Leben & Arbeiten Debattenbeitrag

Stadtluft macht frei 2.0



Deutschlands Städte bieten zu wenig bezahlbare Wohnungen. Die Politik will dem Missstand mit mehr Mieterschutz und einem Bauboom begegnen. Das greift zu kurz. In den Städten könnte das Gemeinwesen seine Probleme auf lokaler Ebene lösen – und so zugleich gerechter, inklusiver und innovativer werden.


Der Druck auf deutsche Städte wächst. Nach Schätzungen des deutschen Mieterbundes fehlen derzeit bereits 250 000 Wohnungen im Land. Und die Zahl der Haushaltenimmt vor allem in den großen Ballungszentren und den attraktiven Universitätsstädten ständig zu. Die Folgen der steigenden Nachfrage nach Miet- und Eigentumswohnungen, die im aktuellen Immobilienbericht des Verkehrsministeriums beschrieben werden, haben die Bundesregierung im vergangenen Oktober kalt erwischt: Im Jahr 2011 stiegen die Mieten erstmals im gesamtdeutschen Schnitt – um knapp drei Prozent.

Die „soziale Stadt“ liegt im Koma

Sogleich warnte die Bundesregierung vor Wohnungsknappheit, und Bauminister Peter Ramsauer forderte seine Kollegen in den Ländern hastig auf, mit sozialem Wohnungsbau gegenzusteuern. Dieser dämmert seit Jahren im Dornröschenschlaf dahin. Ende der neunziger Jahre gab es noch knapp vier Millionen Sozialwohnungen, heute gerade noch die Hälfte. Ebenfalls im Koma liegt die „Soziale Stadt“, eine Initiative des Bundes zur Stadtentwicklung. 2010 kürzte die Regierung Merkel dem Programm 70 Prozent der Mittel, so dass es 2012 nur noch mit40 Millionen Euro ausgestattet war.Plötzlich diskutiert das ganze Land über steigende Mieten: „Quasi über Nacht hat sich in Deutschland die fast schon vergessene soziale Frage in den Vordergrund geschoben: Wo kommen bezahlbare Wohnungen her?“, schrieb die Zeit Mitte Dezember. Einem Deutschland auf Wohnungssuche wird langsam klar, dass sich die Politik schleichend aus der Raumfrage zurückgezogen hat. Die kommunale Fürsorge, die soziale Durchlässigkeit der Stadt und ihre physische Gestaltung waren der Ursprung staatlicher Sozialpolitik in Europa. In Deutschland jedoch lag in den vergangenen vierzig Jahren der Fokus staatlicher Förderung darauf, möglichst vielen den Umzug ins Eigenheim an den Stadtrand zu ermöglichen. Aus diesem Großtrend der Stadtentwicklung resultierte die Abkehr von ihr.

Mit steigenden Mieten rückt nun das Wie und Wo der Stadt zurück ins öffentliche Bewusstsein. Doch sie hat noch immer einen schlechten Ruf. In Deutschland gilt die Großstadt vor allem als Kulminationspunkt gesellschaftlicher Herausforderungen: Arbeitslosigkeit, Kriminalität, soziale Ungleichheit, Integration, demografischer Wandel. Um diese Themen kreist die deutsche Stadtpolitik – und scheint sich bisweilen in der Suche nach Strategien gegen urbane Verwahrlosung zu erschöpfen.

Dabei kann die Stadt die Lösung für eben jene Probleme sein, die sich in ihr am deutlichsten zeigen. Die dichte Stadt als Verbindung von physischem und sozialem Raum stellt nicht nur für viele sozial-, wirtschafts- und klimapolitische Fragestellungen eine Interventionsebene dar, die Erfolge dort verspricht, wo nationale oder internationale Institutionen zu keiner Einigung kommen. Eine integrierte Stadtgesellschaft kann das Fundament sozialer Gerechtigkeit, kultureller und intergenerationaler Inklusion und einer lebenswerten Arbeitswelt sein. Die Rede vom sozialen Brennpunkt, ob München-Hasenbergl, Duisburg-Marxloh oder Berlin-Neukölln, macht glauben, dass der dichte städtische Raum vor allem soziale Spannungen erzeugt. Dabei verhält es sich genau umgekehrt: Die immer stärkere Sortierung in Gewinner- und Verliererstadtteile ist die Folge einer an Raumfragen desinteressierten Sozialpolitik. Der urbane Raum an sich bietet in viel besserem Maß als Vorstädte oder das zersiedelte Land die Chance, der sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich durch ein stadtteilübergreifendes und integriertes Angebot sozialer Infrastruktur zu begegnen. Wo ich wohne, darf nicht darüber entscheiden, was ich werde – eben dafür könnte die Stadt sorgen.

