Europa Hört_Eine Dialogreise von Das Progressive Zentrum im Jahr 2018 (Header).

PERSÖNLICHE EINDRÜCKE DER REISE

 

Das Team des Think-Tanks Das Progressive Zentrum besuchte im Rahmen von Europa Hört zehn Orte in zehn verschiedenen Bundesländern und legte dabei mehr als 3.000km hinter sich. Zwei von ihnen haben die Dialogreise Revue passieren lassen und schildern ihre ganz persönlichen Eindrücke.

 

Nicolina Kirby, Projektassistentin: „Auch wenn es manchmal schwer fiel: Durch Zuhören hört man manchmal viel mehr, als wenn man mitdiskutiert.“

 

Mittwochmorgen, 6 Uhr. Endlich geht es los, “Europa Hört”! Die vorausgegangenen Monate der Vorbereitung sollten nun ihre ersten Früchte tragen. Wir brechen in unserer ersten Etappe auf nach Olfen, Merzig, Pirmasens, Herne und Walsrode, alles Orte, die wir bislang nur von den Webseiten der Stadtverwaltungen, aus Zeitungsberichten und von verpixelten Google Maps Bildern kannten. Beladen mit Rollkoffern voller Holzkugeln und Klebepunkte, einer Ikeatüte, Wanderrucksäcken und einer portablen Stellwand legen wir die erste Etappe zurück um den Rest des Reiseteams am Berliner Hauptbahnhof zu treffen, wo wir um 6.30 in unsere erste Bahn steigen. Dass uns dieses Gepäck wirklich zwei Wochen lang begleiten soll scheint zu diesem Zeitpunkt noch recht unvorstellbar. Eine Runde DB Kaffee wird bestellt – es wird die erste von vielen sein.

Fünf Stunden im ICE, eine Regionalbahn und 30 Taximinuten später erreichen wir Olfen im Odenwald, die erste Station der Reise. Bei mir macht sich langsam Nervosität bemerkbar. In wenigen Stunden werde ich meine erste Diskussionsrunde moderieren und ich frage mich, inwiefern ich eigentlich qualifiziert genug bin diese Debatte zu führen . Diese Sorge verflüchtigt sich jedoch schnell, denn angereichert durch das ergiebige Wissen der Teilnehmenden kommt es zu einer unglaublich spannenden Debatte zwischen Menschen, die in einem Dorf tief im Odenwald leben, aber im Herzen überzeugte Europäerinnen sind. Der Abend endet mit einem langen gemeinsamen Abendessen mit dem inoffiziellen Dorfoberhaupt, der gleichzeitig unser Veranstaltungspartner ist und Erzählungen darüber, wie sich die Bürgerinnen organisierten, um schnelles Internet in den Odenwald zu bekommen. Ich höre gespannt zu und bin insgeheim zutiefst erleichtert darüber, dass ich im Gasthaus des lokalen Metzgers ein Gemüsesteak zum Abendessen bekommen konnte. Ich hatte meine Frage danach als eine rhetorische empfunden und mit einem Nein gerechnet. So kann man sich verschätzen.

Die folgenden Tage spielen wir uns als Reisetruppe gut ein – die beste Taktik zum Transport der Stellwand wird ermittelt, wir entdecken die besten Spelunken für trockenen Weißwein und müssen feststellen, dass Tomate-Mozzarella Sticks kein vollwertiges Abendessen darstellen. Jeder Ort und jede Bekanntschaft die wir machen, jede Diskussionsrunde die wir führen wirft für uns ein neues Licht auf Europa, auf Deutschland, und darauf, was die Reise mit uns und mit den Menschen, die wir antreffen, macht.

Am Ende der Tour können wir zwar keine Streuselkuchen mehr sehen und freuen uns wieder auf unsere eigenen Betten, aber ich fühle mich aufgeladen mit Energie von Eindrücken zu Europa, die ich so gerne auffangen, formulieren und weitergeben will. Besonders Gespräche wie eines  mit einem Kritiker der EU, der mir deutlich macht, wie stark mein Privileg europäische Erfahrungen zu machen mein Bild von Europa färbt – und dass auch er an diesem Privileg eigentlich gerne teilgehabt hätte. Oder die Unterhaltung mit einer Frau, die uns dankt dafür, dass wir sie zum Nachdenken über Europa angeregt haben, und dass sie an dem Tag zum ersten mal mit ihren Söhnen über die Europäische Union diskutiert habe. Gleichzeitig merke ich, wie viel Wissen und Interesse und wie viele Wünsche zu Europa in Deutschland bestehen, die wir so häufig übergehen, die aber nun endlich auch mal gehört werden sollten. Die gesammelten Ideen regen mich an zu hinterfragen, manches neu zu denken. Vor allem aber machen sie mir Mut. Mut weiter zuzuhören.

