Leben & Arbeiten Debattenbeitrag

Die Kontrolle der Seilschaft – Warum Politik offene Netzwerke braucht




Freundschaft ist keine politische Kategorie. Sie gehört gemeinhin in den Bereich der Privatsphäre. In modernen Demokratien sind gewählte Repräsentanten in erster Linie ihren Wählern, den Gesetzen, dem besseren Argument und der Vermittlung legitimer Interessen verpflichtet. Freundschaft als intime persönliche Bindung zwischen politisch Handelnden spielt in westlichen Verfassungen keine Rolle, ja kann als Einflussgröße dem verfassungsmäßigen Auftrag politischer Akteure sogar entgegenstehen. In Wirklichkeit jedoch dürften Freundschaften in der Politik mehr Raum einnehmen als in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen.


Zweierlei Freundschaft

Dabei sind mindestens zwei verschiedene Abstufungen von Freundschaft zu unterscheiden: Die nahezu zweckfreie, der Privatsphäre zuzuordnende „wahre Freundschaft“ ist unter politischen Akteuren – wie überall – eher selten. Die weniger intime „nützliche“ freundschaftliche Beziehung hingegen, deren Zweck beständige Loyalitäten sind, hat in der Politik ihren festen Platz.

Dies liegt zum einen in der Arena der Politik selbst begründet. Sie ist von Konflikten geprägt, und politische Akteure müssen mit einem hohen Maß an Unsicherheit umgehen. Politiker rivalisieren um Ämter und Führungspositionen und zugleich stehen sie mit dem politischen Gegner in einem Dauerkonflikt, der über die Medien zusätzlich befeuert wird. Hinzu kommt, dass keine professionellen Standards oder Erfolgskriterien existieren, stattdessen entscheiden die Wähler über die Qualität der politischen Arbeit und über die persönliche Zukunft der Akteure. „Jederzeit kann sich etwas ereignen, was alle bisherigen Kalkulationen umstürzt“, bringt es der Soziologe Rainer Paris auf den Punkt. In einer solchen Umgebung schaffen Freundschaftsbeziehungen Sicherheit.

Zum anderen hat sich in den Parteien – mal mehr, mal weniger – eine „Kultur der Freundschaft“ herausgebildet, die nicht zuletzt in dem Begriff „Parteifreund“ zum Ausdruck kommt. Parteimitglieder fühlen sich miteinander freundschaftlich verbunden, weil sie die gleichen Werte und politischen Ziele verfolgen, sich mit einer Tradition identifizieren oder auf gemeinsame Erlebnisse zurückblicken. Und viele Funktionsträger kennen sich aus den Jugendorganisationen der Parteien, wo zu Beginn ihrer politischen Karrieren nicht-hierarchische, private Beziehungen entstehen konnten.

Wenig anderes symbolisiert die Parteifreundschaft so sehr wie die sozialdemokratische Anrede „Genosse“ und das kollektive „Du“. Wer das Unbehagen junger Parteimitglieder beobachtet hat, die Spitzenpolitiker duzen sollen, der spürt: Hier soll über die Sprache radikal Distanz abgebaut und künstlich Nähe geschaffen werden. Dazu passt, dass Altkanzler Gerhard Schröder auf die Frage, was den Unterschied zwischen CDU und SPD ausmache, geantwortet haben soll: „Wir sind die Netteren.“

Freundschaftliche Beziehungen in der Politik sind durchaus rational. Gegenseitiges Vertrauen ermöglicht das offene Gespräch über Sachverfragen oder den Austausch verlässlicher Informationen – und kann so die Gestaltungsmöglichkeiten der politischen Akteure erhöhen. Umgekehrt festigen freundschaftliche Beziehungen die Bindungswirkungen der Parteiorganisationen und tragen dazu bei, dass die Mitglieder ihre Partei als „politische Heimat“ betrachten. In diesem Sinne ist Freundschaft eine organisationspolitisch zentrale soziale Ressource.

Locals verdrängen Cosmopolitans

Freundschaft kann aber auch ein risk to politics (Evert Van Der Zweerde) sein, schließlich steht sie den Kriterien der Geschlechtergleichheit und Professionalität tendenziell entgegen. Der tiefere Grund dafür liegt in dem exklusiven Charakter der Freundschaft. Vincenz Leuschner kommt, nachdem er mit 18 Bundestagsabgeordneten Interviews über „politische Freundschaften“ geführt hat, zu dem Schluss, dass „männerbündische Formen“ wie Kneipenabende nach wie vor existieren, während weibliche Abgeordnete Frauennetzwerken wenig Bedeutung beimessen. Es ist somit wahrscheinlich, dass der dramatische Frauenmangel in der Politik durch politische Freundschaften zwischen Männern befördert wird – mit durchaus negativen Folgen für die Qualität und den Fokus der politischen Arbeit.

Doch nicht nur kompetente Frauen, auch fachkundige Männer drohen aus der Politik ausgegrenzt zu werden, wenn Freundschaft in Parteien, Fraktionen oder parteinahen Institutionen zur prägenden Größe wird. Die Organisationssoziologie unterscheidet zwischen zwei Expertentypen: den locals und den cosmopolitans. Der local ist eher auf Anerkennung innerhalb der Organisation aus, der cosmopolitan hingegen orientiert sich an einer Fachcommunity und fühlt sich aufgrund seiner Fähigkeiten auf die Organisation nicht angewiesen.

