Progressive Mehrheit Debattenbeitrag Rezension

Ein Jahr Landgang


Foto: S. Fischer

Nils Minkmar hat Peer Steinbrück ein Jahr lang begleitet und darüber ein Buch geschrieben – einen scharfsinnigen und humorvollen Reisebericht durch die eigentümliche Welt von Politikern und Journalisten, Parteitagen und Wahlkampfritualen.


Vor einem Jahr begann der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Nils Minkmar, den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück auf dessen Reisen und Terminen zu begleiten. Zur selben Zeit trat ich als Mitarbeiter meinen Dienst für den Kandidaten an.

Erst ein knappes Jahr zuvor hatte ich Steinbrück in Boston kennengelernt, wo ich mit ihm auf der U.S.S. Constitution herumklettern und staunen durfte, wie er jedes Seil und jeden Balken auf dem alten Schiff fachmännisch zu benennen wusste. Davor hatte er uns Studenten mit einer schmissigen, frei auf Englisch vorgetragenen Rede auf dem Campus begeistert.

Am Tag, bevor ich bei Steinbrück anfing, erschien das Interview mit dem Kanzlergehalt. Mein erster Tag: ein neues Stimmungstief im Willy-Brandt-Haus. Das Wahlkampf-Jahr, das folgte, fühlte sich für uns Kämpfende an wie ein Uphill Battle, ein Aufwärts-Kampf, jeden Tag aufs Neue.

Nils Minkmar hat dieses Jahr beobachtet und darüber ein Buch geschrieben – einen scharfsinnigen und humorvollen Reisebericht durch die eigentümliche Welt von Politikern und Journalisten, Parteitagen und Wahlkampfritualen. Die mobile „Dialog-Box“, im Willy-Brandt-Haus mit viel Aufwand entwickelt, wird durch Minkmars Linse zu einem „magentafarbenen, mannsgroßen heliumgefüllten Cocktailwürstchen, mit dem die SPD auf sich aufmerksam macht“. Und, so erzählt Minkmar, vor dem allerwichtigsten aller Wahlkampftermine, dem TV-Duell vor 17 Millionen Zuschauern, als der Kleinbus mit Steinbrücks Top-Strategen das Fernsehstudio am tristen Rand von Berlin erreicht, fragt „der Parkplatzwächter, der das Bilderbuchexemplar einer Vokuhila-Frisur trägt: ‚Wollt ihr auch zu The Voice?‘“

Klar, bei der SPD trägt man nicht dieselben schicken Anzüge wie in der TV-Serie The West Wing, Besprechungen finden auch nicht grundsätzlich im Gehen statt und die „demonstrative Kargheit und Biederkeit des Büros Kanzlerkandidat“ hat nichts von der holzgetäfelten Macht-Aura im Fernseh-White House. Doch auch ohne Glamour versprüht Minkmars Bericht viel von der Faszination, vom Rausch des Wahlkampfs, von einer Party, auf der „der Kandidat das Geburtstagskind ist“.

In Bünde hatte Steinbrück Spaß

Genau wie Minkmar ist auch mir diese Freude in lebendiger Erinnerung. Steinbrück hatte Spaß! Spaß an seiner eigenen, so Minkmar, „sehr guten politischen Show“ – besonders dem Unterhaltungs-Feuerwerk der letzten sechs Wochen, unter dem großen roten Zeltdach, dem Minkmar mit seinem Buchtitel alle Ehre macht. Und Spaß an den Begegnungen und Diskussionen mit Hunderten von Menschen in jedem Winkel des Landes. Denn dort fand Steinbrück es doch: das Interesse an seinen Themen. Nie werde ich vergessen, wie mein Chef den SPD-Infostand in Bünde/Westfalen besuchen sollte. Nur wenige Minuten waren eingeplant, doch schon am Beginn der Fußgängerzone blieben die Passanten stehen, sprachen ihn an – auf Euro-Rettung, Steuern, Altenpflege –, so dass sich in Windeseile eine lebhaft debattierende Menschentraube bildete, fast wie man sich die Agora eines antiken Stadtstaats vorstellt. Bis einer sagte: „Aber die Genossen sind doch da vorne“, und die ganze, stetig anwachsende Volksbewegung zum SPD-Stand strömte, wo die kleine Fußgängerzone aus allen Nähten platzte und jemand Steinbrück ein Megafon in die Hand drückte. Schön war das. „Da geht noch was“, dachte ich.

