Zukunft der Demokratie

Rassismus am Arbeitsplatz: Unternehmen müssen handeln!

2020 | Prof. Dr. Bernhard Lorentz & Dr. Rana Deep Islam


Auf der Straße, im Internet, am Arbeitsplatz: Rassismus passiert überall. Unternehmen und deren Umgang mit Rassismus rücken immer stärker in den Mittelpunkt. Umso wichtiger ist es, dass sie sich klar positionieren. Prof. Dr. Bernhard Lorentz und Dr. Rana Deep Islam fassen die zentralen Ergebnisse ihrer Studie zusammen, in der sie sich auf Rassismus im Kontext von Wirtschaft und Arbeit fokussieren und Problemlagen und Handlungsempfehlungen erarbeiten.


Studie zu Rassismus im Kontext von Arbeit und Wirtschaft

 

„Rassismus im Kontext von Wirtschaft und Arbeit“

eine repräsentative Umfrage von Gesicht Zeigen e.V., EY Deutschland und Civey, die im Sommer 2020 durchgeführt wurde. Veröffentlicht am 29. Oktober 2020 von EY Deutschland.

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Die Debatte ist nicht nur in den Medien präsent. Sie wird auf den Straßen der Welt, in den Wohnzimmern und auch verstärkt in Unternehmen geführt: Wie gehen wir mit Rassismus um – und was können wir dagegen tun? Insbesondere die „Black Lives Matter“-Demonstrationen mobilisieren und schärfen das Bewusstsein der Menschen und regen die Diskussion über Rassismus an, auch in Deutschland.

Rassismus ist gesellschaftliche Realität

Die Existenz von Rassismus und der Einsatz dagegen gehören auch hierzulande zur gesellschaftlichen Realität. In den vergangenen Jahren ist die Zahl rechtsextremer Gewalttaten gestiegen, Themen wie Flucht und Migration haben populistische und rassistische Denkmuster ans Licht und gleichzeitig die so wichtige Debatte über Rassismus neu ins Rollen gebracht.

Dabei wird deutlich: Der konsequente, entschlossene Einsatz gegen Rassismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und daher auch und besonders für die Wirtschaft eine zentrale Herausforderung. Unternehmen und deren Umgang mit Rassismus rücken immer stärker in den Mittelpunkt.

 

Zentrale Erkenntnisse der Studie

 

Laut der Studie hat ein Fünftel aller Beschäftigten Rassismus am Arbeitsplatz selbst erlebt oder bei anderen beobachtet. 51,8 Prozent der Deutschen sind der Auffassung, dass sich deutsche Unternehmen nicht genug für Werte wie Vielfalt und Respekt in der Gesellschaft einsetzen.

 

Wie sollen und können Unternehmen sich an dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung beteiligen?

Doch wieweit sollten Unternehmen überhaupt zu aktiven Teilnehmern von politischen Auseinandersetzungen werden? Wie bewerten Mitarbeitende und Kunden eine klare Haltung gegenüber Rassismus? Wie sehr sollte sich die Führungsriege von Unternehmen gegen Rassismus und für Toleranz einsetzen? Was erwarten die Mitarbeitenden von ihren Arbeitgebern ganz konkret? Diesen und weiteren Fragen geht die Studie „Rassismus im Kontext von Wirtschaft und Arbeit – Bestandsaufnahme und Handlungsoptionen“ auf den Grund. Die Studie wurde gemeinsam veröffentlicht von EY, dem gemeinnützigen Verein Gesicht Zeigen! und dem Meinungs- und Marktforschungsunternehmen Civey.

Zunächst einmal gilt: Betriebliche Entscheidungsträger*innen sind aus bürgerschaftlicher und demokratischer Verantwortung dazu aufgerufen, Rassismus in all seinen Erscheinungsformen entgegenzutreten. Wenn, so eines der zentralen Ergebnisse der Studie, ein Fünftel aller Beschäftigten Rassismus am Arbeitsplatz selbst erlebt oder bei anderen beobachtet hat, gebietet es zuallererst die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers, dagegen konsequent vorzugehen. Es ist die Pflicht des Arbeitgebers, so steht es schließlich auch im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld zu gewährleisten.

Sollte sich der Trend des zunehmenden Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit fortsetzen, wird der Wirtschaftsstandort Deutschland in Gefahr geraten und das Wirtschaftsmodell ultimativ scheitern.

