Zukunft der Demokratie Debattenbeitrag

Gelegenheit macht Erfolge – Migranten benötigen mehr Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg



Nach wie vor ist der soziale Aufstieg für Migranten in Deutschland ein steiniger Weg, der zu selten gelingt. Dabei sind Migranten im Grunde Pioniere, vor allem dann, wenn sie die Entscheidung, ihre Heimat zu verlassen, freiwillig getroffen haben. Sie wagen einen Aufbruch in die Fremde, oftmals ohne Kenntnis der Sprache oder der kulturellen Umgangsformen. Sie bringen den Mut auf, ihrer gewohnten Umgebung den Rücken zu kehren und an einem anderen Ort neu anzufangen. Sie erwarten etwas von ihrem Leben, etwas, das besser sein soll als die Umstände, die sie verlassen, und sie sind bereit, dafür viel zu investieren.


Es ist dieser Pioniergeist und der Wunsch, Klassenschranken zu durchbrechen, die den dynamischen Wesenszug von Wanderungsbewegungen der Moderne ausmachen. Befragt man heute erfolgreiche Deutsch-Türken oder Deutsch-Vietnamesen nach dem Motor ihres Aufstiegs, so verweisen diese meist auf den Traum ihrer Eltern von einem besseren Leben. Dass eine solche Familienkonstellation einiges an Konfliktstoff mit sich bringt, kann man sich vorstellen. Nicht alle Einwandererkinder sind den hohen Erwartungen gewachsen. Gleichwohl birgt der unverhohlene Wunsch nach sozialer Mobilität eine enorme Energie, die hilft, sichtbare und unsichtbare Grenzen zwischen den Gesellschaftsschichten zu überwinden.

Gefühle der Ohnmacht und ungenutztes Potenzial

„Politik muss es schaffen, die Aufstiegsmotivation der Bürger offen zu halten, weil eine Gesellschaft, die den Glauben an den Aufstieg verloren hat, kaputtgeht“, sagte der Soziologe Heinz Bude kürzlich im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Und in der Tat, zeigt sich in den großen deutschen Städten eine lähmende Lethargie vor allem bei der Einwandererjugend. Gefühle der Ohnmacht, der Nutzlosigkeit und des Ausgeschlossenseins machen sich seit längerem breit. Die Statistik liefert zu diesem Bild die harten Fakten: hohe Arbeitslosigkeit, hohe Schulabbrecherquoten und eine geringe Ausbildungsbeteiligung unter Migrantinnen und Migranten. Ist hier der Glaube an den sozialen Aufstieg bereits verloren gegangen? Augenscheinlich und nach Lage der Daten spricht vieles dafür. Gleichwohl sind Zweifel an einem vorschnellen Abschreiben der Leistungsmotivation junger Migrantinnen und Migranten angebracht.

Gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten genießen Einwanderer keinen großen Kredit, das ohnehin geringe Vertrauen in die Stärken und das Potential der Migration ist noch schneller aufgebraucht. Der heute oft zu beobachtende Reflex einer pauschalen Stigmatisierung der Einwandererbevölkerung als leistungsunwillig, unproduktiv und nicht anpassungsbereit ist ebenso bekannt wie wenig originell. Ganz abgesehen von dem chauvinistischen Unterton, der sich hier einschleicht, wird einmal mehr die intrinsische Motivation der allermeisten Migrationsentscheidungen in ihr Gegenteil verdreht. Auch wenn sich das Klischee hartnäckig hält: Migranten verlassen in den seltensten Fällen ihre Heimat, um dem neuen Staat auf der Tasche zu liegen. Im Gegenteil, der größte Teil möchte durch harte Arbeit und die Investition in die Köpfe der Kinder die engen Grenzen der eigenen sozialen Herkunft überwinden. Dass hierfür enorme Leistungen notwendig sind, versteht sich für die überwiegende Mehrheit von selbst. Schließlich haben viele Einwanderer der ersten Generation ihre Gesundheit für einen Traum von einem besseren Leben aufs Spiel gesetzt. Sie haben ein entbehrungsreiches Leben auf sich genommen, um ihren Kindern einen Aufstieg zu ermöglichen. Ihre Lebenseinstellung gleicht eher dem der calvinistischen Kleinunternehmer aus dem 17. Jahrhundert, die für Max Weber Wegbereiter eines sich ausbreitenden und höchst erfolgreichen Geistes des Kapitalismus waren.

Die Energie und Leistungsbereitschaft, die aus der Migrationserfahrung resultiert, ist in den letzten 50 Jahren in Deutschland systematisch verkannt worden. Es fehlte bislang die Phantasie – und vielleicht die Großzügigkeit – Integration nicht als Reparaturwerkstatt, sondern als die Eröffnung von Möglichkeiten zu denken. Dabei haben die klassischen Einwanderungsländer wie die USA, Kanada und Australien ihre Gründungsmythen auf der Idee der Überwindung von Klassengrenzen durch Migration gebaut. Was in diesen Ländern selbstverständlich scheint, wird hierzulande noch zu wenig erkannt.

Perspektivenwechsel in der Integrationspolitik

Was heißt das für eine moderne Integrationspolitik? Sie sollte sich verabschieden von der Fixierung auf das Beheben von Defiziten. Vielmehr muss sie den Blick umkehren, von der Zukunft her denken und den Rahmen für Gelegenheiten zur Bewährung und zu entlohnter Leistung setzen. Sie muss glaubhaft machen, dass die Investition in die Zukunft der Kinder der Mühe wert ist.

Die Zeit ist günstig für einen solchen Perspektiven- und Politikwechsel. Der demographische Wandel schlägt bereits durch, viele Firmen können ihre freien Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen. Was liegt da näher, als anstatt abstrakte Erwartungen zu formulieren, in Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Verwaltung konkrete Angebote zu machen. Dies geht aber nicht von alleine. Es erfordert Reformwillen in Schulen und Betrieben und eine glaubhafte direkte Ansprache von Jugendlichen aus Einwandererfamilien. So viel Vertrauen muss sein. Große Firmen und kommunale Arbeitgeber suchen bereits jetzt gezielt nach Auszubildenden mit Migrationshintergrund wegen ihrer spezifischen Kompetenzen, die meisten von ihnen nehmen die Herausforderung zur Bewährung an.