Doch die Zahl der Lehrer, die Ganztagsbetreuung, die Bibliotheken, die Sportplätze und kostengünstigen Mobilitäts- und Kulturprogramme werden gerade nicht ausgebaut. Stattdessen erleben wir einen Rückgang lokaler öffentlicher Dienstleistungen. Nach siebzig Jahren Wirtschaftswachstum wird in Deutschland das öffentliche Kultur- und Freizeitangebot ausgedünnt. Die Formel von der „Wiederentdeckung der Stadt“ sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem die attraktiven Innenstädte immer mehr zu Konsumräumen werden, deren Annehmlichkeiten nur den Kaufkräftigen zugänglich sind. Damit fällt die Stadt zunehmend hinter das Versprechen zurück, „eine für alle“ zu sein. Denn dieses Potenzial hat die Stadt gerade heute: Sie muss der Ort sein, an dem jeder aus seinen individuellen Voraussetzungen die Befähigungen für ein gelingendes Leben entwickeln kann.

In der Stadt sind Chancengleichheit und interkulturelles Zusammenleben eng miteinander verknüpft. In deutschen Großstädten haben im Durchschnitt 27 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund. Einwanderer und ihre Nachfahren sind aber auch nach drei Generationen noch nicht selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Dass ein Haus oder eine Nachbarschaft „kippt“ und etablierte Anwohner wegen „Überfremdung“ wegziehen, gilt in Deutschland oft noch als Automatismus.

Leboratorien der Lebensstile

Dabei sind Großstädte Laboratorien sich ausdifferenzierender Lebensstile. Multikulturalismus ist nur eine Ausprägung der gesellschaftlichen Modernisierung, in deren Verlauf Partnerschafts- und Familienideale, Religionszugehörigkeit und Wohnformen vielfältiger werden. Die soziokulturellen Unterschiede wachsen – nicht mehr nur zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen, sondern auch quer durch die Ethnien. „Die Distanz zwischen traditionellen Industriearbeitern im Eigenheim zu den Yuppies in den Gründerzeitvierteln der Großstädte oder zur deutschen Alternativ-Szene muss nicht unbedingt geringer sein als zum türkischen Milieu in Berlin-Kreuzberg“, schrieb der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann.

In dem Maße, wie sich – katalysiert durch die Kräfte des Immobilienmarktes – jedes Milieu in ein jeweils eigenes Habitat zurückzieht, wird das produktive, innovative Potenzial der natürlichen Spannung zwischen Vertrautheit und Fremdheit in der Stadt verschenkt. So entwickeln sich deutsche Städte in Richtung des amerikanischen Urbanismus: eines Patchworks vieler kleiner, in sich geschlossener Welten mit je eigenen Regeln. Mit einer Renaissance des sozialen Wohnungsbaus könnte Stadtpolitik nun zum einen Verdrängungseffekte mildern und zum anderen dort Öffnung initiieren, wo geschlossene Gesellschaft herrscht.

Die Ausdifferenzierung von Lebensstilen verlangt aber nicht nur nach bezahlbarem Wohnraum, sondern auch nach einer entsprechenden Wohnraumgestaltung, die etwa Platz für Familien mit mehr als zwei Kindern und Elternteilen oder religiöse Praktiken bietet. Besonders wenn – und das wird die eigentliche Herausforderung für die Zukunft der Stadt – altersgerechtes Wohnen in selbstgewählten Gemeinschaften eine Alternative zur Isolation in Ein-Raum-Wohnungen und Altersheimen sein soll. In vielen Mehrgenerationen-Wohnprojekten wird die gegenseitige, generationsübergreifende Unterstützung im Alltag bereits praktiziert.

