Wir in den Medien Debattenbeitrag

Ist das noch Wissenschaft – oder kann das weg?



Renommierte Forscher legen dar, welche überkommenen Theorien den Fortschritt in Wissenschaft und Gesellschaft blockieren.


Welche wissenschaftliche Idee ist reif für die Rente? Mit dieser Frage wandte sich das Online-Wissenschaftsmagazin Edge.org im Jahr 2014 an seine Leser und Autoren. Das Ergebnis ist ein Sammelband von fast 600 Seiten mit dem schön martia­lischen Titel This Idea Must Die. Darin präsentieren die Autoren mehr als 150 Ideen, die den wissenschaftlichen Fortschritt blockieren und deshalb „sterben“ sollten. Hinfällig wären demnach unter anderem das Universum und die Unendlichkeit, die menschliche Natur ebenso wie der Urvogel, das Selbst, der freie Wille und der gesunde Menschenverstand (common sense), der Intelligenzquotient, die Universalgrammatik, Big Data, das Mooresche Gesetz, künstliche Intelligenz und die Kultur. Manche dieser Ideen werden gleich von zwei oder drei Autoren ins wissenschaftliche Jenseits befördert. Für unzeitgemäß befanden die Autoren zudem allumfassende und altehrwürdige Ideen wie die von Ursache und Wirkung, andererseits neuere Entwicklungen wie die, die Vergabe von Fördergeldern in der Wissenschaft von peer reviews abhängig zu machen. Ausgemistet wird in den Naturwissenschaften genauso wie in den Sozial- und Kulturwissenschaften. In erster Linie blockieren die diskutierten Ideen den Autoren zufolge den wissenschaftlichen, in vielen Fällen aber auch den politischen Fortschritt.

So will der Biodiversitätsexperte Stuart Pimm den ungezügelten wissenschaftlichen und technologischen Optimismus abschaffen, denn dieser erhöhe die gesellschaftliche Risikoneigung in unverantwortlicher Weise: „Wenn die Wissenschaft verspricht, dass sie alles wieder hinbekommt – warum sollte man sich dann Sorgen machen, ob etwas kaputt geht?” Mithilfe von Fracking werden wir den Übergang zu nachhaltigen Technologien schaffen? Für Pimm eine Wette mit desaströsen Konsequenzen für den Planeten. Das Artensterben ist halb so schlimm, solange wir DNA konservieren können (man denke an Jurassic Park)? Für Pimm eine klare Form von Größenwahn. Clevere technische Lösungen werden nicht reichen, um die Welt zu retten.

Handabdruck statt Fußabdruck

Der Psychologe Daniel Goleman sorgt sich ebenfalls um die Zukunft des Planeten und will die Idee des so genannten Kohlendioxid-Fußabdrucks (carbon footprint) durch die Idee eines „Handabdrucks“ ersetzen. Zwar sei die ursprüngliche Intention des Fußabdrucks, Transparenz herzustellen, gut gemeint, psychologisch jedoch eine Fehlkons­truktion, weil sie auf die negativen Umwelteffekte abstellt. In der Konsequenz verhindert dieses Konzept notwendige Verhaltensänderungen, statt sie zu unterstützen. Mit dem Handabdruck wird die Logik umgekehrt: Je größer dein Handabdruck, desto stärker reduzierst du deinen negativen Einfluss auf den Planeten. Ist dein Handabdruck sogar größer als dein Fußabdruck, tust Du sogar etwas für den Erhalt des Planeten. Ein positiver Ansatz wird die Leute nach Golemans Überzeugung eher dazu motivieren, auf dieses Ziel hinzuarbeiten.

