die sich ganz bewusst in die Tradition Georg Büchners stellen. Die ohne Scheu Karl Marx zitieren. Die den politisch engagierten Schriftsteller nicht nur ab und zu in Talkshows mimen, sondern für die politisches Engagement Kern ihrer Schriftstellerexistenz ist.

Ja, Robert Menasse ist ein politischer Intellektueller, wie er im Buch steht, einer der wenigen, die es im deutschsprachigen Raum noch gibt. Er steht in der Tradition von Zolas „J´accuse“, in der Tradition Jean-Paul Sartres, in der Tradition der Gruppe 47, in der Tradition von Günther Grass. Er gehört zu den Künstlern, die nicht in Distanz zur Politik bleiben, sondern die sich lautstark einmischen, die ihre Ideen, ihre Autorität und ihre Haltung einbringen, um unsere Gesellschaft zu verändern. Die ihren Platz nicht auf der Tribüne suchen, sondern bereit sind, selbst in die Arena, ja, wenn notwendig, auch auf die Barrikade zu steigen.

Gehört Robert Menasse damit einer aussterbenden Spezies an? Tatsache ist: Es gibt nicht mehr all zu viele Intellektuelle, die sich so verstehen! Ein neuer Biedermeier-Geist durchzieht Deutschlands Eliten – und ich vermute, in Österreich wird es nicht ganz anders sein. In den neu renovierten Altbauwohnungen von Berlin Mitte hat sich eine Latte-Macchiato-Bürgerlichkeitbreit gemacht, die soziale Verantwortung vor allem über Slow Food, Bioläden und Ökostrom dekliniert. Man ist politisch zwar eher links, das schon, vor allem aber ist man bequem. Man räsoniert über die Politik. Aber man mischt sich nicht mehr ein.

Robert Menasse hat in seinem „Landboten“ ein schönes Porträt dieses intellektuellen Wut-Kleinbürgers gezeichnet. Und er hat sich zu Recht gefragt, wohin das führen soll, wenn selbst die alte Tante ZEIT heute in BILD-Manier titelt: „Alle wollen unser Geld“. Der Publizist Thomas Assheuer hat vor einem Jahr die Frage gestellt, warum in der europäischen Krise so wenig von den Intellektuellen zu hören sei. Wo ihr Engagement bliebe, ihre Leidenschaft. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, Habermas, Harpprecht, auch Menasse wird genannt, herrsche dort „ein apartes Phlegma auf mittlerem Niveau“.

Das ist sicher eine richtige Beobachtung. Dennoch hoffe ich nicht, dass dieses „aparte Phlegma auf mittlerem Niveau“ das letzte Wort behält. Ich hoffe es nicht im Interesse unserer Demokratie! Die braucht den politischen Intellektuellen, seine spitze Feder, seine unangenehmen Fragen, sein kritisches Wort. Mit einem Robert Menasse kann man sich als Politiker streiten, muss man sogar. Lange nicht alles, was er schreibt, leuchtet mir ein. Aber dieser Streit ist notwendig und fruchtbar. Für alle von uns. Vor allem aber für die Politik!

Ich verstehe den Ärger, der Robert Menasse erfasst, wenn sich in Europa Mutlosigkeit als Pragmatismus tarnt. Wenn jede Entscheidung als angeblich alternativlos dargestellt wird. Wenn in unseren Debatten die ökonomische Logik jede politische Logik verdrängt. Wenn wir nur noch über Schuldenstände und Haushaltsdefizite reden, aber darüber vergessen, welches Geschenk der Frieden ist. Wenn Deutsche sich über angeblich faule Südländer das Maul zerreißen, aber verdrängen, dass es ohne Europa kein Wirtschaftswunder gegeben hätte und keine Wiedervereinigung.

Und ich finde es auch erfrischend, mit welcher Unbekümmertheit Robert Menasse den gängigen Vorurteilen über Europa widerspricht. Wie er, mit erheblicher Lust an der Provokation, den Brüsseler Kommissions-Beamten zum wahren Sachwalter des Fortschritts erhebt, die Nationalstaaten für obsolet erklärt und allen national gewählten Politiker im Europäischen Rat den Krieg erklärt. Wie gesagt, nicht alle seine Antworten muss man übernehmen. Aber das erwartet er auch nicht. Kluger Streit und Ringen um die richtige Antwort gehören nun einmal zum politischen und zum intellektuellen Geschäft.

Menasses europapolitische „Umwertung aller Werte“ gipfelt nun aber in einem Satz, der auch für mich so anstößig war, dass ich ihn hier zitieren muss. In seinem „Landboten“ schreibt Menasse: Man müsse sich „mit dem Gedanken anfreunden, die Demokratie erst einmal zu vergessen, ihre Institutionen abzuschaffen, soweit sie nationale Institutionen sind, und dieses Modell einer Demokratie, das uns so heilig und wertvoll erscheint, weil es uns vertraut ist, dem Untergang zu weihen. Wir müssen stoßen, was ohnehin fallen wird, wenn das europäische Projekt gelingt. Wir müssen dieses letzte Tabu der aufgeklärten Gesellschaften brechen: dassunsere Demokratie ein heiliges Gut ist.“

