Innovation & Nachhaltigkeit Leben & Arbeiten Debattenbeitrag

Plantagenwirtschaft 2.0

Wie nachhaltig ist die Startup-Szene?
Foto: Pascua Theus / pixelio.de

Die Startup-Szene wird als innovative und für die wirtschaftliche Entwicklung und Modernisierung wichtige Branche angesehen. Dabei ist die Gefahr groß, dass in manchen Bereichen eine Blase entsteht, die beim Platzen eine ungeheure Dynamik auf den Standort Deutschland und besonders Berlin auslösen könnte.


Seit Jahren kennen die Kurse der Unternehmen aus dem Internetbereich nur eine Richtung: steil nach oben. Die Zweifel vieler Wirtschaftsexperten wurden vom Tisch gewischt, die Protagonisten dieser neuen Ordnung werden von Politikern und Journalisten wie Stars behandelt. Jahrzehntelang gewachsene Selbstverständlichkeiten des Wirtschaftens gelten nicht mehr. Selbst der Dresscode hat sich radikal gewandelt: Trug man früher Anzug und Krawatte, ist es jetzt der Kapuzenpulli, der zur Uniform der neuen Wirtschaftsordnung geworden ist.

An den Banken jubilieren die Anlageberater, und Privatanleger machen freudig mit: Denn das Wachstum gibt ihnen Hoffnung, dass sie ihr Geld für sich arbeiten lassen können. Es herrscht Goldgräberstimmung: Denn jeder, so scheint es, der ein Geschick, Motivation und Kenntnisse mitbringt, kann über Nacht reich werden. Alles was man braucht ist eine Idee. Und niemand zweifelt daran, dass dieser neue Weg noch lange weitergehen wird.

So in etwa ließe sich die aktuelle Stimmung im Silicon Valley, in Berlin, in Tel Aviv oder an einigen anderen Spielstätten der lebendigen, kreativen und impulsiven Startup-Szene beschreiben. Es ist aber auch eine Schilderung der ersten großen Welle von Internet-Startup-Gründungen Ende der 1990er-Jahre. Heute wie damals sprachen die Protagonisten und Beobachter von der großen Kraft der disruptiven Entwicklung durch die weltweite Ausbreitung neuer Standards in der Arbeitswelt. Sky is the limit ist schon immer das Credo der Fortschrittsgläubigen gewesen. Anfang des Jahrtausends stürzte diese Überzeugung den Westen jedoch in eine der größten Finanz- und Wirtschaftskrisen der Moderne.

Mit dem Platzen der sogenannten Dot-Com-Blase verloren nicht nur unzählige Menschen Jobs, Visionen und Motivation, eine Folge war außerdem die Niedrigzinspolitik der US-amerikanischen Zentralbank und das daraus resultierende Heißlaufen des Finanzmarktes mit seinen extremen Hochs und Tiefs. Innerhalb der Wirtschaftsszene wird diese Stimmung inzwischen euphemistisch als Neue Normalität bezeichnet. Doch das schlimmste war wohl das erschütterte Vertrauen in einen Wirtschaftsbereich, der heillos überbewertet worden war, der aber für die Modernisierung der Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt. Denn die sogenannte schöpferische Zerstörung sorgt auch für eine Erneuerung durch neue Arbeitsmodelle und ein neues Denken. Die Infrastruktur des Internets und alles, was damit zusammenhängt, hatte einmal das Potenzial, Innovation, Kreativität und einen neuen Leistungsgedanken in der Gesellschaft zu implementieren. Eine neue Arbeitswelt schien kurz möglich, am Ende gewann dann wieder die Gewissheit zynischer Fortschrittsfeinde.

Die gleiche Gefahr droht zurzeit. Denn die Ausgangslage ist nahezu identisch mit der vor knapp 15 Jahren: Auf der Suche nach neuen Helden, werden Startups von vielen Politikern und Journalisten häufig kritikfrei hofiert. Gleichzeitig ist durch die niedrigen Leitzinsen eine ungeheure Menge Kapitel entstanden, das Institute und Fonds dazu zwingt, immer nach Anlagemöglichkeiten zu suchen. In den USA führt das dazu, dass Risikokapitalgeber Milliarden für Unternehmen ausgeben, die auch Jahre nach Gründung immer noch kein geeignetes Geschäftsmodell haben oder gar Überschüsse erzielen. Der gehypte Microblogging-Dienst Twitter beispielsweise hat bislang nicht einen Cent Gewinn gemacht. Und das ist nur ein Beispiel. Es gilt die Rate 1/10 – von zehn Unternehmen, in die investiert wird, erzeugt in der Regel eines den Return on Investment, der Verluste der anderen kompensiert.

