Zukunft der Demokratie Debattenbeitrag

Warum ich im Kampf gegen Rechts mit Fakten scheiterte

Das wirksamste Mittel gegen Protestwahlen wird Progressiven nicht gefallen


David Nonhoff startete eine Kampagne, um Rechtspopulisten mit Fakten umzustimmen – und scheiterte. Heute weiß er warum und kennt den Schlüssel, um sie von einer Protestwahl abzubringen.


Rechtspopulisten lügen. Sie verdrehen Tatsachen und spielen mit Vorurteilen. “Wenn nur endlich jemand die Fakten richtigstellen würde! Dann träfen sicherlich viele Menschen eine differenziertere Wahlentscheidung.” So zumindest dachten wir – und machten uns an die Arbeit.

Im Mai 2017 gründete ich mit drei Freunden die Plakatkampagne Informationen für Deutschland. Die AfD stand in den Umfragen bei neun Prozent und uns, als jungen, linken Progressiven, war klar, dass wir etwas unternehmen müssen. Die Sache war einfach: Lügen und Vorurteile lassen sich am besten durch einfache Fakten entkräften. Die Menschen sind im Kern vernünftig, ihnen fehlen nur die relevanten Informationen. Wie zum Beispiel, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland 1,3 Millionen Jobs geschaffen haben (vgl.: SACHS et al. 2016). Also sammelten wir Gelder und gaben eine Menge Plakate in den Druck, die vor der Bundestagswahl in vier deutschen Großstädten aufgehängt wurden.

Die AfD schaffte es trotzdem in den Bundestag. Und meine Meinung zu der Frage, ob Fakten ein angemessenes Instrument bei der Ansprache rechtspopulistischer Wähler sind, hat sich grundsätzlich geändert.

Wie Menschen ihre Wahlentscheidung treffen

Die Populismusforschung streitet über die Ursachen, warum Menschen als Protestwahl ihr Kreuz bei den Rechtspopulisten machen. Einigkeit besteht darin, dass das Gefühl, vernachlässigt oder benachteiligt zu sein, eine große Rolle spielt. Viele Menschen fühlen sich durch die gesellschaftliche Stimmungslage, ihre persönliche Situation oder die Politik der beiden Volksparteien abgehängt und weder in ihrer Meinung respektiert noch mit ihren Ansichten politisch vertreten (vgl.: HILLJE 2018).

Wahlentscheidungen werden nicht rational und faktenbasiert getroffen.

Sie gehen nicht mit Checklisten durch alle Wahlprogramme, gleichen diese mit den Fakten ab und entscheiden dann rational, welche Partei die besten Vorschläge für das Land hat (fast niemand tut das). Umfragewerte hängen vielmehr von der täglichen öffentlichen Kommunikation der Parteien in den Medien ab. Wahlentscheidungen werden nicht rational und faktenbasiert getroffen, sondern aufgrund von Emotionen, Gefühlen und Werten. Sind Fakten also geeignet, um Menschen davon zu überzeugen, nicht rechts zu wählen?

Für jede Meinung gibt es passende Fakten

Aus der Kulturpsychologie wissen wir, dass wir in Debatten nicht die Wahrheit herausfinden, sondern unsere eigenen Ansichten bestätigen wollen. Die meisten moralischen Urteile entstehen intuitiv und werden erst im Nachhinein argumentativ gerechtfertigt und „rationalisiert”. Zwei politisch Streitende mit unterschiedlichen Meinungen kommen selten auf einen gemeinsamen Nenner, auch wenn die eine Seite lupenreine Fakten und die andere vage Annahmen und Vorurteile benutzt. Wir schenken immer jenen Aussagen mehr Bedeutung und Relevanz, die unsere Annahmen bestätigen. Argumente, die unsere Weltsicht in Frage stellen, verwerfen wir schnell. (vgl. confirmation bias).

