Europa & die Welt

Europas Produktivitätswachstum sinkt. Wie kann die EU gegensteuern?

Max Neufeind & Christoph Priesmeier im Interview zum Impulspapier "Eine neue Produktivitäts-Strategie für Europa"


Europas Produktivität wächst immer langsamer. Dabei ist sie ein entscheidender Faktor für die Sicherung von Wohlstand. Max Neufeind und Christoph Priesmeier haben die rückläufigen Produktivitätszuwächse in Europa analysiert und fordern umfassende Maßnahmen im Bereich Innovation und Investition. Im Interview fassen sie die zentralen Argumente der Untersuchung zusammen und erläutern, was angesichts der Corona-Pandemie jetzt politisch zu tun ist.


In Eurer Analyse habt Ihr ein systematisches “Produktivitätsproblem” in Europa festgestellt. Das ist eine Schwachstelle der europäischen Wirtschaft und könnte sich im Zuge der Corona-Pandemie als zusätzliche Bürde erweisen: Ist die Stabilität des europäischen Wirtschaftsraums in Gefahr?

Die unterschiedlichen Produktivitätsentwicklungen innerhalb der EU wurden in den letzten Jahren eher unterschwellig wahrgenommen. Im Vordergrund stand die Lösung akuter Probleme, etwa die Stabilisierung einzelner Staaten nach der Finanz- und Eurokrise oder der Brexit.

Auf Dauer gesehen sind es aber strukturelle Faktoren wie spürbar unterschiedliche oder stark divergierende Produktivitätsentwicklungen, die die wirtschaftliche und schließlich auch die politische Stabilität des gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraums belasten.

Eine gemeinsame Geldpolitik kann unterschiedlichen Produktivitätsentwicklungen im Euroraum nicht mit regional unterschiedlichen Zinssätzen begegnen, um die Konvergenz der Lebensverhältnisse zu erhöhen. Fiskalische Transfers können das Problem nur partiell lösen und Anpassungen über die Löhne schwächen das binnenwirtschaftliche Wachstum und bringen erhebliche soziale Kosten mit sich. Das stellt die europäische Wirtschaftspolitik in der aktuellen Krisensituation vor besondere Herausforderungen.

Bei der akuten Krisenbewältigung muss sie die Bewältigung der schon vor der Krise existierende strukturellen Probleme mitdenken. Nur dann ist ein weiterhin stabiler europäischer Wirtschaftsraum gewährleistet, eventuell sogar dynamischer und agiler als vor der Krise.

 

Eine der spannenden Erkenntnisse des Papiers ist die Herausarbeitung, wie sich die Produktivität von Region zu Region in Europa unterscheidet und welche Entwicklung sich über die letzten Jahre abzeichnet. Welche Trends habt Ihr beobachtet?

Es gibt eine enorme regionale Heterogenität innerhalb der EU. Die Arbeitsproduktivität in der Region Luxemburg beträgt beispielsweise fast das zwanzigfache der südbulgarischen Region Yuzhen Tsentralen. Interessant ist aber insbesondere der Blick auf die Entwicklung der regionalen Arbeitsproduktivität der letzten Dekade: Der Mehrzahl südeuropäischer Regionen mit anfänglich niedriger Arbeitsproduktivität ist es nicht gelungen aufzuholen, viele sind sogar weiter zurückgefallen. Gleichzeitig haben es viele osteuropäische Regionen geschafft, ihre zunächst niedrige Arbeitsproduktivität deutlich zu steigern.

Bei den nord- und zentraleuropäischen Regionen, deren Arbeitsproduktivität 2007 mehrheitlich über dem EU-Durchschnitt lag, zeigt sich ein sehr divergentes Bild. Während einige „Superstar-Regionen“ ihre Produktivität deutlich ausbauen konnten, sind andere Regionen zurückgefallen oder verharren. Auch die ehemaligen „Klassenbesten“ haben somit regionale Produktionsprobleme. Diese Erkenntnisse sollte die Grundlage für die Gestaltung einer regional ausgerichteten Produktivitätsstrategie sein.

 

In eurem Impulspapier habt Ihr verschiedene Maßnahmen vorgestellt, beispielsweise in der europäischen Innovations- und Investitionspolitik. Welche davon sollte als erstes umgesetzt werden?