Starker Tobak, ich gebe es zu, ich musste selbst angesichts dieser bilderstürmerischen Sprache erst einmal schlucken. Aber bevor nun jemand auf den Gedanken kommt, Robert Menasse den Verfassungs- oder Staatsschutz auf den Hals zu hetzen, sollten wir versuchen zu verstehen, warum er an dieser Schlüsselpassage seines Buches so radikal formuliert. Er schreibt „Vorabend“-Pamphlete, habe ich vorhin gesagt. Und hier sieht man, was darunter zu verstehen ist. Er spricht hier nicht als Politiker, auch nicht als Verfassungsrechtler, sondern fast schon wie ein Prophet. Er will uns Politikern zurufen, so laut, dass wir es nicht überhören können: „Löst euch von der Vorstellung, die nationale Demokratie Punkt für Punkt auf Europa zu übertragen. Denkt, im Berater-Jargon gesprochen, „out of the box“! Europa wird, wenn es gelingen soll, eine politische Entität neuer Art sein. Es wird nicht vergleichbar sein mit einem klassischen Bundesstaat, auch nicht vergleichbar mit den Vereinigten Staaten von Amerika.“

Ich jedenfalls lese diese Passage als Appell: Strengt euch an, Politiker, dass aus Europa etwas Neues wird! Legt euch keine Denkverbote auf! Seid kreativ! Denn die Zeit drängt. Das Alte zerfällt, ein Zurück ins 19. Jahrhundert, in die Welt der europäischen Nationalstaaten, gibt es nicht. Und wenn das Neue nicht entsteht, dann droht Chaos und Niedergang. In einem von Menasses Lieblingsbüchern, in Musils „Mann ohne Eigenschaften“, gibt es diese berühmte Passage, – die Sie alle kennen – in der Musil vom Wirklichkeits- vom Möglichkeitssinn spricht! Ich weiß nicht, ob Musil die Politiker im Blick hatte, als er vom Wirklichkeitssinn sprach.
Jedenfalls reicht nach Musil der Wirklichkeitssinn allein nicht aus. Und deshalb hat er ihm den Möglichkeitssinn an die Seite gestellt. Als die Fähigkeit, auch das zu denken, was ebenso gut sein könnte und – ich zitiere„das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“

Für mich sind Künstler wie Robert Menasse die Anwälte des Möglichkeitssinns. Sie sehen natürlich auch, was wirklich ist – was für ein guter Beobachter und scharfzüngiger Kritiker der Wirklichkeit ist Robert Menasse in seinen Essays! Aber sie beschränken sich nicht auf die Beschreibung der Wirklichkeit! Sie entwickeln Visionen, sie provozieren, sie stellen in Frage – und schaffen so Raum für die neue Wirklichkeit, die hinter der alten heraufziehen will. Hier werden Strukturen in Frage gestellt, hier wird experimentiert. Solche Künstler schenken uns Politikern –und nicht nur uns Politiker allein! – neue Sichtweisen auf das, was um uns herum passiert. Sie senden Weckrufe – und sorgen so dafür, dass wir unter der Käseglocke einer vermeintlichen Realität nicht politisch verkümmern.

Unsere Gesellschaften brauchen beides, Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn. Aber damit sie sich gegenseitig befruchten können, braucht es Orte es Austausches, braucht es Interesse aneinander, Begegnung und Dialog. Politiker wie Willy Brandt und Bruno Kreisky haben das immer gewusst. Sie hatten offene Türen für Künstler. Und viele Künstler sind gern durch diese Türen hindurch gegangen!

Ich sehe mit Sorge, wie Kunst und Politik heute auseinanderdriften. Wie Sprachlosigkeit einkehrt. Wie man sich gleichgültig wird. Die Ursache dafür könnte auf beiden Seiten liegen. Für viele Künstler mag die Sphäre des Politischen zu uneindeutig geworden sein, um sie mit künstlerischen Mitteln zu dechiffrieren. Und für die Politik auf der anderen Seite ist Kunst oft genug nicht Gegenüber, nicht Gegenstand der Auseinandersetzung, sondern nur Rahmen und Ornament, um Politik durch Inszenierung aufzuwerten. Was der frühere Chef des Goethe-Instituts, Hilmar Hoffmann, einmal gefordert hat, ist immer noch aktuell: Dass wir die Künste nicht nur als Zitatenschatz würdigen (dort wo es gut in unsere Reden passt), „sondern als wirksamen Faktor und als Ferment der Gesellschaft“ ernst nehmen.

Ich habe meine Rede mit dem Ende des „Landboten“ begonnen. Am eindrücklichsten aber fand ich den Beginn. Da beschreibt Robert Menasse die europäische Landkarte: Wenn man alle früheren Grenzen mit schwarzen Strichen versehen würde, wäre die Karte Europa fast ganz schwarz. Und wenn man darüber alle Frontlinien mit roten Strichen markierte, wäre Europa fast komplett rot. Das ist Europas Vergangenheit. Das ist die Welt von gestern, die es zu überwinden gilt. Mit Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn. Als Politiker und als engagierter Schriftsteller. Robert Menasse ist ein würdiger Träger des Donauland Sachbuchpreises. Ich gratuliere der Jury zu Ihrer Wahl! Und dem Preisträger zu seiner Auszeichnung!

Herzlichen Glückwunsch, Robert Menasse!”

Robert Menasse: „Der europäische Landbote“. Die Wut der Bürger und der Friede Europas. Zsolnay Verlag, Wien 2012, 112 Seiten., 12,50 Euro.



published on

12 December 2012