Normalität plus – Die Welt nach der Coronakrise

Ein Beitrag für den Blog "Corona & Society: Nachdenken über die Krise"


Möglicherweise hat Michel Houellebecq ja recht. Die Welt nach dem Lockdown, so der kettenrauchende Misanthrop, werde dieselbe sein, „nur ein bisschen schlechter“. In der Tat spricht viel dafür, dass die Post-Corona-Welt der Prä-Corona-Welt weitestgehend ähneln wird. Wer auf radikale Veränderungen hofft, sollte sich besser auf eine Enttäuschung gefasst machen. Die Menschen wollen – wie das Michael Miebach und Wolfgang Schroeder in ihrem Editorial zu diesem Blog geschrieben haben – eine Rückkehr zur „alten Normalität“, zur Welt wie sie war. Nach der Krise ist vor der Krise und die sozial-ökologische Revolution wird auch diesmal nicht losbrechen.


Gut versorgt durch den Lockdown

Die Corona-Pandemie hat nicht die Schwäche, sondern die Stärke des zeitgenössischen Kapitalismus eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Sie hat demonstriert, welche Wohlstandsreserven dieser Gesellschaftsformation innewohnen. Diese konnten im Lockdown mobilisiert werden und haben eine weitgehende soziale Abfederung eines tiefen ökonomischen Einbruchs ermöglicht.

Die Corona-Pandemie hat nicht die Schwäche, sondern die Stärke des zeitgenössischen Kapitalismus eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

In der Krise zeigte sich einmal mehr die enorme Produktivität und Innovationskraft dieser Wirtschaftsordnung. Es hat die Mittel, die die Aufrechterhaltung von Ökonomie und Gesellschaft in der Pandemie ermöglichten, selbst hervorgebracht: Die globalen Lieferketten, die nicht gerissen sind, die Lebensmittelversorgung, die nicht kollabiert ist. Vor allem aber die digitale Infrastruktur des Internets, das mit seinen digitalen Kommunikationsinstrumenten, dem Online-Handel, dem Fernunterricht an Schulen und Universitäten, der individuellen Kommunikation via Messenger, Videos und Online-Meetings einen epidemiologisch wünschenswerten Lockdown erst ökonomisch möglich und menschlich erträglich gemacht hat. 

Wir werden „danach“ also nicht über die Zähmung des globalisierten Kapitalismus verhandeln. Allerdings werden wir als Gesellschaften Lehren aus der Krise zu ziehen haben. Die unmittelbar dringlichste Frage ist, wie wir in Zukunft mit der Herausforderung durch Covid-19 und ähnlichen Erregern umgehen wollen. Im kommenden Winter werden sich die Bedingungen für die Ausbreitung viraler Erkrankungen wieder verschärfen, für die herkömmliche Influenza und auch für Covid-19. Die zweite Welle wird sich wahrscheinlich nicht vermeiden lassen.

Wie wollen wir auf sie reagieren, wieder mit einem Lockdown? Oder diesmal mit einer differenzierten, auf den bisherigen Erfahrungen basierenden Strategie? Einer Strategie, die sich auf den Schutz der Verletzbaren und Gefährdeten konzentriert – und den Rest weitgehend unbehelligt lässt? Und wann werden wir tätig? Selbst in den USA und Großbritannien bewegt sich die Opferbilanz von Covid-19 bisher in der Größenordnung der letzten starken Influenzawelle 2017/2018. Hierzulande hat diese Grippewelle 25.000 Menschenleben gefordert. Was machen wir bei der nächsten? Wann fühlen wir uns als Gesellschaft verpflichtet, massive Eingriffe in wirtschaftliche und individuelle Freiheiten zu unternehmen? Wir haben bisher 25.000 Grippetote akzeptiert – auch deren Zahl hätte mit Social Distancing-Maßnahmen oder mit einer allgemeinen Grippe-Impflicht vermutlich deutlich reduziert werden können. Wo ist die Grenze beim nächsten Mal, egal um welchen Virus es sich handelt? Darüber müssen wir uns als Gesellschaft verständigen. 

Warum waren wir nicht besser vorbereitet?

Die zweite Debatte, der sich die westlichen Gesellschaften dringend stellen müssten, ist die Frage nach der Qualität einiger wichtiger Bereiche ihrer Regierungs- und Verwaltungssysteme. Die Coronakrise hat ein enormes Ausmaß an Governance-Versagen offengelegt. Dies gilt in einem besonderen Ausmaß für die westeuropäischen Corona-Hotspots: Spanien, Italien, Frankreich, UK, Belgien. Nirgendwo sonst auf der Erde war die Sterberate so hoch wie hier.

Die Coronakrise hat ein enormes Ausmaß an Governance-Versagen offengelegt.