Die akute Krisensituation in Europa erfordert derzeit wirtschaftspolitische Maßnahmen, die insbesondere darauf abzielen, individuelle Risiken staatlich abzusichern und finanzpolitische Handlungsspielräume zu erweitern. Hier leisten die Regierungen vielerorts und die EU als Ganzes momentan Großes. Sollten in einem zweiten Schritt Maßnahmen zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Aktivität in Europa unternommen werden, dann müssen diese Maßnahmen immer auch die Steigerung der Produktivität in allen Regionen Europas zum Ziel haben – sie müssen transformativ wirken.

Im Bereich der Investitionspolitik sollte es vorrangig darum gehen, dass finanzielle Mittel für Zukunftsinvestitionen im Zuge der Krise nicht übermäßig zurückgefahren werden. Das haben wir nach der Finanzkrise gesehen – mit spürbar negativen Folgen etwa für die Digitalisierung und den Umbau der Energieerzeugung in Europa.

Neben der effektiven Nutzung des Haushaltsinstruments für Konvergenz und Wettbewerbsfähigkeit (BICC) spielt hier ein neu zu schaffender europäischen Wiederaufbau-Fonds eine wichtige Rolle. Eine konkrete und regionale Zuordnung der hier zur Verfügung stehenden Mittel für produktivitätssteigernde Investitionsprojekte ist ein Schlüssel für nachhaltiges, regionales Wachstum.

Im Bereich Innovationspolitik ist aus unserer Sicht zentral, über die gesamte Innovations-Kette hinweg – von vielfältiger Grundlagenforschung und gezielter Anwendungsforschung über risikobereite Jungunternehmen als „Pioniere der Marktgängigkeit“ hin zur Diffusion in die Breite des Mittelstandes und der KMU – europäische, auch regional gedachte Ökosysteme zu befördern. Für viele Zukunftstechnologien ist eine solche ganzheitliche Förderung deutlich ausbaufähig.


Das Bild zeigt das Cover des Impulspapiers “Eine neue Produktivitäts-Strategie für Europa".

 

“Eine neue Produktivitäts-Strategie für Europa“

Das Impulspapier von Max Neufeind und Christoph Priesmeier ist eine gemeinsame Veröffentlichung der Bertelsmann Stiftung und des Progressiven Zentrums und der erste Teil der Reihe “Inklusives Wachstum für Europa”.

 

Impulspapier lesen

 


 

Produktivitätswachstum allein macht noch keine bessere Gesellschaft. Wie kann Produktivitätspolitik sozial und ökonomisch nachhaltig gestaltet werden?

Zunächst spiegeln Produktivität und Wachstum durchaus gute soziale Zukunftsperspektiven wider – in dem Maße, in dem sie Verteilungsspielräume entstehen lassen. Gleichzeitig kann eine Politik zur Steigerung von Produktivität nur dann sozial und ökonomisch nachhaltig sein, wenn sie einen Anstieg der Produktivität in der Breite der Bevölkerung bewirkt und diesen nicht allein auf Kosten von Beschäftigungsrückgang erzielt.

Die wirtschaftspolitischen Antworten auf die aktuelle Krise müssen so ausgestaltet sein, dass sie auch die Weichen für eine inklusivere Produktivitätspolitik stellen.

Über die Autoren

 

Max Neufeind ist Referent für Strategie und Digitalen Wandel in der Leitungsabteilung des Bundesministerium der Finanzen, zuvor war er in der Grundsatzabteilung des Bundesministerium für Arbeit und Soziales tätig. Im Progressiven Zentrum begleitete er als Policy Fellow die Projekte DenkraumArbeit und Dialogue on Europe. Aktuell unterstützt er den Programmbereich Strukturwandel. Das Wirtschaftsmagazin Capital zählte ihn in den vergangenen drei Jahren zu den „Top 40 unter 40“ im Bereich „Politik und Staat“.

Christoph Priesmeier ist Referent im Bundesministerium der Finanzen, zuvor war er bei der Deutschen Bundesbank im Zentralbereich Volkswirtschaft tätig.

 


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