Debattenbeitrag

Zeitwohlstand für Alle

von Helena Bechtle und Robert Schütte


Zeit ist eine in hohem Maße ungerecht verteilte Ressource in unserer Gesellschaft. Wieviel Zeit wir haben, hängt maßgeblich davon ab, wieviel Geld wir verdienen, wo wir wohnen, wie alt wir sind und welches Geschlecht wir haben. 


Zeit ist eine in hohem Maße ungerecht verteilte Ressource in unserer Gesellschaft. Wieviel Zeit wir haben, hängt maßgeblich davon ab, wieviel Geld wir verdienen, wo wir wohnen, wie alt wir sind und welches Geschlecht wir haben. 

Während sich progressive Parteien seit jeher um eine gerechtere Verteilung von Reichtum und Lebenschancen bemühen, haben sie eine gerechtere Verteilung von Zeit bislang weitgehend übersehen. Das ist ein Versäumnis. Denn immer mehr Menschen leiden unter der Beschleunigung und Verdichtung ihres Lebens. Permanente Erreichbarkeit, Stress und Wettbewerbsdruck fordern ihren Tribut: Die Zahl psychischer Erkrankungen wie Burnout, Depressionen und Angststörungen liegt auf Rekordniveau: Jedes Jahr erkranken 15,6 Millionen Erwachsene an einer psychischen Erkrankung. Das entspricht der Einwohnerzahl NRWs oder jedem Dritten im erwerbsfähigen Alter – Minderjährige nicht mitgezählt. Stress und Zeitarmut sind zu Wesensmerkmalen unserer digital vernetzten, spätkapitalistischen Lebensweise geworden.


Dies ist ein Beitrag für den Blog „Progressives Regieren 2020plus“. In diesem setzen AutorInnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und politischer Praxis Impulse für eine progressive Regierungsagenda ab 2020 und darüber hinaus. 


Seien wir ehrlich: Gesellschaftlicher Fortschritt sieht anders aus – gutes Wirtschaftswachstum und Beschäftigungsplus hin oder her. Das Bedürfnis nach mehr Zeit für Familie, Regeneration, Sport und Selbstverwirklichung ist riesig. Laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz würde die Hälfte aller Beschäftigten ihre Arbeitszeit am liebsten verkürzen. Besonders der jungen Generation ist Zeit und Lebensqualität deutlich wichtiger, als ihrer eher materiell-orientierten Eltern-Generation.

Zeitpolitik gibt uns einen frischen Blick auf soziale Gerechtigkeitsfragen und eine Antwort auf die Frage: Wie kann eine bessere, gesündere und menschlichere Gesellschaft aussehen?

Für Progressive liegt hier eine große Modernisierungs-Chance. Zeitpolitik gibt uns einen frischen Blick auf soziale Gerechtigkeitsfragen und eine Antwort auf die Frage: Wie kann eine bessere, gesündere und menschlichere Gesellschaft aussehen? In unserer materiell relativ gut abgesicherten Gesellschaft heißt Wohlstand eben nicht mehr nur Kohle und Karriere, sondern auch Zeitwohlstand und Zeitsouveränität. Materielle Absicherung und Chancengerechtigkeit bleiben essentielle Bestandteile linker Politik. Sie sollten aber um ein neues Versprechen ergänzt werden: „Zeitwohlstand für alle“. 

Dimensionen von Zeitungerechtigkeit

Am 1. Januar 2019 hat die Große Koalition die Erhöhung des Kindergeldes um 10 Euro im Monat beschlossen. Gut, dass dadurch der Versuch unternommen wird, Familien stärker zu unterstützen. Trotzdem stellt sich die Frage: Warum nutzen wir die finanziellen Mittel nicht lieber dazu, Eltern zeitlich anstatt finanziell zu entlasten? Unser Steuersystem kompensiert bereits heute zahlreiche finanzielle Nachteile, die die Familiengründung mit sich bringt. Gleichzeitig nehmen wir es als naturgegeben hin, dass Eltern massiv von Zeitarmut betroffen sind. Hier brauchen Familien oft viel dringender Unterstützung, denn Zeitarmut ist auch eine Frage des Lebensabschnitts. Wir sprechen nicht umsonst von der „Rushhour des Lebens“.

Zeit-Ungerechtigkeit hat viele weitere Facetten. Zum Beispiel: Geografie. Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer arbeitet der oder die durchschnittliche Ostdeutsche noch immer länger als der oder die Westdeutsche. Und hat dabei sogar noch weniger Urlaub. Der Grund dafür: Die Tarifbindung in den neuen Bundesländern ist mit 35% aller Betriebe erheblich geringer als im Westen (49%). Ostdeutsche fallen dadurch häufiger auf den gesetzlichen Mindesturlaub von 20 Tagen im Jahr zurück. Dieser liegt aber deutlich unter den üblichen tarifvertraglichen Regelungen, die 28, 29 oder 30 Urlaubstage im Jahr vorsehen – und die überdies mit geringeren wöchentlichen Arbeitszeiten einhergehen. Gerecht ist das nicht.