Mit Informationen für Deutschland konnte ich dieses Phänomen in den sozialen Medien genau beobachten. Diejenigen, die unsere Meinung nicht teilten, sprachen unseren sorgsam recherchierten Fakten die Glaubwürdigkeit ab. Oft hatten sie andere, unseren Darstellungen widersprechende, Fakten aus meist unseriösen Quellen. Oder sie fanden unsere Fakten unseriös, weil sie zum Beispiel von der Bertelsmann-Stiftung stammten. Mir wurde schnell klar, dass sich im Internet zu jeder Ansicht passende Fakten finden lassen. Wie Studien zeigen, sind sie daher von zweifelhafter Wirksamkeit. Statt eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu schaffen, verstärken Fakten sogar Gruppenzugehörigkeitsgefühle und vertiefen den Graben zwischen politischen Lagern. Wie also diejenigen erreichen, die rechtspopulistischem Gedankengut anhängen?

Das wirksamste Mittel gegen Rechtspopulismus wird Progressiven nicht gefallen

Zuerst muss anerkannt werden, dass die meisten AfD-WählerInnen legitime, politische Ansichten vertreten. Zumindest solange diese im Einklang mit dem Grundgesetz stehen. Aus Umfragen ist lange bekannt, dass 10-25 Prozent der Europäer rechtspopulistisches Gedankengut teilen. Die Frage ist also nicht, warum plötzlich 12 Prozent der Menschen die AfD wählen, sondern warum sie das nicht schon früher getan haben. Die Antwort ist einfach: Die meisten von ihnen hatten bis vor ein paar Jahren das Gefühl, durch eine der beiden Volksparteien in ihren Anliegen vertreten zu sein.

Die Ereignisse im Herbst 2015 haben dies geändert. Viele Menschen denken seither, dass ihre Skepsis gegenüber Migration und ihre konservativen Ansichten nicht mehr ernst genommen und moralisch verdammt werden. Wenn man sie belehrt, dass ihre Ansichten moralisch falsch und faktisch inkorrekt seien, ist das nicht nur wenig hilfreich, sondern kontraproduktiv. Sie ziehen sich in ihre Ängste zurück und fühlen sich in ihren Ansichten bestätigt.

Wir müssen konservativen Kräften Raum geben und sie als legitime demokratische Kontrahenten ansehen.

So weh es dem progressiven Herzen tut: Wir müssen vorsichtig sein, nicht von oben herab mit dem moralischen Fakten-Zeigefinger zu wedeln. Wir müssen konservativen Kräften Raum geben und sie als legitime demokratische Kontrahenten ansehen. Menschen, die skeptisch gegenüber Migration eingestellt sind, dürfen wir nicht als irrational abstempeln, nur weil ihre Ansichten den Fakten widersprechen. Um sie von einer Protestwahl abzubringen, muss ihnen vielmehr das Gefühl gegeben werden, wieder akzeptierter Teil der demokratischen Debatte zu sein. Das wäre ein erster Schritt, rechtspopulistischer Hetze den Boden zu entziehen.

 


Hintergrund

Dieser Meinungsbeitrag entstand im Rahmen des Projekts Countering Populism in public space. Gemeinsam mit VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen und jungen Medienschaffenden wurden konkrete Handreichungen und ein multimediales Angebot für den souveränen und bewussten Umgang mit demokratiefeindlichem Populismus in der Öffentlichkeit erarbeitet.

Das Progressive Zentrum brachte AkteurInnen aus dem Mediensektor und der Zivilgesellschaft im Rahmen von zwei Wegweiser-Werkstätten zusammen und bot so einen Rahmen der ko-kreativen Zusammenarbeit und des konstruktiven Erfahrungsaustauschs. Während in der ersten Werkstatt VertreterInnen von gesellschaftsrelevanten Jugendverbänden, religiösen Gemeinden, gesellschaftspolitischen Initiativen, Stiftungen, öffentlichen Einrichtungen und Gewerkschaften zusammenkamen, arbeiteten in der zweiten Werkstatt Medienschaffende aus der journalistischen sowie BloggerInnen- und Social-Media-Szene zusammen. Dabei konnten konkrete Schlussfolgerungen aus ihren bereits erworbenen Erfahrungen im Umgang mit demokratiefeindlichen PopulistInnen gezogen werden.

 

David Nonhoff ist Research Associate beim Global Public Policy Institute und war Teilnehmender des Projekts Countering Populism in public space.

 

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