Die Freude endete jäh, jedes Mal, wenn wir aus Worms oder Warnemünde zurück in die Hauptstadt-Blase kamen. Man konnte das an Steinbrück geradezu physisch nachvollziehen: an seinen Mundwinkeln, an Gesichtsausdruck und Körperhaltung. Denn da waren sie wieder, die ewig gleichen Fragen: Die Fettnäpfchen? Die Umfragen? Hatten Sie schon wieder Zoff mit Herrn Gabriel? Schließen Sie das Linksbündnis immer noch aus – oder wie haben wir diesen Halbsatz oder jene Handbewegung zu deuten?

Minkmars politische Analyse folgt den Aufs und Abs des Reisetagebuches. Sie mäandert, wie die Episoden des Wahlkampfs mäanderten. Einige Motive kehren wieder: die Verunsicherung der SPD, die Baldrian-Strategie der Kanzlerin, gipfelnd im „Sie kennen mich“ im Fernsehduell, der Rückzug der Medien ins „rein Symbolische“ und in „Geisterthemen“ (Putzfrau-Debatte, Clown-Debatte, Tränen-Debatte). Den einen, definitiven Grund des Scheiterns gibt Minkmar dem Leser nicht. Am Ende fragt man sich: Hat die SPD die Wähler nun über- oder unterfordert? Hätte Steinbrück mehr auf die Sehnsucht des kleinen Mannes nach alten Sicherheiten setzen („ordentlich bezahlte Arbeit, Fachgeschäfte, gepflegte Grünanlagen“) oder sich auf seine eigentliche Stärke verlegen sollen, „den großen Vortrag vor den Eliten“? Hätte er „einer aufbruchslustigen, … tatendurstigen aber nicht geforderten Bevölkerung“ ein Fortschrittsprojekt bieten oder schlichte Regierungskompetenz demonstrieren sollen? Hätte, hätte, … – Sie wissen schon.

Womöglich trifft Minkmar mit genau dieser Verworrenheit das Lebensgefühl unserer Kampagne am besten. Denn hinter jedem Türspalt, den wir aufstoßen wollten, hinter jedem kleinen Hoffnungsschimmer – ob Mietrecht, Strompreise, Digitalisierung, NSA –, fand sich entweder gähnendes öffentliches Desinteresse, oder eine wendige Kanzlerin wartete schon, oder wir kriegten aus selbstgemachten Gründen die Tür nicht auf.

Auf all dem leuchteten die grellen Scheinwerfer des medialen Zirkus. Minkmar schreibt: „Im Zirkus spielte nur die Performanz eine Rolle, das Tempo, die grobe Komik der immer neuen Pannen und eine möglichst knallige Begleitmusik. Es interessierte aber kaum jemanden, ob die Politik, die er machen würde, vielleicht gewisse Vorzüge hätte gegenüber der jetzigen. Ob sich das Leben der Menschen nicht verbessern würde, in Europa und auch hierzulande, wenn die Nuancen einer weitsichtigeren, sozialeren Politik realisiert würden, danach fragte niemand.“