 

Gesche-Maren Siems, Praktikantin: „Es braucht mehr Bürgerdialog-Projekte, wie dieses. Ich würde mich sofort noch einmal auf den Weg machen!“

 

Nach kurzer Reisepause zurück in Berlin starteten wir mit neuer Energie in die zweite Runde der Dialogreise. Schnell knüpften wir an die Reiseroutine mit Gepäck und portabler Stellwand auf Rolltreppen und holprigen Kopfsteinpflastern der ersten Reisewoche an und machten uns auf den Weg nach Bad Muskau, Hof, Marzahn-Hellersdorf, Prenzlau und Lutherstadt Eisleben. Mit Equipment, das erst einmal an passender Stelle verstaut werden wollte und auf der Suche nach Sitzplätzen in vollen Regionalbahnen, sorgten wir so mancherorts für Aufsehen und aus dem ein oder anderen neugierigen Blick wurden nette Gespräche und interessante Begegnungen mit BerufspendlerInnen und Familien, die auf dem Weg in ihre Herbstferien waren. Wie in all den organisierten Gesprächsrunden in den verschiedenen Stationen unserer Reise mangelte es auch im Zug nicht an Gesprächsstoff beim Thema Europa, auf das man spätestens dann zu sprechen kam, wenn wir gefragt wurden warum und wohin wir unterwegs waren.

Mancherorts war Spontanität und Kreativität gefragt, um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zu erreichen und so haben wir die moderierte Gesprächsrunde in Hof beispielsweise direkt im Foyer der Stadtbücherei veranstaltet und in Marzahn-Hellersdorf und Lutherstadt Eisleben die verschiedenen Gesprächs-, Spiel-, und Infostationen kurzerhand nach draußen verlagert. Dort haben wir die mitgebrachten Thesenbarometer direkt an der Fassade eines Freizeitforums oder örtlichen Rathauses befestigt. Neben den vielen Interessierten, die den Termin schon längst  im Kalender vorgemerkt und sich bereits angemeldet hatten, den Termin auf Plakaten vor Ort oder durch Freunde und Bekannte wussten, erreichten wir auf diesem Wege einige Kurzentschlossene, die beispielsweise ihr Kind von einer Räuber Hotzenplotz Lesung in der Bücherei abholen wollten, auf dem Weg zu einem der Sportkurse im Freizeitforum oder nach Hause waren. In Erinnerung blieb mir zum Beispiel ein Gespräch mit einer Mutter, die bei uns am Tisch anhielt, eigentlich weiter musste und dann mit ihrem Kind, das zufrieden und mit einer Engelsgeduld auf ihrem Schoß Platz nahm, über eine Stunde lang bei uns verweilte und mitdiskutierte. Auf ähnlichen Wegen fanden auch andere Interessierte ihren Weg zu uns ins Foyer der Bücherei in Hof und erst der Blick auf die Uhr um kurz vor halb acht setzte der spannenden und angeregten Gesprächsrunde ein unfreiwilliges Ende, um rasch zusammenzuräumen, zum Bahnhof aufzubrechen und den Zug zu erwischen.

Sowohl die unterschiedlichen Gesprächsrunden in den zehn Orte, als auch Gespräche mit einzelnen Teilnehmenden der Veranstaltungen haben nicht nur zahlreiche Seiten an Mitschrift gefüllt, sondern mich auch mit einem Gefühl der Zufriedenheit und Zuversicht erfüllt, dass unser Mittel der Wahl, das Zuhören, genau das richtig war. Die Tatsache, dass neben den vielen positiven Rückmeldungen auch kritisch nachgehakt wurde, was unsere eigentliche Agenda sei, die uns zu einer solchen Reise motiviere, bestärkt einmal mehr, dass es Projekte solcher Art braucht.

Ich bin dankbar für die bisweilen sehr persönlichen Gespräche und geteilten Einblicke in verschiedenste Biographien und Lebenswelten. Ich erinnere mich an die Erzählungen über ein bewegtes Lebens nach der Wende von einem Bürger Prenzlaus und seinem Wunsch, dass seine Enkelkinder gut daran täten mehr zuzuhören und aus seinen Erfahrungen zu lernen, sowie an ein Gespräch mit Teilnehmerinnen in Pirmasens, die eindrücklich von persönlichen Erfahrungen mit zwischenmenschlichen und strukturellen Herausforderungen für gelingende Integration berichteten. Gerne erinnere ich mich auch an ein spannendes Gespräch mit einer Teilnehmerin, die extra aus Den Haag nach Herne angereist war, um über Europa und die Zukunft der EU zu diskutieren. Dies sind nur einige von vielen tollen Begegnungen und Gesprächen während der Reise und ich würde mich sofort noch einmal auf den Weg machen, um möglichst viele Gedanken und Erfahrungen so unterschiedlicher Bürgerinnen und Bürger zu sammeln. Denn was ich nach diesen zehn Dialogstops mitnehme ist die Erkenntnis, dass Europa und die EU Leben auf vielfältige Weise bewegt und beeinflusst, vor allem aber davon lebt, dass es engagierte und diskussionsfreudige EuropäerInnen gibt, die sich mit der Idee der europäischen Gemeinschaft identifizieren können.