In der Stadt wird sich zudem entscheiden, wie wir in Zukunft arbeiten werden. Natürlich können Städte allein nicht die strukturellen Ursachen für Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung lösen. Aber der gestaltete Stadtraum hat das Potenzial, die Arbeitswelt zukunftsfähiger und lebenswerter zu machen. Die Stadt kann Fragen der Entwicklung des Wirtschaftsstandortes mit sozialen und gemeinwohlorientierten Fragen verknüpfen.

Wenn von Stadt, Arbeit und Zukunft die Rede ist, ist meist der Hoffnungsträger Kreativwirtschaft nicht weit. Und tatsächlich ist es eine Stärke moderner Großstädte, dass sie kluge und junge Menschen anziehen, die kollaborativ an den Technologien und Ideen der Zukunft arbeiten wollen. Allerdings kann selbst in einer Stadt wie Berlin die Kreativwirtschaft bisher kaum mehr als 150 000 Menschen beschäftigen.

Die Frage nach dem Sinn des Tätigseins

Daher muss die Diskussion um lebenswerte Arbeit in der Stadt weitergehen. Die Arbeitsgesellschaft der Zukunft wird nicht nur aus der digitalen Bohème bestehen, sondern, wie es der Soziologe Ulrich Beck formuliert, eine „Gesellschaft pluraler Tätigkeiten“ sein: eine Arbeitsgesellschaft, in der die Menschen selbstbestimmte Kombinationen von Erwerbsarbeit, Erziehung und Pflege, ehrenamtlichem Engagement und Eigenarbeit wählen. Hier kann die Stadt unterstützend wirken und dem Wunsch nach Vereinbarkeit von Arbeit und übrigem Leben konkret begegnen.

Die Doppelbelastung durch Erwerbsarbeit und care work ist ein gutes Beispiel. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird bis 2030 um gut eine Million anwachsen. Zugleich steigen Ausbildungsniveau und Erwerbsbeteilung junger Frauen, ohne dass in gleichem Maße eine umfassende Kinderbetreuung zur Verfügung stehen würde. Daraus ergeben sich für Frauen wie für Männer verschärfte Probleme der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit, Kinderbetreuung und Elternpflege. In dieser Rushhour des Lebens kann die kluge Ausgestaltung von städtischem Raum und Wohnraum entscheidend zur Lebensqualität im Alltag beitragen: kurze Wege zwischen Wohnort, Arbeit und Kindergarten; Wohnungen, die das Zusammenleben mit pflegebedürftigen Angehörigen ermöglichen oder das Leben von Familien mit zwei berufstätigen Eltern berücksichtigen.

Das Potenzial der Stadt, die Arbeitswelt der Zukunft lebenswerter zu machen, betrifft auch die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Wo früher der Dualismus von Betrieb und Kleingartenanlage die Regel war, stellen sich heute immer mehr Menschen die Frage nach dem Sinn ihres Tätigseins. Für 36 Prozent der Deutschen heißt die Antwort bürgergesellschaftliches Engagement – vor Ort und mit dem, was sie können. Über die traditionellen Milieus hinweg wächst der Wunsch, sich freiwillig zu engagieren. Die Stadt kann den Rahmen bieten, um dieses Potenzial zu nutzen.

Um diese Möglichkeiten der Stadt zu nutzen, wird sich Stadtpolitik an vielen Stellen aktiv einmischen müssen. Das kostet Geld. Doch diese Investitionen lohnen sich. Denn sie wirken unmittelbar dort, wo unsere Gesellschaft gerechter, inklusiver und innovativer werden kann. Da sich auf kommunaler Ebene entscheidet, ob Stadtpolitik gelingt, die Kommunen aber ohnehin schon chronisch unterfinanziert sind, wird man nicht umhin kommen, EU- und Bundesmittel heranzuziehen und eventuell ein Abgabemodell zu entwickeln, dass Investoren an den Kosten einer inklusiven Stadt beteiligt. Doch abgesehen von den finanziellen Mitteln braucht es auch Vernetzung, Mitbestimmung, informelle Lösungen – und klug gebaute Häuser und Plätze sowie eine zukunftsgerichtete Infrastruktur.