Die Last von 150 ruhmreichen Jahren

Besonders treffend an dieser Passage ist der Hinweis auf „Nuancen“ und „gewisse Vorzüge“. Denn genau das war eine der Schwierigkeiten der SPD-Kampagne im 150. Jahr der Sozialdemokratie: dass sie „Nuancen“ besserer Politik versprach, Trippelschritte in Richtung Gerechtigkeit. Immer wieder hatte ich während des Wahlkampfes Reden über den 150. Geburtstag zu schreiben, und immer wieder riss mich die Beschäftigung mit unserer Geschichte zu begeisterten Elogen hin. Nicht wenige Kollegen sagten nach der Lektüre dieser Entwürfe: „Ja, ich bin auch stolz, aber trag´ nicht zu dick auf, dagegen wirkt unsere Gegenwart nur umso mickriger.“ Ein Paradox der sozialdemokratischen Geschichte? Je größer die frühen Erfolge – allgemeine Schulpflicht, Frauenwahlrecht, Acht-Stunden-Woche –, desto kleiner wirkten die heutigen Schritte auf dem Weg zum nie ganz erreichbaren Ideal sozialer Gerechtigkeit – wie in einer asymptotischen Funktion. Gegen den Glanz der Geschichte verblassten die heutigen Debatten: Mindestlohn oder Lohnuntergrenze? Solidarrente oder Lebensleistungsrente? Stromsteuer senken oder EEG-Umlage einfrieren? Zu allem Überfluss zielte die gesamte Strategie der Amtsinhaberin darauf ab, diese Nuancen so unmerklich zu machen wie möglich. Und dennoch: Steinbrücks Weg auf der asymptotischen Kurve war der einzig redliche.

Keine Hauskatzen im Wahlprogramm

Den Stil des Reiseberichts verlässt Minkmar nur in den beiden Mittelkapiteln. In Kapitel 7 bittet er die Deutschen auf die Couch und kommt zu einer überraschenden Analyse: Deutschland sei nicht der vor Selbstbewusstsein strotzende Vizeexportweltmeister, sondern eine erschöpfte Gesellschaft „in Zeiten des Burnout“, traumatisiert von Eurokrise, Digitalisierung und den Mythen der Globalisierung („Der Chinese begnügt sich mit Reis und schläft nie“). Entgegen gängigen Analysen sei die Gesellschaft nicht entpolitisiert, sondern so wachsam für Ungerechtigkeiten wie nie zuvor. Die SPD aber, argumentiert Minkmar in Kapitel 8, war unfähig, den Deutschen „etwas anzubieten für diesen immensen Appetit nach Innovation“. Sein Verriss des SPD-Wahlprogramms ist ein stilistisches Feuerwerk: vom Hinweis auf Grammatikfehler, die schon im allerersten Satz beginnen, bis zur Frage, warum das Programm, nachdem es in „Hybris-artigen Sätzen“ so ziemlich alles verspricht, was edel und gerecht ist, ausgerechnet Passagen „gegen Liebeskummer“ oder „das Verschwinden geliebter Hauskatzen“ ausließe. Zurecht vermisst Minkmar die eine „knappe, zauberformelartige Orientierung der gesamten Operation“. Doch ein Wahlprogramm hat eine andere Funktion. Es moderiert die Meinungsbildung einer großen Volkspartei. Die Zuspitzung und Kompassweisung liegt beim Kandidaten. Auch wenn dieser die Zauberformel zugegebenermaßen ebenfalls nicht fand.

Politische Insider-Berichte wie Minkmars Buch sind deshalb spannend, weil die Leser wissen wollen: Was ist dieser Politiker für ein Typ? Dieser Wunsch ist völlig berechtigt, besonders wenn es um den Kanzler geht: Ist er oder sie sympathisch? Und weil diese Frage mit Fakten und Daten nicht zu beantworten ist, tragen Medien eine enorme Verantwortung. Sie machen aus der Begegnung mit dem echten Politiker-Menschen das Abbild des Politiker-Menschen, über das die Wähler ein Urteil fällen.

