Leben & Arbeiten Debattenbeitrag Rezension

Sozialstaat als System in Bewegung



Wolfgang Schroeder genügt es nicht, wenn der Sozialstaat Akzeptanz genießt. Er wünscht ihn sich wirksam, attraktiv und gesellschaftlich vernetzt.


Die vielfältigen Fragen, auf die eine moderne Sozialpolitik Antworten finden muss, lassen sich nicht mit simplifizierenden Schlagworten lösen. Wolfgang Schroeder macht mit seinem Beitrag zur Sozialstaatsdebatte deutlich, dass gute Sozialpolitik vor allem mit guten Ideen zu tun hat.

Schroeder blickt zunächst auf die Geschichte des Sozialstaates zurück. Dessen grundsätzliche Architektur hält er nach wie vor für tragfähig. Er plädiert aber dafür, das Augenmerk stärker als bisher auf die Wirksamkeit des Sozialstaates zu richten. Dabei ist ihm die Weiterentwicklung zu einem inklusiven und vorsorgenden Sozialstaat wichtig. Zwei Themenkomplexe, mit denen sich eine Politik der sozialpolitischen Wirksamkeit viel stärker befassen müsse, stellt Schroeder in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: zum einen soziale Netzwerke als niedrigschwellige Zugänge zu sozialstaatlichen Institutionen und zum zweiten die Menschen, die in sozialen Berufen beschäftigt sind.

Mehr als gut durchdachte Thesen

Wolfgang Schroeder versteht den Sozialstaat nicht als etwas abgeschlossenes, sondern als System in Bewegung. Der demographische Wandel, die Migration, eine sich stetig wandelnde Arbeitswelt und sich – endlich – ändernde Geschlechterrollen sind die Kräfte, die den Wandel vorantreiben. Die vorsorgende Sozialpolitik müsse sich in erster Linie um Familie, Bildung, Gesundheit und Arbeitsmarkt kümmern, damit allen Bürgerinnen und Bürgern gleichberechtigte Teilhabechancen eröffnet werden könnten. Diese Bereiche müssten besser koordiniert werden, wobei die besonderen Herausforderungen von Migration und längerer Lebenserwartung zu berücksichtigen seien.

Der Band bietet aber mehr als gut durchdachte Thesen. Schroeder zeigt sich als Mann der Praxis, wenn er in einem eigenen Kapitel eine Reihe von Best-Practice-Modellen auf kommunaler Ebene präsentiert. Sie alle stehen exemplarisch für seine erste Kernthese: Aus dem sozialen Netz, wie wir es kannten, wird das soziale Netzwerk. Nicht im Internet, sondern ganz real, ganz greifbar im Sinne von Kooperationen, die Entfaltungsmöglichkeiten stärken. Den Apologeten der vermeintlich einfachen Lösungen führen diese Beispiele vor Augen: Unsere Gesellschaft braucht nicht einfache, sondern kreative Lösungen.

Solche Vernetzungen können auf vielen Ebenen angesiedelt sein, ob es um Kinderbetreuung geht, um Bildung oder Pflege. Ausgesprochen wichtig sind sicherlich die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Lebensphasen, vor allem der Übergang von der Schule in den Beruf. Wir wissen, dass im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit oftmals fehlende Schulabschlüsse oder fehlende berufsqualifizierende Abschlüsse wesentliche Gründe für schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind.

Dies ist ein Bereich, um den sich Hamburg bereits besonders kümmert. Ganz im Sinne von Wolfgang Schroeders Argumentation haben wir verschiedene Angebote gezielt miteinander vernetzt: In der neu geschaffenen Hamburger Jugendberufsagentur kooperieren die Berufsberatung und das Team „Akademische Berufe“ der Agentur für Arbeit, die Ausbildungs- und Arbeitsvermittlung von Arbeitsagentur und Jobcenter sowie mehrere Behörden. Gemeinsam begleiten sie Jugendliche nach dem Ende ihrer Schullaufbahn, bis sich ihnen eine konkrete Berufsperspektive eröffnet – mit abgeschlossener Ausbildung oder mit erfolgreich beendetem Studium. Und wo es an Eigeninitiative fehlt, da darf gelegentlich auch einmal etwas geschoben werden.

Anerkennung und Professionalisierung

Im zweiten großen Schwerpunkt seines Bandes widmet sich Schroeder den „Akteuren des Sozialstaats“. Er meint damit diejenigen, die sich in sozialen Berufen engagieren: Altenpfleger, Erzieherinnen, Lehrer und viele andere. Der Autor schlägt mehrere Strategien vor, um die Attraktivität dieser Berufe zu erhöhen. Dazu zählt – natürlich – eine faire Entlohnung für Tätigkeiten, von denen das Wohlergehen unserer Gesellschaft absehbar immer stärker abhängen wird. Es geht ihm aber auch um gesellschaftliche Anerkennung und eine vorsichtige Fortsetzung der Professionalisierung. Dies gelte vor allem für die Altenpflege, die noch weit davon entfernt sei, eine „selbstbewusste Profession“ zu sein, obwohl sich die Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich seit Mitte der neunziger Jahre bereits mehr als verdoppelt habe. Diese Branche, die weiterhin kontinuierlich wachsen wird, verdeutliche auch ein anderes Phänomen: den geringen Anteil von Männern in den sozialen Berufen. Auch hier bestehe Nachholbedarf.

Wolfgang Schroeder mahnt eindringlich zum Aufbruch. Mit dem gegenwärtigen Zustand unseres Sozialstaats geht er hart ins Gericht. Man kann ihm entgegenhalten, dass sich der Sozialstaat in der Krise bewährt hat: Besonders die Kurzarbeiterregelung hat verhindert, dass die wirtschaftlichen Turbulenzen der vergangenen Jahre in Deutschland voll durchschlagen konnten. Das hat die Akzeptanz des Sozialstaates stabilisiert und dazu beigetragen, verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Unstreitig ist jedoch, dass die sozialen Sicherungssysteme nur in dem Maße funktionieren können, wie sie von denjenigen, denen sie Sicherheit bieten sollen, akzeptiert und für sinnvoll gehalten werden. Und vielleicht ist es ja sogar möglich, dass der Sozialstaat über die bloße Akzeptanz hinaus, mit welcher wir notwendigen Einrichtungen unserer Gesellschaft so oft begegnen, wieder an Attraktivität gewinnen kann. Nicht nur, weil er Sicherheit bietet, Lebenschancen verschafft und sozialen Aufstieg ermöglicht, sondern weil er sich in ein immer attraktiveres Berufsfeld auf dem Arbeitsmarkt verwandelt. Auch in diesem Sinne ist Wolfgang Schroeders Buch ein Plädoyer für einen attraktiven Sozialstaat.


Wolfgang Schroeder, Vorsorge und Inklusion: Wie finden Sozialpolitik und Gesellschaft zusammen?, Berlin: vorwärts buch 2012, 120 Seiten, 10 Euro

Die Rezension erschien zunächst in der Ausgabe 6/2012 des Debattenmagazins Berliner Republik.





Olaf Scholz


veröffentlicht am

9. Dezember 2012


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