Erfolgreiche Stadtpolitik muss also Akteure untereinander und mit den Bürgern vernetzen. Angesichts immer vielfältigerer Lebensentwürfe und Problemlagen ist die Förderung flexibler, dezentraler und selbstorganisierter Netzwerke ein Grundbaustein lebensweltnaher Stadtpolitik. Dabei geht es um Präventionsnetzwerke für Jugendliche, die Lehrer, Ehrenamtliche und Quartiermanager zusammenbringen, um den gelingenden Einstieg in die Gesellschaft sicherzustellen; um Netzwerke, die Eltern bei der Bewältigung der Doppelbelastung von Erwerbsarbeit und Betreuungs- und Pflegearbeit unterstützen. Hier zeigt sich deutlich, dass die Kürzung des Bundesprogramms „Soziale Stadt“, das explizit einen Schwerpunkt auf Vernetzung gelegt hat, ein Schritt in die falsche Richtung war.

Politik, die das Potenzial der Stadt nutzen will, braucht auch den Mut zu echter Mitbestimmung. Stuttgart 21 hat gezeigt, dass die bestehenden Strukturen der Bürgerbeteiligung offenbar nicht mehr ausreichen, um dem wachsenden Bedürfnis der Menschen nach Einflussnahme auf diejenigen urbanen Räume Rechnung zu tragen, die ihre unmittelbare Lebensqualität bestimmen. Zugleich sind die Möglichkeiten der lokalen Teilhabe von Einwanderern und sozial Schwachen nicht ausgeschöpft. Niedrigschwellige Angebote zum Mitentscheiden, Mitmachen und Selbermachen, die den Gedanken des Gemeinwohls erfolgreich zur Geltung bringen, können die Stadt wieder zur Arena demokratischer Prozesse machen.

Die aktive, progressive, gemeinschaftliche Stadt

Allein die Vernetzung und Beteiligung sozial schwacher und älterer Bürger wird die häufig isolierten Problemviertel aber nicht zur Gesamtstadt hin öffnen oder gar die Lebensqualität im Alter steigern. Inklusion heißt nicht nur Partizipation, sondern auch Mobilität. Eine inklusive Stadtpolitik muss Wohn- und Mobilitätsangebote schaffen, die den Zugang zur Stadt und ihren Potenzialen für alle sicherstellt. Einwanderungsquartiere sichern das Ankommen in der Stadt, die Übergänge in die Gesellschaft der Einheimischen sind jedoch alles andere als leicht.

Der Ruf nach einer politisch gestalteten Form der Stadt soll allerdings nicht als Überhöhung städtebaulicher Masterpläne missverstanden werden. Gerade von den Anwohnern selbst gestaltete, temporäre Stadträume können die Sehnsucht nach individuellen Orten abseits gleichförmiger Fußgängerzonen stillen. So erklärt sich etwa der Erfolg der Gartenprojekte auf dem Tempelhofer Feld in Berlin und des Gängeviertels in Hamburg. Weil Wohnen auch etwas mit Heimat zu tun hat, mit dem Bedürfnis, an einem konkreten Ort heimisch werden zu können. Stadtplanung muss offen bleiben für informelles Handeln und das Experimentieren in Gemeinschaft.

Mit strengeren Mieterschutzgesetzen und der von Peter Ramsauer geforderten Renaissance des Wohnungsbaus wird man der Wohnungsnot in deutschen Großstädten begegnen können. Urbanisierung allein ist jedoch keine Garantie für ein gelingendes Zusammenleben. Ihr Potenzial hierzu nutzt die Stadt nur, wenn sie aktiv und progressiv gestaltet wird. Wenn sie eine gemeinschaftliche Stadt ist. Dann kann sie selbst die Antwort auf einige der großen Herausforderungen unserer Gesellschaft sein.


Der Text erschien zunächst in der Ausgabe 1/2013 der „Berliner Republik“.