Rezension

Fast zu schön, um wahr zu sein



Der Briefwechsel zwischen Willy Brandt und Günter Grass ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Verbindung von Macht und Geist


Das waren noch Zeiten, als Gedichte mit dem Vers „Ich rat Euch, Es-Pe-De zu wählen!“ endeten und ein angriffslustiger Hahn diesen Slogan zehntausendfach in die Wahlkämpfe hineinkrähte. Heute konstatiert Ursula März in der Zeit dagegen „still ruht der See“ und beobachtet eine weitgehende Abstinenz der Schriftsteller und Intellektuellen im Bundestagswahlkampf 2013. Nur einer gibt nicht auf und trommelt auch heute noch – oder vielleicht besser: nun wieder – für die SPD: Günter Grass, der Schöpfer des Gedichts aus dem Jahr 1965 und Zeichner des berühmt gewordenen Hahns.

Wie leidenschaftlich und erfolgreich Grass’ jahrzehntelanger Einsatz für die SPD und ihren langjährigen Parteivorsitzenden Willy Brandt gewesen ist, offenbart nun ein über 1 000 Seiten dickes Buch, das erstmals alle zwischen den beiden Nobelpreisträgern gewechselten Briefe, Karten und Schriftstücke versammelt. Genau 288 sind es zwischen 1964 und 1992, und es überrascht wohl kaum, dass die meisten von Grass stammen. Brandt war in dieser Zeit nichts weniger als Regierender Bürgermeister von Berlin, Außenminister sowie Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und verfasste nur ein knappes Viertel der Schriftwechsel.

Warnung vor der Großen Koalition

Dabei beginnt der Kontakt im März 1964 mit einer Verstimmung. Aber der erste Brief, den Grass schließlich ein Jahr später direkt an Brandt richtet, bricht das Eis. Martin Kölbel, der kundige Herausgeber des Briefwechsels, nennt ihn sogar einen „geschichtsträchtigen“. Denn: „Ihm verdankt das Wahlkontor deutscher Schriftsteller seine Gründung.“ Tatsächlich beginnt in diesen Wochen eine Zusammenarbeit zwischen einem Schriftsteller und einem Politiker, die es so bis heute nie wieder gegeben hat. Grass hat mehr als vierzig Jahre lang immer wieder – auch – für die SPD geworben, manchmal mit Bauchschmerzen, manchmal nur kopfschüttelnd. Ohne seine enge Bindung, ja seine Verehrung für Willy Brandt wäre eine solche Unterstützung nicht denkbar gewesen.

Die anfangs noch geschäftsmäßigen Briefe werden zunehmend vertrauter. In einem langen und kritischen Brief unmittelbar vor dem Abschluss der Großen Koalition im November 1966 warnt Grass den „lieben Willy Brandt“ eindringlich vor den Folgen eines solchen Bündnisses, vor einer „lähmenden Resignation“. Brandt verteidigt den Schritt der SPD, nicht ohne sich für die „Offenheit und Verbundenheit, die wir uns erhalten sollten“, zu bedanken. Grass bleibt ein kritischer Begleiter der Politik der SPD in der Koalition mit der CDU und spart nicht mit Ratschlägen an den Außenminister und Parteivorsitzenden. Dieser scheint Grass’ Rat durchaus zu schätzen. Im Januar 1968 geht man schließlich zum vertrauten „Du“ über, wie ein Grass-Brief zeigt: „Ich will unser frischgebackenes Du in einem ersten Brief erproben.“

Nicht nur die Frequenz ihrer Briefe, sondern auch die Anzahl der persönlichen Begegnungen (die der Band durch schöne Fotos von privaten und öffentlichen Treffen sowie gemeinsamen Reisen eindrucksvoll dokumentiert) erreicht ihren Höhepunkt in den Jahren der Kanzlerschaft Brandts zwischen 1969 und 1974. Man übertreibt nicht, wenn man Grass in dieser Zeit zu den wichtigen Ratgebern des sozialdemokratischen Kanzlers zählt.

