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„Wir können es uns leisten, globaler zu denken“

Interview mit Policy Fellow Dr. Sabrina Schulz
Foto: Carlos Klein Photography

Der Klimaschutz steht im Fokus des heutigen Tages der Umwelt und auch beim G7-Gipfel gehört er zu den zentralen Themen. Welche Erwartungen mit dem Gipfel verknüpft sind und warum wir uns als Vorreiter betrachten sollten, sagt Sabrina Schulz.


Frau Schulz, was hat es mit mir zu tun, wenn Staats- und Regierungschefs über Klimaschutz sprechen?

In Deutschland sind wir vor schlimmen Auswirkungen des Klimawandels noch verschont, aber Anzeichen gibt es. Meist einfach als „Naturkatastrophe“ bezeichnet, fehlt oft die Verbindung zum großen Ganzen, also zu allen Auswirkungen des Klimawandels, besonders in Ländern, die sehr viel schlechter aufgestellt sind. Das hat mit Verantwortung zu tun. Wir wollen Flüchtlingsströme aus Afrika begrenzen, tun aber zu wenig, die Situation in Afrika zu stabilisieren. Dazu gehören beispielsweise Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel um die Ernährungssicherheit zu verbessern.

Um welche Themen geht es im Bereich der internationalen Klimapolitik derzeit genau?

Vor allem darum, den Klimagipfel von Paris zum Erfolg zu machen. Wir brauchen ein starkes, möglichst rechtsverbindliches Bekenntnis der internationalen Gemeinschaft zum Klimaschutz, ein Langfristziel für die internationale Klimapolitik. Bis wann sollen unsere Volkswirtschaften weitgehend dekarbonisiert sein? Außerdem das Thema Klimafinanzierung für Entwicklungsländer, damit diese Klimaschutz realisieren und mit den schlimmsten Folgen des Klimawandels umgehen können.

Auch die deutsche Energiepolitik steht im Zentrum des internationalen Interesses: Deutschland will bis zum Jahr 2020 40 Prozent seiner Emissionen einsparen. Das geht nur mit weniger Emissionen aus der Kohleverstromung. Die ist für ein Drittel aller Emissionen verantwortlich. Hier muss Deutschland liefern, um in seiner Klimapolitik glaubwürdig zu sein. Und glaubwürdige Signale für die Klimapolitik erwarten alle von Elmau.

Wie optimistisch sind Sie?

Ich bin zweckoptimistisch. Kritische Stimmen haben wir schon genug. Es muss auch Menschen geben, die an den Erfolg glauben. Wir haben alle notwendigen Mittel und alles Wissen, um eine ambitionierte Klimapolitik zu entwickeln und umzusetzen.

Was kann denn jeder Einzelne von uns zum Klimaschutz beitragen?

Es geht vor allem um einen Bewusstseinswandel, gerade bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Es sind einerseits sehr simple Dinge, wie energieeffiziente Haushaltsgeräte, der Bezug von erneuerbarem Strom und ein anderes Konsumverhalten. Aber letztlich gibt es einen echten Wandel nur, wenn die Bevölkerung ambitionierten Klimaschutz von der Politik einfordert. Wenn die Bevölkerung eine nachhaltige Wirtschaftsweise und weniger Kohlestrom fordern würde, dann würde sich schnell sehr viel ändern.

Aber reicht das aus?

Zu oft wird gesagt, das bringt ja alles nichts. Aber die Botschaft muss lauten: Wir wollen Vorreiter sein. Die Energiewende ist eine riesengroße Chance, und wenn Deutschland eine sichere und bezahlbare Stromversorgung mit Erneuerbaren gewährleistet, werden andere nachziehen. Gleichzeitig verfügen wir dann über so viel Expertise bei den erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz, dass sich viele Märkte öffnen, nicht zuletzt echte Wachstumsmärkte wie China. Wir können es uns leisten, sehr viel globaler zu denken. Wir machen das auch für den Rest der Welt.

Aber kann mehr Klimaschutz nicht auch unseren Wohlstand und damit unsere Lebensqualität gefährden?

Im Gegenteil, Klimaschutz ist zentral für die Lebensqualität. Und ich bin fest davon überzeugt, dass nachhaltiges Wirtschaftswachstum und Klimaschutz gut zusammenpassen. Viele wissenschaftliche Studien belegen das, aber die öffentliche Diskussion geht noch nicht in diese Richtung. Ich wünsche mir, dass die Medien das mehr aufgreifen und die Menschen ihre Abgeordneten stärker fordern.


Das Interview wurde im Rahmen des Dialogprozesses „Gut Leben“, den das Progressive Zentrum begleitet, zuerst veröffentlicht.