Sozialtransfers, Weiterbildung, kürzere Arbeitszeiten?

Studie zu den sozialpolitischen Prioritäten von Arbeitnehmer:innen im Zeitalter der Automatisierung

Zusammenfassung

Digitalisierungprozesse sind schon heute Treiber einer sich verändernden Arbeitswelt. Beschäftigte in Deutschland und weltweit sind sich zwar den potenziellen Vorteilen der Digitalisierung der Arbeit bewusst, sie sorgen sich aber auch um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Wie besorgt sind sie und welche politischen Maßnahmen wünschen sie sich im Umgang mit der Transformation?

Durch die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung nochmal einen erheblichen Schub erhalten. Basierend auf Befragungsdaten aus 24 OECD-Ländern zeigt das vorliegende Policy Paper, wie Arbeitnehmer:innen den kommenden Automatisierungsprozessen gegenüberstehen und welche sozialpolitischen Maßnahmen sie zum Umgang mit den Veränderungen priorisieren.

Medienresonanz

Hier geht’s zum Exklusivartikel in der Wirtschaftswoche vom 17. September 2021 von Max Haerder.


Beschäftigte in Deutschland und weltweit sorgen sich um ihre Arbeitsplätze

Der Studie nach halten es 35,7 Prozent für “wahrscheinlich” oder “sehr wahrscheinlich”, dass sie aufgrund von Automatisierung in den nächsten fünf Jahren ihren Arbeitsplatz verlieren. Deutschland befindet sich hier mit 27,5 Prozent im unteren Mittelfeld. Spitzenreiter ist Südkorea mit 65,5 Prozent während Beschäftigte in Österreich mit 21,5 Prozent die geringsten Sorgen ausdrücken. Dennoch unterstützen fast 75 Prozent der Deutschen verstärkte Investitionen in die digitale Infrastruktur, rund 12 Prozent mehr als im OECD-Durchschnitt. Offensichtlich sieht die Mehrheit der Deutschen im digitalen Bereich einen erheblichen Investitionsbedarf.

Arbeitnehmer:innen sehen auch Chancen – vor allem in starken Wohlfahrtsstaaten 

Eine weitere  wichtige Erkenntnis: Arbeitnehmer:innen in Ländern mit starken Wohlfahrtsstaaten blicken mit weniger Sorge auf die Automatisierung. Gleichzeitig erkennen mehr als die Hälfte der Befragten auch Chancen in der Digitalisierung, wie weniger körperliche und gefährliche Arbeit, eine bessere Work-Life-Balance und das Wegfallen repetitiver Aufgaben. 

Investitionen in Bildung sind populär…

Eine breite Mehrheit von 74,2 Prozent befürwortet Investitionen in die Erstausbildung junger Menschen sowie in das lebenslange Lernen (78 Prozent). Gleichzeitig findet auch eine Stärkung des sozialen Sicherheitsnetzes (Erhöhung des Arbeitslosengeldes und ähnlicher Transferleistungen) mehrheitliche Zustimmung (61 Prozent). In Bezug auf Deutschland ist hier vor allem interessant, dass mehr Menschen die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens befürworten (59,5 Prozent), als soziale Transferleistungen zu erhöhen (55,3 Prozent).

…aber nicht, wenn der Arbeitsplatz akut bedroht ist

Beschäftigte, die sich akut Sorgen um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes machen, ziehen höhere Transferleistungen gesteigerten Investitionen in Bildung vor. Dabei ist diese Forderung bei weniger gebildeten populärer, als bei Befragten mit hoher Bildung.Diese Bildungsunterschiede in den Präferenzen können sich daher zu politischen Konflikten über sozialpolitische Prioritäten verdichten.


Empfehlungen an die Politik

  1. Sorgen ernst nehmen und offen kommunizieren: Die vielschichtigen Bedenken hinsichtlich des technologischen Wandels sollten ernst genommen und weder nur seine positiven noch seine negativen Aspekte betont werden. Die politische Arbeit sollte ausgewogen sein, die Chancen des technologischen Wandels anerkennen und gleichzeitig die Sorgen der betroffenen Beschäftigten aufgreifen.
  2. Hohe Bildungsinvestitionen langfristig absichern: Politische Akteure sollten vor allem solche Strategien verfolgen, die auf die Erweiterung von Bildungsmöglichkeiten abzielen, insbesondere im Bereich des lebenslangen Lernens. Die Herausforderung besteht hier darin, Bildungsinvestitionen gegen potenzielle kurzfristige Forderungen nach Ausgaben in anderen Politikbereichen abzusichern.
  3. Direkt Betroffene zielgerichtet unterstützen: Obwohl Bildungsinvestitionen Vorrang haben sollten, sollte die Politik politische Instrumente entwickeln, die betroffenen Beschäftigten auch direkt helfen. So z.B. indem neue soziale Investitionen mit einer kompensatorischen Sozialpolitik kombiniert werden, wie etwa mit einer besser ausgestatteten Arbeitslosenversicherung.

Autoren

Prof. Marius Busemeyer

Universität Konstanz
Marius R. Busemeyer ist Professor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Vergleichende Politische Ökonomie an der Universität Konstanz und Sprecher des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“.
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Tobias Tober

Universität Konstanz
Tobias Tober ist Postdoktorand am Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz. Er forscht zu den ökonomischen Folgen der europäischen Integration, den institutionellen Grundlagen von Ungleichheit und der politischen Ökonomie technologischen Wandels.

Dieses Policy Paper wurde in Kooperation mit dem Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz  veröffentlicht.

Inhalt

Zusammenfassung
Autoren

Prof. Marius Busemeyer

Universität Konstanz

Tobias Tober

Universität Konstanz

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