Prof. Dr. Marcel Fratzscher Präsident, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), im Handelsblatt.

Der Handlungsimperativ erschließt sich jedoch auch weit darüber hinaus. Expert*innen sehen im um sich greifenden Rassismus ein zunehmendes Risiko für den Wirtschaftsstandort Deutschland, beispielsweise mit Blick auf ausbleibende ausländische Investitionen und den in vielen Branchen dringend erforderlichen Fachkräftezuzug.

Die Öffentlichkeit erwartet ein stärkeres Engagement gegen Rassismus

Gleichzeitig, und das belegen die Befragungsergebnisse, erwartet die Öffentlichkeit mehrheitlich ein stärkeres Engagement der Wirtschaft gegen rassistische Vorkommnisse. 51,8 Prozent der Deutschen sind der Auffassung, dass sich deutsche Unternehmen nicht genug für Werte wie Vielfalt und Respekt in der Gesellschaft einsetzen. Sie finden, dass die Unternehmen auch im Engagement gegen Rassismus zu wenig tun. 57 Prozent erwarten, dass die Entscheider in den Unternehmen mehr leisten.

Wer im Einsatz gegen Rassismus erfolgreich und nachhaltig wirken will, der muss in der Mitte unserer Gesellschaft stehen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht oft in ganz konkreten Zusammenhängen – vor allem auch am Arbeitsplatz. Hier lohnt ein Blick auf die Beschäftigten in den Betrieben: Knapp 58 Prozent geben an, dass ihr Arbeitgeber sich aktiv gegen Rassismus stellt und Vielfalt sowie Respekt fördert.

 

Im Auftrag von Gesicht Zeigen! e.V. und EY hat Civey in zwei Wellen Online-Befragungen durchgeführt. Im Juli 2020 befragte Civey 5.000 Deutsche ab 18 Jahren zu verschiedenen Aspekten von Rassismus und einem möglichen Engagement gegen Rassismus befragt. Der statistische Fehler beträgt hier 2,5 %. Basierend auf den Erkenntnissen aus dieser Befragung fand im Sommer 2020 eine zweite umfassende Erhebung zu Rassismus am Arbeitsplatz unter unterschiedlichen Personengruppen statt.

 

Zur Methodik

Unternehmen müssen proaktiv kommunizieren

Ein Knackpunkt ist dabei allerdings: Ob die Unternehmen diese Verhaltensweisen auch öffentlich kommunizieren sollten, dazu ist die Meinung der Beschäftigten geteilt (43,6 Prozent sind dafür, 42,1 Prozent dagegen). Welche Schlussfolgerung kann die Geschäftsleitung aus dieser Ambivalenz ziehen? Rassismus muss an oberster Stelle angesprochen werden, denn der Zwiespalt der Belegschaft könnte auch daraus resultieren, dass es bisher keinen echten Diskurs gibt. Sprich: Unternehmen müssen proaktiv kommunizieren. Als ersten Schritt sollten sie den Wunsch der Belegschaft nach einer klaren Haltung gegen Rassismus ernst nehmen, in eine offizielle Unternehmenskommunikation überführen und die Beschäftigten konsequent in den Prozess einbinden.

Die Beschäftigten haben ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein für die Nachteile von rassistischen Vorfällen auf den Wirtschaftsstandort. Rund 57 Prozent der Beschäftigten glauben, dass sich rechtsextreme Vorkommnisse negativ auf den jeweiligen Wirtschaftsstandort auswirken können.

Beschäftigte befürchten keine negativen Umsatzeffekte durch eine klare Position gegen Rassismus

Eine der großen Fragen von Unternehmen ist nach wie vor die der Positionierung: Läuft ein Unternehmen Gefahr, von der Kundschaft abgestraft zu werden, wenn es sich politisch äußert? Hier sprechen die Zahlen für sich: Mit rund 62 Prozent sagt die Mehrheit der Beschäftigten, dass diese Angst eigentlich unbegründet ist. Sie erwarten nicht, dass ihr Unternehmen bei einer klaren Positionierung negative Umsatzeffekte einfährt.

Wenn es also an einem Standort Probleme mit Rassismus gibt und die Mehrheit der Beschäftigten sagt, wir müssen etwas tun und wir sehen keine Gefahr, Kunden zu verlieren, dann stellt sich die Frage: Warum machen Unternehmen das kaum? Warum können sie nicht mehr tun als bisher?