Zeit ist auch unter anderen Blickwinkeln ungerecht verteilt. Zum Beispiel sozio-ökonomisch. Wer über ausreichende Mittel verfügt, muss nicht einkaufen, nicht kochen, nicht putzen und auch nicht selbst seine Steuern machen. Restaurants, Haushaltshilfen und Steuerberater kosten zwar Geld, aber sie sparen: Zeit. Das gleiche gilt für eine private Krankenversicherung: Neben der generell besseren ärztlichen Versorgung, genießen Privatversicherte vor allem: kürzere Wartezeiten.

Geografische und sozio-ökonomische Fragen hängen zusammen: Wer wegen steigender Wohnkosten in ein Außenviertel oder aufs Land zieht, der spart zwar Geld, aber bezahlt wiederum mit Zeit. 13 Millionen PendlerInnen in Deutschland können jeden Tag ein Lied davon singen, dass es einen großen Unterschied macht, ob man täglich 20 oder 50 Minuten zur Arbeit braucht. Von Marzahn und  Brandenburg aus sind Schulen, Supermärkte und Ärzte ebenfalls weiter entfernt als von Berlin-Mitte. 

Zeitarmut lebt also eher in Ost- als in Westdeutschland, wohnt eher weiter draußen als in der Innenstadt, hat Kinder oder pflegebedürftige Familienmitglieder, verdient nicht viel Geld. Und ist eher weiblich als männlich.

Zeitarmut lebt also eher in Ost- als in Westdeutschland, wohnt eher weiter draußen als in der Innenstadt, hat Kinder oder pflegebedürftige Familienmitglieder, verdient nicht viel Geld. Und ist eher weiblich als männlich. Denn Frauen übernehmen noch immer den überwiegenden Teil der Haus- und Familienarbeit. Hinzu kommt eine insgesamt höhere gesellschaftliche Erwartungshaltung an das Aussehen von Frauen, was weitere Zeitkosten verursacht. Das klingt banal, aber eben nur für männliche Ohren: Eine ungeschminkte Frau mit schlechtem Outfit hat größere Karriere-Nachteile als ihr unrasierter männlicher Kollege im schlecht-sitzenden Anzug. 

Hinzu kommt: Frauen sind im Schnitt sozio-ökonomisch schlechter gestellt als Männer, verdienen weniger und sitzen unfreiwillig in der Teilzeitfalle. Das wirkt sich unmittelbar auf ihre verfügbare Zeit aus. Reden wir also nicht mehr nur vom „gender pay gap“, nehmen wir endlich auch den „gender time gap“ ins Visier, unter dem Frauen besonders leiden!

Zeitpolitik als progressives Projekt

Work-Life-Balance ist ein Etikettenschwindel. Denn das Leben besteht aus mehr als Arbeit und Freizeit. In der Realität kommt nämlich eine dritte Kategorie hinzu, die wir fälschlich unter Freizeit subsumieren: Erledigungszeit. Das umfasst Hausarbeiten wie einkaufen, kochen und spülen; familiäre Verpflichtungen; administrative Arbeiten wie die Steuererklärung oder Rechnungen bezahlen; und die Fahrt zur und von der Arbeit. 

Erledigungszeit ist keine Freizeit. Sonst würden wir keine Dritten dafür bezahlen, uns z.B. die Hausarbeit oder das Kochen abzunehmen. Nicht nur in der Arbeitszeit, sondern auch in der Erledigungszeit manifestiert sich die sozial-ungleiche Verteilung von Zeit. Wenn der GKV-Patient länger auf eine Behandlung wartet als der PKV-Patient, dann ist das keine Frage individueller Präferenz, sondern von Zeit-Diskriminierung. Wenn die Vorzimmer-Dame deutlich länger nach Hause braucht, als ihr Chef, dann ist auch das ein soziales Zeit-Problem und keine individuelle Lifestyle-Frage. Und wenn Beschäftigte unter Burnout leidet und ihre familiären Verpflichtungen leiden, dann ist das nicht nur eine individuelle Frage für die Psychotherapierenden, sondern auch eine soziale Frage für Politik und Gewerkschaften. 

Wir müssen aufhören, gesellschaftliche Probleme zu individualisieren. Demokratische Politik hat einen Handlungsauftrag, z.B. für mehr Mobilität, bezahlbaren Wohnraum und besseren Arbeitsschutz zu sorgen.

Wir müssen aufhören, gesellschaftliche Probleme zu individualisieren. Demokratische Politik hat einen Handlungsauftrag, z.B. für mehr Mobilität, bezahlbaren Wohnraum und besseren Arbeitsschutz zu sorgen. Und nicht bloß den oder die Einzelnen zur „Selbsthilfe zu empowern“. In einem Land mit ordentlichen Kitas, sollten zum Beispiel private Nannies die Ausnahme sein; und psychische Erkrankungen als gesellschaftliches Alarmsignal anstatt als individuelle Anpassungsstörung gesehen werden.

