Progressive Mehrheit Debattenbeitrag Rezension

Freiraum für die Zukunft – das letzte Buch von Tony Judt



Im Jahr 2010 hat Tony Judt mit seinem Buch „Ill Fares the Land“ ein fulminantes Plädoyer für die soziale Demokratie geschrieben. In Deutschland erscheint nun in diesen Wochen unter dem Titel „Dem Land geht es schlecht“eine deutsche Übersetzung. Diese kurze und sehr zugängliche Schrift hat es in sich. Judt, einer der renommiertesten zeitgenoessischen Historiker, analysiert die Hintergründe unseres heutigen Gesellschaftsmodells und ist damit richtungsweisend in Zeiten von großen und europäischen Transformationen.


Dieser Beitrag soll den Blick auf neue, bisher vernachlässigte, Aspekte lenken. Entgegen dem Grundtenor der Debatte, ist Judts Buch als vorwärtsgerichtete und befähigende Schrift zu verstehen! Es gibt jenen Werkzeuge in die Hand, die sich um die Zukunft unserer Gesellschaft sorgen.

Judt wird oft als nostalgischer Gegenwartsverweigerer, der „uniformierten Postboten“ und „ordentlichen Bahnhoefen“ nachtrauert, karikiert. Es stellt sich also zu allererst die Frage nach der Bedeutung der Geschichte in diesem Buch. Wie kommt Judt dazu, ihr in einem Werk, das ausdruecklich fuer die jungen Generationen geschrieben ist, so viel Raum einzuraeumen? Verbirgt sich mehr dahinter als „nur aus der Geschichte lernen“ zu wollen? Die Antwort lautet: „ja“, weil diesem Buch die Annahme zu Grunde liegt, dass Geschichte immer wieder neu geschrieben wird. Dem Land Geht Es Schlecht ist in wesentlichen Punkten (Wieder-)Erzählung der Geschichte. Eine Erzählung aus der Gegenwart heraus in die Vergangenheit hinein. Dabei geht es nicht nur darum, sich der Geschichte bewusst zu werden, sondern Judt verfolgt explizit eine Geschichtsschreibung, die sich der überaus erfolgreichen Um-Schreibung der Geschichte in den vergangenen Jahrzehnten entgegensetzt. Damit ist vor allem auch die Umschreibung gemeint, die im Gefolge des Siegeszugs von ökonomischen Theorien, wie dem Monetarismus und angebotsorientierten Ansaetzen seit Ende der 70er bis Anfang der 90er Jahre, eingetreten ist. Aus dem „Versorgungs“-Staat wird nun wieder der Sozialstaat, der nicht gegen selbstinteressierte Individuen gerichtet ist, sondern aus einem Gemeinschaftsverständnis heraus getragen wird. Dieses Verständnis hat zu einer allgemein wohlhabenden Gesellschaft geführt, wie sie es bis dato nicht gab und entgegen der gängigen Meinung nicht Hindernis für Wachstum und Wohlstand war, sondern ihr wesentlicher Bestandteil. Judt rückt zurecht, was ver-rückt wurde.

Schon in diesem Licht dürfte das Unbehagen, das Judts „Lobpreis“ auf den Sozialstaat bei manchen auslöst, relativiert erscheinen. Dennoch wird die „rueckwaertsgewandte Sozialdemokratie der Angst“, die oft herausgelesen wird, als wenig geeignet empfunden, die Sozialdemokratie „fit für die Zukunft“ zu machen. Auch wenn dies seine Berechtigung haben mag, kann es nicht ueber Judts emanzipatorisches Anliegen hinweg taeuschen. Denn das Gegenteil ist der Fall. Sein Buch ist eine Anleitung zum kritischen Denken, das hinterfragt, was sich in unserer Zeit zu scheinbar universellen Wahrheiten entwickelt hat. Wenn auch gewisse ökonomische Theorien längst in den Wirtschaftsfakultäten Amerikas überholt sind oder dort erst gar nie angekommen waren, so sind viele Ansichten, die man hier vielleicht unter dem Sammelbegriff „Neoliberalismus“ unzureichend zusammenfassen kann, in zahllose Bereiche des gesellschaftlichen Lebens vorgedrungen. Judts Arbeit wird zur Detektivarbeit, indem er der Geschichtslosigkeit seines Objektes Jahrzehnte und Jahrhunderte entgegen zu setzen weiss. Er entlarvt die Ansicht, dass sich der Neoliberalismus auf ein eng ökonomisches Feld beschränke, als Farce und deckt die Verschränkungen mit dem Politischen und Sozialen unerbittlich auf. Dies ist der allererste Schritt dahin, Möglichkeiten und Optionen fuer viele Fragen unserer Zeit zu eröffnen. Es ist eine befreiende Lektüre in einer Welt, die der vermeintlichen „Alternativlosigkeit“ erlegen ist.