Wie Rainer Paris in seiner „Theorie der Seilschaft“ erklärt, werden Seilschaften üblicherweise von locals gebildet: Menschen mit eher durchschnittlichen Eignungen, dafür umso größerem Macht- und Sicherheitsbedürfnis – Menschen also, die außerhalb ihrer Organisation kaum Perspektiven für sich sehen. Die Gefahr besteht nun darin, dass Seilschaften die Kontrolle über eine Organisation übernehmen und dort Normen und Standards setzen, die dazu beitragen, cosmopolitans herauszuhalten. Um langfristig zu überleben, brauchen Organisationen aber eine gesunde Mischung aus locals, die den sozialen Zusammenhalt in einer Organisation sichern, und cosmopolitans, die fachliche Kompetenz und Außenorientierung gewährleisten.

Diese Typologie lässt sich auf die Sphäre der Politik beziehungsweise der Parteien übertragen: Je wichtiger die Kategorie der Freundschaft wird, desto stärker dominieren die locals, desto eher bilden sich Seilschaften. Dann haben es die begehrten Quereinsteiger, denen alle Parteien angeblich weit offen stehen, immer schwerer. Und in der Politik regiert das Mittelmaß.

Dieses politische Dilemma bedroht die Parteien in einer Zeit, in der sie ohnehin vor komplexen Herausforderungen stehen: Ihre alten Antworten taugen nicht mehr, ohne dass neue Antworten bislang systematisch gefunden (oder erfolgreich in die eigene Anhängerschaft hinein vermittelt) worden sind. Die daraus folgende parteiübergreifende Ratlosigkeit spiegelt sich nicht zuletzt im massiven Vertrauensverlust der Wähler wider. Genau deshalb sind Parteien mehr denn je auf frische Ideen und die Expertise von außen angewiesen – kurz: auf die Mitarbeit von cosmopolitans.

Zugleich aber führt eine wachsende gesellschaftliche Unruhe dazu, dass Freundschaftsbeziehungen zwischen politisch handelnden Individuen immer wichtiger werden. Die bekannten Stichworte lauten Etablierung eines Fünf-Parteien-Systems, massive Stimmenverluste der Volksparteien, Politikverdrossenheit, wachsende gesellschaftliche Heterogenität, Zukunftsängste in der Bevölkerung. Diese Phänomene machen das politische Geschäft immer unberechenbarer. Die politischen Akteure suchen neue Sicherheiten, die sie in Freundschaftsbeziehungen finden – und grenzen damit jene cosmopolitans, die Politik und Parteien dringend benötigen, in der Tendenz weiter aus, anstatt sie einzubinden.

Mehr noch: Studien zum bürgerschaftlichen Engagement zeigen, dass immer mehr Menschen eher bereit sind, ad hoc und sachbezogen politisch mitzuarbeiten, als sich langfristig und emotional an Parteien zu binden. Auch deshalb ist die existierende „Kultur der Freundschaft“ in den Parteien kontraproduktiv: Unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts schreckt sie eher ab und verhindert Zulauf, als dass sie neue Sympathisanten anzieht.

Von der Partei-Freundschaft zur Netzwerk-Partei

Unbedingt wünschenswert angesichts der epochalen Umbrüche unserer Zeit sowie der inneren Verfassung unserer Parteien ist daher eine Professionalisierung der deutschen Politik. Um sich den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen organisatorisch anzupassen, sollten vor allem die Parteien ihre dysfunktional gewordene „Kultur der Freundschaft“ ersetzen durch eine neue „Kultur des Netzwerkens“. Die Mitgliederparteien von einst müssen zu modernen Netzwerk-Parteien werden, die als Knotenpunkte eine temporäre, sachorientierte und offene Mitarbeit möglichst vieler Menschen an politischen Problemlösungen organisieren. Anstatt krampfhaft (und erfolglos) Mitgliederwerbung zu betreiben, sollten sie sich gezielt um Unterstützer, Helfer und Sponsoren bemühen.

Dass Netzwerke heute wirkungsmächtiger und produktiver sein können als traditionelle Organisationsformen, beweist die erfolgreichste grassroots campaign aller Zeiten: die Präsidentschaftskampagne Barack Obamas. Der Senator aus Illinois hat es mithilfe moderner Technik geschafft, unter der wachsenden Zahl seiner Anhänger eine ungezwungene Verbundenheit herzustellen: Rund 750.000 freiwillige Helfer verbreiten Obamas Botschaften im ganzen Land, nicht zuletzt in Form von vermeintlich altmodischer Mund-zu-Mund-Propaganda. Mit Freundschaft hat diese Form der Unterstützung wenig zu tun, wohl aber mit echter Begeisterung, dem Wunsch nach politischem Wandel – und moderner Organisation. Von allen dreien brauchen wir mehr in Deutschland.
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Dieser Beitrag erschien auch in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Polar“.