Minkmar selbst zeichnet ein ausgewogenes Persönlichkeitsbild. Es unterscheidet sich von den im Wahlkampf gängigen journalistischen Urteilen („gierig“, „arrogant“, „cholerisch“). Auch diese Urteile thematisiert Minkmar, etwa wenn er erzählt: „Es gab eine Sendung mit Maybritt Illner, in der sich Steinbrück ohne jede Gegenwehr verprügeln ließ.“ Der Autor belässt es bei dieser lakonischen Feststellung, formuliert dann aber im Fazit des Buches: „Es bleibt ein Staunen über die Filterblasen der Medien.“ Minkmar staunt über den Medienzirkus, aber er bezieht keine Stellung. An dieser Stelle hätte ich mir in einem Buch, das durchweg klug beobachtet, fair auswertet und scharf urteilt, mehr als nur ein Staunen gewünscht.

Mir ist eine besonders bittere Szene der persönlichen Demontage im Magen liegen geblieben. Im Juni trat Steinbrück vor einem Bankenverband auf und hielt, ganz in seinem Element, eine lange, differenzierte Rede. Im Anschluss kam eine Moderatorin für ein kurzes Gespräch auf die Bühne und eröffnete mit der Frage: „Und, meine Damen und Herren, glauben Sie, wir haben eben den nächsten Kanzler gehört?“ Der Saal antwortete, dankbar für die Gelegenheit, mit einem geschlossenen lauten Lachen.

Waren die allerersten Unterstützer von Steinbrücks Kandidatur nicht aus eben dieser Ecke gekommen? „Der einzige Genosse mit Schneid“, „einer, der’s drauf hat“, hatte es aus der Wirtschaft geheißen. Doch als die Kandidatur Wirklichkeit wurde, und mit ihr ein mutiges Wahlprogramm, das die Privilegien des Establishments regulatorisch, steuerlich und bildungspolitisch in Frage stellte, warfen sie die Windmaschine gegen den Kandidaten an. Aus dem Applaus der Wirtschaftslobby war ein gehässiges Lachen geworden.

Er wäre ein großer Kapitän geworden

Der Medienzirkus dieses Wahlkampfs war nicht nur „nutzeroptimierte Unterhaltung“ für ein Publikum, „das in gemütlicher Passivität über eine absurde, bunte Welt staunen“ will, wie Minkmar schreibt. Sondern er war eine Arena von Interessenkonflikten, offenen und weniger offenen. So war die Moderatorin, die bei der Bankentagung die Sottise vorführte, nicht irgendwer, sondern eine Tagesschau-Sprecherin. Die AWO kann sich solche Stars für ihre Tagungen nicht leisten.

Vor wenigen Tagen, beim „Führungstreffen Wirtschaft“ der Süddeutschen Zeitung im Berliner Hotel Adlon, schloss sich der Kreis dieses befremdlichen Schauspiels. Am Ende einer Diskussion mit dem unterlegenen Kanzlerkandidaten ließ Chefredakteur Kurt Kister per Akklamation der versammelten Bosse ausrichten, Steinbrück solle die politische Bühne doch bitte nicht verlassen. Da war er also, zurück, wo er begonnen hatte, so, wie er der Wirtschaftselite gefiel: ein Sozialdemokrat mit Unterhaltungswert, ein guter Redner, ein kluger Volkswirt, aber bitte: nicht im Kanzleramt.

Aufgrund von mächtigen Gegenwinden und aufgrund von eigenen Fehlern blieb Steinbrück, in einer von Minkmars treffenden Analogien, ein „erfahrener Admiral, … der im Landesinneren festsitzt“. Und das, „obwohl er einen Flottenverband auf eine erfolgreiche Mission quer über die sieben Weltmeere führen kann“. Genau! In seinem Element als Kapitän hatte ich Steinbrück auf der U.S.S. Constitution kennengelernt. Mit ihm würde ich nach wie vor über jedes Weltmeer segeln.


 

Diese Rezension erschien zunächst in der Ausgabe 6/2013 des Debattenmagazins Berliner Republik

Hier finden Sie die Gegenansicht von Florian Keisinger.