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Allein unter Ahnungslosen



Mandatsverlust – und dann? Was eine ehemalige Bundestagsabgeordnete bei ihrem Umstieg in Wirtschaft und Lehreralltag erlebt hat.


Um 4 Uhr morgens am 28. September 2009 war klar, dass es mein Bundestagsmandat nicht mehr geben würde. Einen Augenblick kam es mir vor, als ob es auch mich nicht mehr geben würde. Und die Arbeitsplätze meiner wunderbaren Mitarbeiter nicht. Und all unsere Hoffnungen und Träume nicht. Die Niederlage war allumfassend. Nach zwei Stunden Schlaf erwachte ich am Montag nach der Wahl. „Wie kommen meine Leute da durch?“, dachte ich. „Wie kommst du da durch?“

„Ich gehe einen Schritt nach dem anderen“, nehme ich mir vor. „Ich bleibe nicht liegen, ich stehe auf, schminke mich und ziehe meine ‚Abgeordnetensachen‘ an. Bloß nicht hängen lassen, nicht heulen, keine Jogginghosen, nicht jammern, nur geradeaus gehen.“ In der Küche sitzen morgens schon zwei Leute meines Teams. „Ich habe ihre Jobs verloren“, denke ich, „ich habe meinen Job verloren. Was wird meine große Tochter sagen? Wie soll ich die lieben Freunde auf meiner Mailbox trösten? Wie soll ich das alles erklären? Und – was sollen wir eigentlich alle arbeiten?“ Es kommt schlimmer, als ich erwartet habe. Ich geniere mich. Ich übe zu sagen: Ich habe mein Mandat verloren. Ich übe nicht zu sagen, welchen Umständen das eigentlich zu verdanken ist.

 

Meine Metzgerin grüßt zwei Tage später freundlich: „Sie hören auf in Berlin? Müssen Sie doch nicht! Ach, Sie waren da gar nicht angestellt?“ Oder beim Bäcker: „Na, die SPD sorgt schon für Sie! In dem Alter schon in Rente!“ Andere Bürger schimpfen: „Na deswegen können Sie doch Ihren Job in Berlin nicht hinschmeißen!“ Schlimmer sind nur noch die Genossen, in Berlin und zuhause: „Na, deine Töchter werden sich freuen! Jetzt hat die Mama Zeit.“

 

Wochen nach der verlorenen Bundestagswahl lerne ich eine Gruppe Menschen kennen, deren Existenz mir vorher nicht wirklich bewusst war: die Personalberater oder – Headhunter. Die Begegnungen laufen fast immer gleich ab: Anruf, Lebenslauf per Mail, Terminabsprache, elegantes Café, Restaurant oder Büro. Und dann die Fragen: „Abgeordnete? Wie kann man überhaupt ein Mandat verlieren? Hatten Sie je Personalverantwortung? Können Sie repräsentieren? Schon mal am Wochenende gearbeitet? Wie schnell arbeiten Sie sich in ein Thema ein? Schon mal mit Rechtsfragen befasst?“ Ich staune. Politische Unkenntnis gibt es in allen Bevölkerungsgruppen. Aber jetzt wird es zum Problem. Wenn niemand so richtig weiß, was ein Abgeordneter eigentlich kann und was zu dieser Tätigkeit alles gehört, gibt es eben auch keine Nachfrage am Arbeitsmarkt. Ich schreibe mir eine Liste mit Fähigkeiten auf, die ich in meinem Mandat erlernt habe (zuzüglich zweier Prädikatsexamina und einem MBA). Den jungen Studierenden, die sich in meinen Wahlkämpfen als unverzichtbare Unterstützung erwiesen haben, habe ich immer gesagt: „Was ihr in der Politik lernt, lernt ihr nirgendwo sonst.“ Ein Bekannter, der ebenfalls aus der Politik ausgeschieden ist und nun „in der Wirtschaft“ sein Geld verdient, baut mich auf: „Du hast wahrscheinlich mehr Lebenserfahrung als die meisten anderen 41-Jährigen.“ Das stimmt. Aber einen Job habe ich dadurch nicht.

 

Verachtung und völlige Unkenntnis

 

Die Jobs, die für eine ehemalige Abgeordnete in Frage kommen, sind alle nach ähnlichem Muster gestrickt: Du sollst Politik erklären – so wie Olli Kahn Fußball erklärt. Du sollst Termine vermitteln – als würde nicht jedes funktionierende Unternehmen bei einem Regierungsmitglied einen Termin bekommen. Und du sollst beraten. Andere Jobs, zum Beispiel in der Öffentlichkeitsarbeit oder als Unternehmenssprecherin scheinen gar nicht erreichbar zu sein. Jeder Politiker lernt Marketing in eigener Sache, und das durchaus schmerzhaft. Pressearbeit, Veranstaltungskonzepte, Krisenkommunikation – wer einen Wahlkreis gewinnen will, wird zwangsläufig zum Experten. Ich habe als Obfrau in einem Untersuchungsausschuss fungiert, der vier Wochen vor der Bundestagswahl die Politik der regierenden SPD in Misskredit bringen sollte. Und jetzt erklärt mir ein Personalberater, dass das Unternehmen xy leider eine Sprecherin suche, die auch eine akademische Ausbildung als Kommunikationswissenschaftlerin vorweisen kann. Ähnlich geht es mir immer wieder. Die Verachtung, die Politikern aus der Bevölkerung oft entgegenschlägt, geht einher mit völliger Unkenntnis über die Fähigkeiten, die man in der Politik haben muss.

