Leben & Arbeiten Debattenbeitrag

Das tätige Leben – heute und morgen



Unsere Gesellschaft bleibt eine Arbeitsgesellschaft. Aber die Arbeit und unser Verständnis von ihr verändern sich. Das schafft neue Chancen.


Unsere Gesellschaft hört nicht auf, eine Arbeitsgesellschaft zu sein. Die Arbeit ist ihr nicht ausgegangen, wie namhafte Sozialwissenschaftler vor ein paar Jahren prophezeiten: Noch nie haben prozentual so viele Deutsche Erwerbsarbeit geleistet wie heute. Nach wie vor beruhen wirtschaftliche Leistungskraft, sozialer Zusammenhalt, kulturelle Orientierung und politischer Einfluss in hohem Maße auf Erwerbsarbeit. Aber die Arbeitsgesellschaft ändert sich grundlegend, in zumindest drei wichtigen Hinsichten.

Die Revolution ist noch nicht abgeschlossen

Erstens ist auf die Veränderungen des Geschlechterverhältnisses und auf den demografischen Wandel zu verweisen. Eine scharfe Rollentrennung zwischen dem Mann und Vater als demjenigen, der die Familie durch Erwerbsarbeit ernährt, und der Frau und Mutter, die für den Binnenraum von Haushalt und Familie zuständig ist, entsprach zwar niemals völlig der Regel. Aber seit den siebziger Jahren erodiert, was davon noch existierte. Das Verhältnis von Arbeitsordnung und Geschlechterordnung ändert sich. Vieles von dem, was im 19. und frühen 20. Jahrhundert vornehmlich von Frauen im Haus erledigt wurde, ist zum Gegenstand von Erwerbsarbeit oder zur Aufgabe sozialstaatlicher Träger geworden. Der Rückgang der durchschnittlichen Kinderzahl hat die familiären und häuslichen Aufgaben stark reduziert. Die schnell ansteigende Frauenerwerbsarbeit ist teils Antrieb, teils Folge dieser Entwicklung. Dem tragen Änderungen im Sozial-, Arbeits-, Steuer- und Familienrecht nur allmählich Rechnung. Die Einstellungen wandeln sich. Blickt man aus historischer Langzeitperspektive darauf, handelt es sich um eine Revolution, die noch nicht abgeschlossen ist. Aber sie führt zur weiteren Verbreitung von Erwerbsarbeit und nicht zu ihrem Ende.

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland ist im 20. Jahrhundert um mehr als 30 Jahre gestiegen. Das sind 30 gewonnene Jahre, die meisten davon gesund. Der Anteil der über Sechzigjährigen in der Bevölkerung wächst: von 15 Prozent im Jahr 1950 auf 24 Prozent im Jahr 2000. Im Jahr 2050 werden schätzungsweise 37 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Trotz dieser Zunahme an Lebenszeit und der Verschiebung der Alterspyramide hat der Anteil der Erwerbstätigen an den über 60-Jährigen bis Ende des 20. Jahrhunderts rasant abgenommen: In der Altersklasse der 60- bis 64-Jährigen waren im Jahr 2000 weniger als 30 Prozent erwerbstätig – 1965 waren es knapp 80 Prozent. Seit dem Jahr 2000 steigt dieser Anteil wieder und erreichte um 2010 erneut 50 Prozent. Die aktive Arbeitsgesellschaft war in den vergangenen Jahrzehnten ungewöhnlich jung und schob die Älteren früh an den Rand oder ins Abseits ab. Jetzt altert sie und wird in sich ausgeglichener. Der Ruhestand beginnt später. Wenn Wohlstandsverluste vermieden werden sollen, geht daran kein Weg vorbei. Angesichts der großen Bedeutung der Erwerbsarbeit für Lebenschancen aller Art wird der spätere Übergang in den Ruhestand auch den Lebenschancen der Alten nützen und einer Verschärfung der intergenerationellen Spannungen entgegenwirken.

Zweitens verändert sich die Arbeitsgesellschaft durch die tendenzielle Fragmentierung der Arbeit in Raum und Zeit. Während 1970 die Relation zwischen vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmern einerseits und der Summe der Teil- und Kurzzeitbeschäftigten, der befristet und geringfügig Beschäftigten – also der so genannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse – etwa 5 zu 1 betrug, lag dieses Verhältnis Ende des 20. Jahrhunderts bereits bei 2 zu 1. Dieser Trend hat sich fortgesetzt, heute gelten gut 40 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse als „atypisch“. Die Elastizität der Erwerbsarbeit und die Fluidität der Arbeitsverhältnisse nehmen zu. Die örtliche und zeitliche Fragmentierung des Arbeitsplatzes schreitet voran. Die Organisation vieler großer Unternehmen nimmt einen netzwerkartigen Charakter an, die Beschäftigten müssen einen Teil des Risikos selbst tragen, die Bindung an den einzelnen Betrieb scheint sich zu lockern. Die Flexibilitätszumutungen an die Einzelnen steigen. Neue Formen partieller und oftmals prekärer Selbständigkeit entstehen. Statistisch sinkt der Anteil der Selbständigen derzeit nicht mehr. Der Arbeitsplatz verliert seine ehemals klare Abgrenzung und löst sich bisweilen auf. Die neuen Kommunikationsmittel erlauben neue Formen der Heimarbeit. Ein neues Zeitregime entsteht in den Grauzonen zwischen Arbeits- und Freizeit, mit Teilzeit und Gleitzeit. Das eröffnet neue Freiheitschancen, schafft aber auch neue Abhängigkeiten.