Ganz konkret bieten sich einer Geschäftsführung vier Hebel, um den Einsatz gegen Rassismus nachhaltig im Unternehmen zu verankern.

 

Der Wandel muss von der Geschäftsleitung ausgehen. Man kann eine Belegschaft haben, die sich mit dem Thema auseinandersetzen will – wenn diese aber nicht den Beistand der Geschäftsleitung hat, bringt das wenig. Als ersten Schritt sollte die Unternehmensleitung ihre Haltung zu Rassismus kommunizieren und erklären, was sie dagegen tun möchte. Besondere Bedeutung muss hierbei dem Code of Conduct beigemessen werden, mit dem Unternehmen Verhaltensleitlinien und handlungsleitende Werte definieren.
Ebenso wichtig ist es, den Einsatz gegen Rassismus in der Unternehmensstrategie zu verankern. Der Wert eines Unternehmens wird heute schon lang nicht mehr allein von finanziellen Kennzahlen bestimmt. Das gesellschaftliche und regulatorische Umfeld in dem ein Unternehmen agiert wird immer wichtiger. Wer den Einsatz gegen Rassismus in die Unternehmensstrategie einbaut, setzt ein Zeichen: Klare Ziele werden abgesteckt, Maßnahmen formuliert und notwendige Ressourcen bereitgestellt. Eine konkrete Maßnahme könnte es sein, einen Diversitätsbeauftragten oder eine Beschwerdestelle zu schaffen.
Ebenso wichtig sind konkrete Maßnahmen für die Beschäftigten, zum Beispiel Trainings und Fortbildungen. So können sensible Begrifflichkeiten geklärt und diskriminierende Denk- und Verhaltensmuster angesprochen und vor allem aufgelöst werden.

Um den Weg gegen Rassismus konsequent zu gehen, sollten Unternehmen die Hilfe von inneren und äußeren Netzwerken nutzen. Die Geschäftsleitung sollte die Mitarbeitenden dazu motivieren, aktiv zu werden, eigene Plattformen und Foren zu schaffen. Aber Vorsicht: Aufzwingen ist der falsche Weg. Wer einen Arbeitskreis nur aufbaut, weil das Thema Rassismus gerade überall aufkocht, geht die Thematik falsch an. Hier gilt: Man kann die Belegschaft ermuntern oder Impulse geben, ihnen aber nichts aufdrängen. Sobald etwas in die Gänge kommt, sollte die Geschäftsleitung hingegen die entsprechenden Ressourcen bereitstellen, beispielsweise für Workshops, Konferenzen oder Veröffentlichungen.

Auch externe Netzwerke sind wichtig und fördern den Austausch über Unternehmensgrenzen hinweg. Das können Arbeitgebervereinigungen oder Verbände sein, aber auch Kontakte zu Experten, Instituten, Universitäten oder NGOs bringen entscheidenden Mehrwert.

Langfristig Denken anstatt vorschnell Handeln

Die Zahl rechtsextremer Gewalttaten in Deutschland steigt, weltweit gehen die Menschen im Rahmen der Black Lives Matter-Bewegung auf die Straße. Das zeigt: Das Thema Rassismus ist heute aktuell wie eh und je. Der Einsatz gegen Rassismus ist ein moralisches Gebot und eine gemeinsame Herausforderung für alle – auch für Unternehmen, die sich bei diesem Thema klar positionieren sollten.

Das Engagement gegen Rassismus muss aber auch ein langfristiges Commitment sein. Es darf weder Mittel zum Zweck noch PR-Werkzeug sein. Unternehmen müssen authentisch sein und nach dem Credo handeln: Wir wollen ein diskriminierungsfreies Unternehmen sein, ein Betriebsklima schaffen, das Diversität zulässt und  Rassismus in jeglicher Form verurteilt.


Über die Autoren

Prof. Dr. Bernhard Lorentz ist Managing Partner Markets für Deutschland, Schweiz und Österreich bei EY, wo er überdies den Bereich Government & Public Sector leitet.

Dr. Rana Deep Islam arbeitet als Business Development Leader im Government & Public Sector der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Zuvor war er in unterschiedlichen Funktionen in Politik und Zivilgesellschaft tätig.