 

Die meisten Angebote sind Tätigkeiten für Politiker, die erstens aus der Exekutive kommen, zweitens das Rentenalter in Sichtweite haben und drittens wegen dieses Alters nicht mehr für politische Ämter in Frage kommen. Politiker in meinem Alter scheiden meistens nur aus, wenn sie einen anderen Job sicher haben. Verlieren sie unbeabsichtigt ihr Mandat oder Amt, fallen sie normalerweise weich in die Arme ihrer Partei. Parteien bauen ja ihre Netzwerke auch in andere Bereiche aus, parken Leute anderswo oder lassen sie anderweitig Erfahrungen sammeln. In der SPD entscheidet derselbe, nun ja, Zufall, der Leute nach oben kommen lässt, auch über deren Verbleib außerhalb der Politik.

 

Ein Jahr nach der verlorenen Bundestagswahl trete ich in ein Beratungsunternehmen ein, wo ich vor allem Politik kommentiere und erkläre. Fast mein gesamtes Berufsleben war ich immer von etwas getrieben, habe für etwas gebrannt, geträumt, bin auf die Nase gefallen und wieder aufgestanden. Der Verlust des Zugehörigkeitsgefühls, der Sinnhaftigkeit dessen, was ich tue, ist schlimmer, als der Verlust des Mandates selbst. Eines Morgens lese ich, dass die vielen neuen Lehrerinnen und Lehrer, die Berlin einstellen wollte, gar nicht alle gekommen sind. Schlechtere Verdienstmöglichkeiten, schwierigere Schüler. „Das“, denke ich, „ist mein Beruf“. Vor meiner Zeit im Bundestag hatte ich meine Tätigkeit als Lehrerin geliebt. Ich bewerbe mich. Ich werde eingeladen zu einer zweiten Einstellungsrunde. 60 Schulleiter sehen sich zwei Tage die Bewerber an. Fünf Minuten Vorstellungszeit. „Soll ich meinen ganzen Lebenslauf erzählen?“, frage ich die freundliche Frau, die uns gruppenweise betreut. „Nä! Das will hier keiner wissen – nur laufbahnbezogen.“ „Aha“, denke ich, „oje“. Meine Laufbahn war elf Jahre unterbrochen. Am Nachmittag ruft mich eine Schulleiterin an: „Ich stelle Sie sofort ein“, sagt sie. Und ich sage sofort zu. Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, wie das so wird in der Schule. Meine Sorgen galten dabei weniger den Schülern als den Kollegen. Ein Abgeordneter fragte mich: „Kann man da überhaupt wieder ankommen?“ Man kann. Und zwar am ersten Tag, zur ersten Stunde!

 

In meinen Gesprächen mit Headhuntern und potenziellen Arbeitgebern hatte ich das Gefühl, die Verachtung zu spüren – und den Eindruck, dass sie es dieser Politiktante mal zeigen wollten. Andererseits: Je höher die Position, desto größer ist offenbar auch der Glamour-Faktor von Politik für einige in der Wirtschaft: „Kennen Sie den eigentlich wirklich persönlich?“ Den wenigsten ist klar, auf welch unterschiedliche Weise politische Karrieren entstehen und wie hart man dort teilweise an sich selbst und im Amt oder Mandat arbeitet. Das Maß an Fremdbestimmung und Dynamik ist den meisten nicht bewusst. Deutschland ist ein Land, in dem der Wechsel zwischen den beiden Welten selten gelingt. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob Politiker sich auch in Führungspositionen der Wirtschaft behaupten können. Für mich ist eher interessant, ob es umgekehrt Erfolge geben kann. Meine Zweifel daran sind gewachsen. Die unterschwelligen Ressentiments habe ich bei meinen Lehrerkollegen noch nie gespürt. Bis meine Schüler mich gegoogelt haben, wusste auch kaum jemand, dass ich Bundestagsabgeordnete war. Bei uns stehen ganz andere Fragen, Herausforderungen und Veränderungen im Vordergrund.

 

Ich habe viel Hilfsbereitschaft und Unterstützung erfahren in diesem ersten Jahr. Mittlerweile bin ich zwar so etwas wie die Politiktante im Lehrerzimmer, aber erst nachdem ich bewiesen habe, dass ich vor allem Lehrerin bin.


 

Dieser Beitrag erschien zuerst im Debattenmagazin Berliner Republik.





Nina Hauer


published on

15. Dezember 2012


Schlagwörter

BundestagswahlDemokratieMandatRepräsentation