Verflüssigung der Arbeitsverhältnisse

Die Befunde sind differenziert zu beurteilen. Nicht jedes in diesem Sinn atypische Beschäftigungsverhältnis ist prekär, insbesondere nicht jede Teilzeitbeschäftigung. Teilzeitbeschäftigung ist – anders als Leiharbeit und befristete Vollzeitbeschäftigung – mittlerweile auch längst so häufig, dass man sie als eine Variante der Normalität begreifen sollte. Oft wird Teilzeitbeschäftigung gewünscht, weil sie zur Phase im Lebenslauf und zur familiären Situation passt. Zweifellos enthält die Verflüssigung der Arbeitsverhältnisse auch neue Chancen, beispielsweise zur Verknüpfung von Erwerbsarbeit mit anderen Tätigkeiten, zur Verbindung von Arbeit und Freizeit, zur Vereinbarung von Beruf und Familie, zudem entstehen so neue Möglichkeiten, das Verhältnis der Geschlechter zueinander weniger ungleich und produktiver zu gestalten. Jedenfalls werden die Berufsbiografien von Männern und Frauen ähnlicher. Bei der Bewertung der gegenwärtigen Verhältnisse ist überdies zu bedenken, dass das so genannte Normalarbeitsverhältnis immer nur für einen Teil der Erwerbstätigen und einen noch kleineren Teil der Erwerbsfähigen galt, kaum aber jemals für Frauen. Es war nie wirklich normal. Seine größte Verbreitung erreichte es im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts.

Andererseits ergibt eine repräsentative Befragung von Erwerbstätigen, dass unter 25 Anforderungen an „gute Arbeit“ ein festes und verlässliches Einkommen (92 Prozent) und ein sicherer Arbeitsplatz (88 Prozent) höher bewertet werden als die Freude an der Arbeit (85 Prozent). Viele atypische Arbeitsverhältnisse entsprechen nicht diesen Kriterien. Zu Recht befürchten viele, dass aus der Flexibilisierung und Fragmentierung der Arbeitsverhältnisse eine bedrohliche Erosion der individuellen Identitäten und des sozialen Zusammenhalts folgt, politische Verunsicherung und Desorientierung die Konsequenzen sind. Richard Sennett hat früh so argumentiert. Auf jeden Fall scheint die Bindungskraft, die sozial strukturierende, kulturell verbindende und vergesellschaftende Kraft der Arbeit in den letzten Jahrzehnten abgenommen zu haben.

Drittens muss berücksichtigt werden, dass nicht nur die Erwerbsarbeit in den vergangenen Jahren in Deutschland zugenommen hat, sondern auch die freiwillige und unbezahlte, die ehrenamtliche, zivilgesellschaftliche Tätigkeit in Vereinen, Bürgerinitiativen, Stiftungen, Selbsthilfegruppen, in der Selbstverwaltung und in anderen Bereichen zwischen Staat und Markt. Jeder dritte Deutsche hat eigene Erfahrung mit solchem Engagement, Deutschland rangiert damit in Europa in der oberen Hälfte der Rangliste. Als Alternative, die Erwerbsarbeit flächendeckend ersetzen könnte, darf man das zivilgesellschaftliche Engagement zwar nicht verstehen, es könnte jedoch eine wichtige Ergänzung darstellen. Als eine nützliche Tätigkeit, die sich den Gesetzen des Marktes entzieht, markiert die ehrenamtliche Tätigkeit die Grenzen der Kommerzialisierung und Kommodifizierung unserer Gesellschaft, während die Erwerbsarbeit marktbezogen ist und den Gesetzen der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft unterliegt. Es ist hier nicht der Ort, um erneut das Lob des zivilgesellschaftlichen Engagements als „Bürgerarbeit“ zu singen. Auch muss bedacht werden, dass die Fähigkeit zu unbezahlter Bürgerarbeit von der hinreichenden materiellen Absicherung aus anderen Quellen abhängt. Doch im Hinblick auf zivilgesellschaftliches Engagement lässt sich beispielsweise der Teilzeitarbeit einiges abgewinnen, erleichtert sie doch die Kombination zwischen Erwerbsarbeit und anderen Tätigkeiten und damit Verknüpfungen, die allen Beteiligten zugutekommen können.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die lebhafte öffentliche Diskussion über Bürgerarbeit wie auch über Pflege-, Erziehungs- und Familienarbeit den Gedanken nahegelegt, dass es möglicherweise unangemessen ist, Arbeit sprachlich so sehr auf Erwerbsarbeit einzuengen wie es seit dem 19. Jahrhundert geschehen ist. Es spricht viel dafür, den Arbeitsbegriff dezidiert breiter zu fassen, um auch nicht-marktbezogene Tätigkeiten einbeziehen zu können.

Tätig sein – über die reine Erwerbsarbeit hinaus

In dem Maße, in dem die Erwerbsarbeit stärker durch nicht-marktbezogene Arbeit ergänzt und mit dieser verknüpft wird, eröffnet sich auch ein inhaltsreicheres Verständnis der Arbeitsgesellschaft. Eine Arbeitsgesellschaft neuer Art, die der Erwerbsarbeit weiterhin einen zentralen Stellenwert einräumt, zugleich aber von menschlicher Arbeit anderer Qualität ebenfalls lebt: eine Arbeitsgesellschaft über die reine Erwerbsarbeit hinaus? Eine „Tätigkeitsgesellschaft“, wie Ralf Dahrendorf es formulierte? Eine Arbeitsgesellschaft, die zugleich Bürgergesellschaft (Bürger im Sinne von citizen) ist und gerade nicht in der Logik des Kapitalismus aufgeht? Vielleicht ist dies das zentrale Merkmal der gegenwärtigen Situation – und eine Chance für die Zukunft.


Der Meinungsbeitrag erschien zunächst in der Ausgabe 1/2015 des Debattenmagazins Berliner Republik.