Auch in Deutschland wird so inzwischen gedacht, und das weckt Begehrlichkeiten. Wenn Unternehmen wie AxelSpringer SE oder ProSiebenSat1 eigene Inkubatoren für Startups gründen, dann scheint der Begriff Goldgräberstimmung mehr als passend. Die Erwartungen, die Anleger in die Kursentwicklung von Unternehmen wie Rocket Internet stecken, zeugen von dieser Hoffnung auf schnellen Gewinn. Die Zukunft des Wachstums, so scheint es, liegt im Internet, und das fabrikmäßige Aufziehen von Startups und der schnelle Verkauf dieser an Investoren ist ein Prozess, der immer normaler wird. Der profitable Exit ist für viele dieser Unternehmen das einzige Ziel.

Wie am Fließband entstehen derzeit neue E-Commerce-Konzepte, die nach und nach alle Einzelhandelsbranchen und Dienstleistungen ins Internet verlagern sollen. Den Konsumenten wird so ein bequemes Lebens vom Sofa aus versprochen. Die Mitarbeiter in diesen Startups erhalten die Motivation, schnell viel Geld zu verdienen und dabei Teil der größten Umwälzung des Wirtschaftssystems seit der Industriellen Revolution zu sein.

Ökonomische Nachhaltigkeit und langfristige Planung spielt für die einzelnen Startups oft keine wichtige Rolle. Sie sind nicht darauf ausgerichtet, auch in zehn Jahren noch zu existieren. Wenn manche dieser Inkubatoren sogar mit Stolz verkünden, dass sie pro Woche mehrere Unternehmen gründen und auf den Markt bringen, stellt sich die Frage, welche Werte dabei wirklich geschaffen werden.

Doch soweit mag keiner von den Verantwortlichen derzeit denken. Die Branche saugt derzeit Kapital und Manpower wie wenige andere Wirtschaftsbereiche auf. Allein in Berlin sollen offiziellen Analysen zufolge inzwischen rund 100.000 Jobs direkt mit der Szene entstanden sein. Kreative, gut ausgebildete und motivierte Dienstleister, die mit an dem Image der deutschen Hauptstadt als lebendige, hippe und globale Metropole stricken. Es ist die Kreative Klasse, die jede Weltstadt anlocken und halten möchte.

Auch die Große Koalition hat diese Dynamik inzwischen erkannt, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) verkündete im Herbst 2014, dass die Bundesregierung die Startup-Szene mit rund 500 Millionen Euro unterstützen will. Auch wenn die Szene weiterhin auf die Details und einen Fahrplan für diese Förderung wartet: Was ist, wenn das Versprechen der Protagonisten nicht erfüllt wird und hier wieder eine Blase wächst? Und welche Folgen hätte das für Wirtschaft und Gesellschaft, wenn das Wachstum mit einem Mal auf einmal verschwindet?

Dass das Medienunternehmen ProSiebenSat 1 seinen Inkubator Epic Companies 2014 aus wirtschaftlichen Gründen wieder geschlossen hat, könnte ein erstes Anzeichen für eine Zeitenwende sein. Die Börsengänge von Rocket Internet und dessen Vorzeigeunternehmen Zalando gehen in die gleiche Richtung. Das Ziel der Kapitalisierung haben beide erreicht, doch der Zwang bleibt, auch künftig Wachstum zu erzeugen. Bislang wird dies vor allem durch die Ausbreitung in immer mehr Geschäftsfelder erreicht und durch die Expansion der vorherigen erfolgreichen Business-Modelle in Schwellenländer. Es gab schon einmal eine Phase, in der so eine Art des Wirtschaftens gepflegt wurde: Das war zur Blütezeit des Kolonialismus und wird von Historikern Plantagenwirtschaft genannt.

Die Gefahr ist groß, dass durch dieses System ein Kreislauf entstanden ist, der immer mehr Kapital und immer größere Renditeforderungen erzeugt. Die Folge könnte ein Platzen der Blase sein, mit unvorhergesehenen Folgen für die Wirtschaft. Innerhalb einer Branche, in der ein signifikanter Anteil von Unternehmen darauf ausgerichtet wird, schnell und gewinnbringend weiterverkauft zu werden, könnte am Ende ein Investor stehen, der das alles retten muss, um nicht Tausende Arbeitsplätze zu gefährden und das Vertrauen in Startups generell zu verlieren. Und die Gefahr ist groß, dass es wie bei der Bankenkrise nach 2008 der Staat ist, der einspringen muss.