Grass sah Brandt »nahezu als Vater«

Da nicht nur in dieser intensiven Phase auch der Austausch von Privatem weit über die üblichen Glückwunschfloskeln hinausgeht, tastet sich der Herausgeber zwar vorsichtig, aber doch überzeugend an den Begriff der „Freundschaft“ als Beschreibung ihres Verhältnisses heran. Es war eine kritische Freundschaft, in der Irritationen auf beiden Seiten nicht ausblieben. Vielleicht trifft es, was Grass 1992 in einem Nachruf auf den verstorbenen Freund geschrieben hat: „Kritik nahm er auf als Beweis sachlich angetragener Freundschaft.“ Wie fasziniert der literarische Querdenker Grass vom Politiker und Menschen Brandt war, zeigt sehr schön ein Brief vom September 1967. „So unumwunden bewundere ich Sie nahezu als Vater“, schreibt dort der 40-jährige Autor etwas metaphorisch dem 14 Jahre älteren Bundesaußenminister. Diese Bewunderung führte zwei Jahre später zu Engagement, ja zu Leidenschaft. Die maßgeblich von Grass initiierte „Sozialdemokratische Wählerinitiative“ und Grass’ legendärer Wahlkampfeinsatz für die SPD und Brandt im Bundestagswahlkampf 1969 füllen inzwischen eigene Bücher. Dieses Engagement wird zusammen mit dem Einsatz von Grass und vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern für die Wiederwahl von Brandt 1972 – „Bürger für Brandt“ lautete ihr Motto – im Briefwechsel und in seinem umfangreichen und akribisch kommentierten Dokumentenanhang noch einmal vor Augen geführt.

Und dann trat Günter Grass auch zurück

Wie viele andere war Grass von Brandts Rücktritt als Kanzler im Mai 1974 geschockt. Sein erster Brief an Brandt nach dessen Demission zeigt einerseits seinen großen Respekt, andererseits aber einen „typischen“ Grass, der auch in dieser Stunde auf die ganz große Geste nicht verzichten mag: „Lieber Willy, erst jetzt … merke ich, wie stark meine politischen Bemühungen während der zurückliegenden Jahre an Dein Bemühen gebunden gewesen sind und wie auch ich nun – nicht etwa reflexhaft, sondern weil mit Deinem Rücktritt der sozialdemokratischen Politik eine für mich unerlässliche Dimension verlorenzugehen droht – gleichfalls zurücktrete.“ Deutschlands Kanzler tritt zurück und Deutschlands Dichter folgt ihm nur Tage später!

Das enge Verhältnis der beiden Protagonisten zeigt sich auch anhand der Auslandsreisen Brandts, zu denen der Bundeskanzler Günter Grass immer wieder einlädt. Natürlich steht hier die Polenreise im Dezember 1970 zur Unterzeichnung der „Warschauer Verträge“ im Mittelpunkt. Zusammen mit Siegfried Lenz, der ebenfalls viele Jahre für die SPD Wahlkämpfe bestritten hat, wird Grass Zeuge von Brandts legendärem Kniefall im ehemaligen Warschauer Ghetto. Und auch während der heiklen Israelreise 1973 ist Grass mit an Bord der Regierungsmaschine. Vielleicht sollten die Kritiker von Grass’ – nicht zu Unrecht – umstrittenem „Israel-Gedicht“ an diesen Stellen doch einmal genau hinsehen: Sie werden dort einen Grass erleben, der sich sehr früh, kämpferisch, aber auch mit Demut der deutschen Schuld in Israel gestellt hat.

Wo sind die flüsternden Dichter heute?

Der Herausgeber nennt den Briefwechsel ein Zeugnis „einer gelingenden Liaison von Macht und Geist“. Liest man, in welchem Maße – von Brandt erbetene – Vorschläge des Dichters in bedeutende Reden des Kanzlers Eingang gefunden haben, kann man dem vorbehaltlos zustimmen. Das beginnt bei Grass’ Mitwirkung an Brandts Stockholmer Friedensnobelpreisrede und findet ihren Höhepunkt bei dessen erster Regierungserklärung 1969. Die berühmte Formel „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ stammt in erheblichem Maße von Grass.

So ist dieses großartige Buchprojekt nicht nur eine gelegentlich sentimentale Reise in eine große Ära sozialdemokratischer Politik, sondern auch ein Anlass für Wehmut: Wo sind die Dichter, die unseren Politikern heute solche Visionen zuflüstern?

Die Hansestadt Lübeck verfügt über großartige Häuser „ihrer“ drei Nobelpreisträger Thomas Mann, Willy Brandt und Günter Grass. Verlässt man das Günter-Grass-Haus in der Glockengießerstraße durch einen Seiteneingang, betritt man einen kleinen Garten. Von hier aus gelangt man unmittelbar in das Willy-Brandt-Haus in der Königstraße und wird dort empfangen von einem großen Foto, das Brandt und Grass zusammen zeigt. (Fast) zu schön, um wahr zu sein.


Martin Kölbel (Hrsg.), Willy Brandt und Günter Grass: Der Briefwechsel, Göttingen: Steidl 2013, 1230 Seiten, 49,80 Euro

Die Rezension erschien zunächst in der Ausgabe 5/2013 des Debattenmagazins Berliner Republik.





Rainer Paasch-Beeck


published on

17. Dezember 2013


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