Aber auch in Ländern Europas, die die Krise besser bewältigt haben – darunter auch Deutschland – stellen sich viele Fragen: Warum waren wir so unvorbereitet, obwohl eine weltweite Virus-Epidemie seit Jahren zu den wahrscheinlichsten Krisenszenarien auf einem immer dichter bevölkerten Planeten zählt – spätestens seit SARS (2002/2003) und MERS (seit 2013)? Warum gab es keine effektiven Krisenpläne, keine ausreichenden Schutzmaterialien und keine technologischen Vorbereitungen für eine Viren-Epidemie? Warum haben wir es zugelassen, dass wir bei enorm „systemrelevanten“ Teilen der materiellen Produktion in eine Situation der Abhängigkeit gekommen sind – bei Medikamenten, bei medizinischer Schutzausrüstung, bei Rohstoffen zur Pharmaproduktion? Warum gab es keine Übungen, keine Handlungsroutinen für die Sektoren, die vorhersehbar die gefährdetsten sein würden? Warum haben wir keine Tracking-Apps entwickelt, während die Gesellschaften Ostasiens diese in kürzester Zeit zur Anwendung bringen konnten? Die jetzt gelungene Brachial-Eindämmung der Epidemie durch Lockdowns ist ein Pyrrhussieg. Er hat enorme Kosten verursacht, die bei besserer Vorbereitung mit Sicherheit geringer ausgefallen wären. Politik und Verwaltungen in ganz Europa müssen erklären, wie das passieren konnte – und wie wir derartiges für die Zukunft vermeiden. 

Im Moment scheinen die Gesellschaften Europas jedoch noch nicht in der Stimmung zu sein, solche Fragen ernsthaft zu diskutieren. Es überwiegt die Erleichterung, das Schlimmste hinter sich zu haben. Diese kritische Debatte wird aber die Gesellschaft, werden die BürgerInnen selbst erzwingen müssen. Es wäre naiv, von den Handelnden zu erwarten, dass sie sie selbst beginnen. Sie werden das Getane als, was sonst, „alternativlos“ schildern, die Krise als unvorhersehbar. Aber war sie das wirklich?


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Corona & Society: Nachdenken über die Krise
Was können Gesellschaft und Politik programmatisch-konzeptionell aus der Krise lernen?

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Keine Revolution, aber Lernprozesse

Natürlich wird man gesellschaftlich und politisch aus den Ereignissen der letzten Monate Konsequenzen ziehen. Es wird in Verwaltung, Wirtschaft und Infektionsschutz kollektive Lernprozesse geben. Das gilt ebenso für die Politik: Die Dogmen des Neoliberalismus, sein Marktglaube und Staatsskeptizismus, sind schon seit der Finanzkrise kaum mehr gesellschaftsfähig. Der Wert eines handlungsfähigen Staates und eines funktionierenden öffentlichen Sektors hat sich in der Coronakrise und in der Bewältigung ihrer Konsequenzen eindrücklich gezeigt. Die politische Stimmungslage der westlichen Gesellschaften wird sich, so ist zu vermuten, verstärkt in diese Richtung bewegen. 

Was mit großer Wahrscheinlichkeit ausbleiben wird, ist die große sozial-ökologische Wende.

Was aber mit großer Wahrscheinlichkeit ausbleiben wird, ist die große sozial-ökologische Wende. Diese Hoffnung hat sich bereits nach der Finanzkrise nicht erfüllt. Vieles spricht dafür, dass es sich dieses Mal ebenso verhalten wird. Es ist ein bisschen irritierend zu sehen, wie sich im progressiven Lager immer mehr eine Art Krisen-Millenarismus etabliert. Die katalysierende Wirkung der Katastrophe soll endlich politische Durchbrüche erzwingen, für die sich im Normalbetrieb der repräsentativen Demokratie keine Mehrheiten organisieren lassen. Dieses Hoffen auf die große Zäsur zeigte sich in der Finanzkrise (das Ende des Neoliberalismus und die Renaissance der Sozialdemokratie), bei Fukushima (Ende der Kernenergie) und nun wieder.

Natürlich steckt ein politisches Steuerungspotential in den enormen finanziellen Mitteln, die die Politik nun bereitstellen wird, um die Folgen der Epidemie (und ihrer Bekämpfung) zu überwinden. Und selbstverständlich ist zu wünschen, dass diese Steuerungssignale in Richtung sozialer und ökologischer Politik gesetzt werden. Aber die Erwartungen sollten nicht zu hochgeschraubt werden. Der Sinn dieser Mittel ist nicht mittel- und langfristige Strukturpolitik, sondern das Hier und Jetzt: Die rasche, möglichst sofortige Ankurbelung der Wirtschaft, das Überleben von Firmen und Arbeitsplätzen, die Abfederung sozialer Folgekosten der anstehenden Rezession. Dieses Geld wird in die Bewahrung und Wiederbelebung von Existierendem gehen müssen, nicht in dessen Überwindung. Der Sinn einer staatlichen Beteiligung an Fluggesellschaften ist nicht, dass deren Flugzeuge danach möglichst lange am Boden bleiben, sondern dass sie möglichst bald wieder fliegen. Wer anderes erwartet, macht sich Illusionen. Die Corona-Krise wird die Welt nicht umwälzen, sondern lediglich einige bereits vorhandene Trends beschleunigen. Für linke und ökologische Politik liegt darin eine Chance. Mehr aber auch nicht.