Glücklicherweise ist in den vergangenen Jahren bereits einiges geschehen: Elternzeit, Recht auf Teilzeit und das Rückkehrrecht in Vollzeit sind Beispiele dafür, wie die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu mehr Zeitwohlstand führen kann. Ein Recht auf Homeoffice und die Einführung von sogenannten Chancenkonten können die Zeitsouveränität von ArbeitnehmerInnen weiter stärken. Und die SozialpartnerInnen gehen mit neuen Arbeitszeitmodellen voran: Die Eisenbahner-Gewerkschaft hat zum Beispiel ausgehandelt, dass die ArbeitnehmerInnen sich aussuchen können, ob sie mehr Zeit oder mehr Geld bekommen.

Zeitpolitik umfasst aber mehr als flexible Arbeitszeitmodelle und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zeitpolitik ermöglicht allen Bürgerinnen und Bürgern, ein gesünderes und selbstbestimmteres Leben mit weniger Stress und mehr Zeit zu führen. Und sie hilft durch Investitionen und Schutzrechte denjenigen Gruppen, die besonders von Zeit-Ungerechtigkeit betroffen sind.

Zeitpolitik umfasst aber mehr als flexible Arbeitszeitmodelle und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zeitpolitik ermöglicht allen Bürgerinnen und Bürgern, ein gesünderes und selbstbestimmteres Leben mit weniger Stress und mehr Zeit zu führen. Und sie hilft durch Investitionen und Schutzrechte denjenigen Gruppen, die besonders von Zeit-Ungerechtigkeit betroffen sind.

Ein Beispiel: Warum heben wir den gesetzlichen Mindesturlaub nicht von 20 auf 25 Tage an? Davon würden unzählige ArbeitnehmerInnen in Ost und West profitieren. Es würde Firmen treffen, die keinem Tarifvertrag unterliegen und durch Urlaubs-Dumping einen unfairen Wettbewerbsvorteil haben. Was beim Mindestlohn gilt, sollte auch für das Thema Zeit gelten.

Ein anderes Beispiel: Warum gilt die Fahrt zum und vom Arbeitsplatz noch immer als Freizeit? Der Arbeitgeber bezahlt bereits heute die für diese Fahrten geltende Unfallversicherung – und zwar nicht paritätisch, sondern vollständig, inklusive Umwegen von und zu Kitas und Schulen. Das widerspricht schon systematisch der These, ArbeitgeberInnen hätten mit diesen Wegen nichts zu tun. Was für Selbstständige und FreiberuflerInnen gilt, sollte deswegen auch für Beschäftigte gelten: Arbeitsbedingte Anfahrten sollten keine unbezahlte Freizeit sein und pauschal oder minutenscharf abgegolten werden. 

Positiver Nebeneffekt: Investitionen in den öffentlichen Personennahverkehr dürfte sich plötzlich einer bislang ungeahnten Unterstützung der Wirtschaft erfreuen. Und wir hätten eine gut begründbare Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich.

Eine weitere Möglichkeit: Wir geben im Jahr über 200 Milliarden Euro an familienpolitischen Leistungen aus. Auch wenn wir inzwischen deutlich mehr Geld in Kitas und Ganztagsschulen stecken, bleibt der deutsche Sozialstaat zu transfer-intensiv und ineffektiv. Das Geld könnten wir besser investieren und zum Beispiel Eltern zeitlich entlasten. Nutzen wir einen Teil des Geldes z.B. dazu, die tägliche Arbeitszeit von Eltern um eine Stunde zu reduzieren. Damit helfen wir Eltern deutlich mehr, als mit 10€ mehr Kindergeld.

Zeitpolitik ist eines der besten Argumente für mehr staatliche Investitionen und Schutzrechte. Bauen wir den ÖPNV, Schulen, Kitas und kundenfreundlichere öffentliche Verwaltungen aus. Sorgen wir für kürzere Wege und bessere staatliche Leistungen für alle Bürgerinnen und Bürger. Davon profitieren alle – vom Aldi-Verkäufer bis zur Anwältin im Prenzlauer-Berg, die vom Sozialstaat ansonsten eher wenig erwartet. Der Kampf für mehr Zeitwohlstand kann eine neue Brücke werden zwischen einem sozial-liberalen Bürgertum und einer zunehmend gestressten Arbeitnehmerschaft. Eine neue gesellschaftliche Gewinnerkoalition!

„Zeitwohlstand für alle“ heißt, dass wir 2030 in einem Land leben wollen, in dem alle mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben haben. Und in dem Burnout, Depressionen und Angststörungen der hoffentlich der Vergangenheit angehören.

 

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