Platons tote Hand

Bei anderen Ideen ist der Bezug zwischen wissenschaftlichem und politischem Fortschritt weniger direkt. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins kritisiert den auf Platon zurückgehenden Essentialismus, weil er den Fortschritt in der Naturwissenschaft blockiert habe und noch immer behindere: Wenn man alle Kaninchen aus Fleisch und Blut nur als imperfekte Annäherungen an das platonische Ideal eines Kaninchens betrachtet, könne man nicht darauf kommen, dass die lebenden Kaninchen von Tieren abstammen könnten, die keine Kaninchen waren. Aber auch in gesellschaftspolitischen Fragen hebe der Essentialismus sein hässliches Haupt. Die Mehrheit der „Afro-Amerikaner“ sei gemischter Abstammung – aber offizielle US-Formulare zwingen jeden, ein und nur ein Kästchen bei „Rasse“ anzukreuzen; ein Dazwischen gebe es nicht. Debatten über Abtreibung, Tierrechte und Sterbehilfe würden ebenfalls unter „Platons toter Hand“ verkümmern. Der essentialistische Geist fordere starre Definitionen – etwa um bestimmen zu können, ab wann ein Fötus zum Menschen werde. Wenn man bedenkt, dass es keinen Tag gibt, an dem eine Person plötzlich „alt“ wird, ergibt eine solche Sichtweise tatsächlich keinen Sinn. Selbst im „grotesken“ Electoral-College-System der Vereinigten Staaten zeige sich der verheerende Einfluss des Essentialismus, wenn die Stimmen der 29 Wahlmänner in Florida entweder komplett an den republikanischen oder komplett an den demokratischen Präsidentschaftskandidaten gehen, auch wenn es bei den Wählerstimmen ein Kopf-an-Kopf-Rennen gibt. Dawkins Urteil: Der Essentialismus ist nicht nur wissenschaftlich konfus, sondern moralisch schädlich. Deswegen gehöre er abgeschafft.

Diese Beispiele lassen erahnen, dass es eine ziemlich bunte Sammlung an wissenschaftlichem „Sperrmüll“ ist, die Edge-Herausgeber John Brockman auf seine Aufforderung hin vor die Tür gekippt wurde. Genau darin besteht der Spaß: mal das eine oder andere Teil herausziehen, begutachten, sich fragen, was das sein soll, ob man damit noch was anfangen könnte, wie man es abtransportieren könnte. So ein Sammelsurium liest man nicht von A bis Z, sondern man pickt mal hier und guckt mal da. Man muss auch nicht alles verstehen und sortieren können. Eine Essay-Sammlung ist kein Lehrbuch. Man muss nicht Astrophysik studiert haben, um sich über Sätze freuen zu können, wie sie der MIT-Professor für Quantenmechanik Seth Lloyd schreibt: „Where would the universe retire to? Florida isn’t big enough.“ Oder: „After a two-millenium run, the universe as observable cosmos is kaput.“

Brockmans Offenheit als Herausgeber zeigt sich darin, dass er zwei Beiträge abgedruckt hat, die seine Fragestellung infrage stellen. Der Ökonom Richard H. Thaler plädiert dafür, falsche Theorien nicht wegzuwerfen, sondern sie einfach nicht als wahr zu behandeln. Zu dem gleichen Ergebnis kommt der Autor Ian McEwan. Er warnt emphatisch: Seid nicht arrogant, schickt nichts in Rente! Wahrheit sei nicht der einzige Maßstab, denn es gebe Möglichkeiten, falsch zu liegen, die anderen dabei helfen, richtig zu liegen. Man wisse nie, wann man eine alte Idee noch einmal gebrauchen könne.

Welche politischen Ideen können weg?

Seit mehr als zehn Jahren stellt Edge.org seine „Jahresfragen“ und veröffentlicht ausgewählte Antworten als Sammelband. Dies erinnert an die alte Praxis der Preisfragen wissenschaftlicher Akademien, der wir mehrere Werke Immanuel Kants verdanken ebenso wie Jean-Jacques Rousseaus Diskurs über die Ungleichheit unter den Menschen. Auch dieser Band präsentiert unterhaltsame akademische Gedankenspiele mit ernstem Hintergrund, die zum Nachdenken und zu eigenen Gedankenspielen anregen: Welche Antworten würde man wohl auf die Frage erhalten, welche politischen Ideen „sterben“ müssen, weil sie dem politischen Fortschritt im Weg stehen? Was für Essays würden die Leser und Autoren der Berliner Republik einschicken? Welche Konzepte müssten sich aufs Altenteil zurückziehen? Würde sich jemand trauen, „Freiheit“, „Gleichheit“ oder „Sicherheit“ zu nominieren? «

John Brockmann (Hrsg.), This Idea Must Die: Scientific Theories That Are Blocking Progress, New York: Harper Perennial 2015, 592 Seiten, 12,95 Euro


Dieser Artikel erschien zuerst in der Berliner Republik 3+4/15.