Der Sozialstaat, wie wir ihn kennen, und für den Judt schreibt, beruht auf einem Menschenbild, das überaus positiv und vorwärtsgewandt ist. Dabei spielt die soziale Dimension des Menschsein eine wesentliche Rolle. Der Mensch wird nicht als selbstzentriertes Individuum begriffen, das, nach Robert Lucas, stets seinen eigenen materiellen Nutzen maximiert, sondern als Teil eines Kollektivs, das mit anderen mitfühlt – um wie Judt Adam Smith zu zitieren. Dies führt dazu, dass wir Politiken plötzlich wieder in einem Optionsraum begreifen koennen, die zuvor fast schon die Gueltigkeit von Naturgesetzen fuer sich in Anspruch nehmen konnten. Judts Buch ruft dazu auf, das Wort zu ergreifen, wo es lange schlicht keine Diskussion gab. Begrüßenswert ist das auch in Deutschland, wo die von Judt beschriebenen Veränderungen in der Bildungslandschaft – um nur ein Thema herauszugreifen – unuebersehbar sind. Hierzulande scheint mittlerweile jede größere Kreisstadt ihre eigene Business School zu haben. Und das in einem Land, in dem sich in kein Studienfach mehr Studenten einschreiben als in Betriebswirtschaftslehre (BWL), und in dem Universitätsprofessoren ganz unverblümt zugeben, dass man das Fach aus instrumentellen Gruenden, also wegen eines „hohen Gehalts“ wähle, und man sich besser nicht kritisch mit irgendwelchen Theorien auseinandersetze (Alfred Kieser im Spiegel Interview, 02.11.2010). Gleichzeitig bestätigen sich Judts Argumente der selbsterfüllenden Prophezeiung, wenn festgestellt wird, dass BWL-Studenten tendenziell opportunistischer sind als andere Studenten (ibid.).

Auch wenn Judt gegen diese und weitere Formen der institutionalisierten Alternativlosigkeit anschreibt, so scheint er doch einigen wichtigen Fragen aus dem Weg zu gehen. Vor allem Fragen, die aus dem Spannungsfeld zwischen Individuum und Kollektiv heraus enstehen, verklingen im Raum. Auf der einen Seite scheint es möglich, beides zu kombinieren, wenn er Sozialdemokraten als kulturell und religiös liberal beschreibt, die sich gleichzeitig für kollektives Handeln im Sinne des Allgemeinguts einsetzen. Auf der anderen Seite scheint er ein Verständnis von Gemeinschaft und daraus resultierender Solidarität zu haben, das auf Homogenität beruht; in anderen Worten: je kleiner die Unterschiede, umso solidarischer die Gesellschaft, weil man sich dann am einfachsten im Mitmenschen wiedererkennen kann. Als Beispiel werden skandinavische Länder aufgeführt und auch Deutschland. Wer würde aber am Ende des 19. Jahrhunderts, auf das die Ursprünge des Sozialstaates in moderner Form zurueckzuführen sind, von einem „homogenen Deutschland“ sprechen? Judt spricht von Homogenität, als ob es sie natuerlich gäbe und dabei scheint er Vielfalt als sozial konstruiert zu begreifen, wenn er von den Schwarzen-, Studenten-, Frauen- und Schwulen-Bewegungen schreibt. Eine solche Darstellung ist krass vereinfachend. Problematisch wird sie spätestens dann, wenn entwurzeltes Weltbürgertum recht und gut für Intellektuelle sei, nicht aber für die „meisten“ Menschen.

Dies scheint auch gerade vor dem Hintergrund Europas problematisch. Man stellt sich die Frage, in wie weit Judt Solidarität und das Soziale mit dem Nationalstaat und seinen Grenzen gleichsetzt. Transfers innerhalb Europas finden statt, so der Autor, weil der holländische Dockarbeiter nicht verstehe, dass er im Grunde genommen portugiesische Fischer subventioniere. Hier hätte man sich einen Beitrag gewünscht, der Solidarität aus Vielfalt heraus begründet hätte; ein Beitrag, der den Menschen an sich – anstatt vergänglicher Formen der sozialen Organisation – als Ursprung für Solidarität begriffen hätte. Dies könnte eine fruchtbare Basis bilden, um auf die gegenwärtigen europäischen Fragen eine Antwort zu finden. Eine verstärkte Form der Zusammenarbeit muss sowohl in Form als auch in Inhalt den Menschen in ihren Mittelpunkt stellen. Das bedeutet, die Menschen Europas verstärkt an Entscheidungen zum Beispiel durch das Europäische Parlament zu beteiligen. Und es bedeutet eine Umkehrung der Ordnung zwischen wirtschaftlichen und sozialen Aspekten auf europäischer Ebene. Dabei kann die Vielfalt, die unseren Kontinenten auszeichnet, bewahrt werden und gleichzeitig auf das universelle Verständnis zwischen den Menschen gebaut werden. Dann wird klar, dass nationalstaatliche Grenzen der Solidarität nicht naturgemäß innewohnen, sondern Solidarität als Basis für eine neue Form des europäischen Zusammenlebens dienen kann.

Judts dünne Ausführungen zu diesen Fragen liegen darin begründet, dass seinem Buch ein anderer Ansatz zu Grunde liegt. Judt schreibt gegen eine Geschichtsschreibung, die wie er findet, die wesentlichen Lektionen des vergangenen Jahrhunderts schlicht nicht verstanden hat. Das Schöne an diesem Buch ist, dass der Autor vom Jetzt in die Vergangenheit zurückschreibt. Das Geschehene wird dadurch zum Gewebe, aus dem die Zukunft gemacht sein wird. In dieser überaus erfolgreichen Anstrengung gibt Judt uns eine Sprache zurück, die uns Freiraum für die Zukunft schafft. Und falls dieses Buch nicht zu dem erhofften Wandel beitragen sollte, so bleibt dem Leser doch der Gewinn, der durch das Erkennen des Freiraums an sich schon entsteht.