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Sozialer Aufstieg reloaded



„Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt“, sang Hazy Osterwald, als die Bundesrepublik 1966/67 erstmals in eine Wirtschaftskrise rutschte. Kurz darauf stellte die Regierung Brandt Leitern für den sozialen Aufstieg bereit. Dasselbe ist heute wieder nötig.


Jahrzehntelang galt das Kernversprechen der sozialen Marktwirtschaft, dass Anstrengung sich lohnt. Wer die Ärmel hochkrempelte und in die Hände spuckte, der konnte sich nach oben arbeiten. Selbst wer aus einfachen Verhältnissen stammte, konnte sich mit Fleiß und Beharrlichkeit den Traum vom Reihenhaus im Grünen oder einer gelegentlichen Fernreise erfüllen – und relativ sorglos in die Zukunft blicken, schließlich sicherte die Rente den einmal erreichten Status ab. Der materielle Aufstieg gehörte zu einer normalen Biografie dazu. Der Soziologe Ulrich Beck sprach vom Fahrstuhleffekt: Alle fahren gemeinsam und gleichzeitig nach oben – wenn auch nicht alle gleich weit.
Inzwischen scheint diese Aufstiegsverheißung brüchig geworden zu sein. Die durchschnittlichen Realeinkommen stagnieren, die Einkünfte spreizen sich immer weiter. Befristete Arbeitsverträge und schwindende Tarifbindung verunsichern die Menschen. Hinzu kommt die aktuelle Finanzkrise: Aktienkurse rauschen in die Tiefe, die Konjunktur trübt sich ein, die Angst um den eigenen Arbeitsplatz geht um.
Viele haben heute mehr Angst vor dem sozialen Abstieg, als dass sie an ihre Chance zum Aufstieg glauben. Das Gefühl macht sich breit, dass der Fahrstuhl nur noch für wenige nach oben fährt. Laut einer Allensbach-Umfrage sind rund 40 Prozent der berufstätigen Bevölkerung insgesamt und 59 Prozent der Berufstätigen aus den unteren Einkommensklassen überzeugt, die sozialen Schichten seien zementiert und sie könnten ihren sozialen Status nicht durch Leistung verbessern – eine gefährliche Entwicklung.

Verlierer zweifeln eher an der Demokratie

Denn so wie in der Demokratie die Minderheit die Chance haben muss, zur Mehrheit zu werden, so muss der Einzelne, der unten ist, die Möglichkeit haben, nach oben zu kommen. Jeder muss die Chance erhalten, etwas zu leisten, und darauf bauen können, dass eigene Anstrengung sich lohnt. Kann der Sozialstaat diese Gewissheit nicht mehr vermitteln, sinkt das Vertrauen in die Demokratie. Eine Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung legte das Potenzial der Demokratieentfremdung offen: So gibt es einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung der eigenen sozialen und finanziellen Situation und der Einstellung zur Demokratie. Menschen in schwierigen Lebensumständen stehen häufig in großer Distanz zur Demokratie. Mehr als die Hälfte derjenigen, die sich auf der Verliererseite sehen, beurteilen die Demokratie kritisch und halten unsere Gesellschaftsordnung für nicht verteidigenswert. Insgesamt sind dies gut 20 Prozent der Befragten.
In Wirklichkeit ist es um die Aufstiegschancen bei Weitem nicht so schlecht bestellt, wie viele meinen. Günstige globale Trends und die demografische Entwicklung eröffnen vor allem den Jüngeren viele Möglichkeiten. Wenn wir in Deutschland unsere Wettbewerbsvorteile auf dem Gebiet der Innovation sowie die sich abzeichnende starke Fachkräftenachfrage klug nutzen und zugleich wachstumsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen, dann kann das alte Aufstiegsversprechen erneuert werden. Um Wege nach oben zu öffnen, sind allerdings politische Anstrengungen nötig: Wir müssen das Bildungsniveau vom Kindergarten an bis hinein in das Berufsleben heben und immer wieder neue Chancen für den Aufstieg durch Bildung ermöglichen. Damit die Chancen für die Einzelnen und die ganze Gesellschaft genutzt werden können, müsste aber auch eine politische Aufbruchstimmung für eine durchlässige Gesellschaft entfacht werden.
Deutschland ist ein Gewinner der Globalisierung. Zwar wird der von der Finanzkrise verursachte weltweite Abschwung auch bei uns seine Spuren hinterlassen, aber mittelfristig bleiben globale Trends intakt, die das deutsche Wirtschaftswachstum befördern. Deutsche Unternehmen profitieren vom Aufschwung der osteuropäischen Mitgliedsstaaten der EU und vom Aufstieg neuer Industrieländer in Asien und Südamerika. Sie sind wichtige Ausrüster der weltweiten Konsumgüterproduktion sowie Lieferanten beim Aufbau von Infrastruktur. „Made in Germany“ steht weiter hoch im Kurs. Hinzu kommt die weltweit steigende Nachfrage nach Hightech auf Gebieten wie Transport und Logistik, im Maschinen- und Anlagenbau oder in der Umwelttechnologie, wo deutsche Unternehmen weltweit führen.

Den Vorsprung halten – auch in der Krise

Das Wachstum der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahre ist auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt angekommen. Die Zahl der Erwerbstätigen ist stark gestiegen – und zwar nicht nur in gut bezahlten Boombranchen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schätzt, dass aufgrund der verbesserten Arbeitsmarktsituation 1,2 Millionen Menschen weniger von Armut betroffen sind. Erstmals seit 16 Jahren sank die Arbeitslosigkeit im Jahr 2008 unter die drei Millionen-Marke.
Die einsetzende Wirtschaftskrise wird Rückschläge bringen. Umso wichtiger ist jetzt, dass Deutschland seinen technologischen Vorsprung hält und in Wachstumsbranchen erfolgreich bleibt. Dafür braucht es ausreichend Unterstützung für Forschung und Entwicklung und günstige Bedingungen für technologieorientierte Neugründungen.

Möglichst viel Bildung für möglichst viele

Neben den Potenzialen der Globalisierung eröffnet auch die demografische Entwicklung in Deutschland neue Chancen für den sozialen Aufstieg. Das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) schätzt, dass allein zwischen 2010 und 2020 knapp 500.000 Hochschulabsolventen, knapp 700.000 Fachhochschulabsolventen und rund 250.000 Fachkräfte mit Meister-, Techniker- oder Fachschulabschluss zusätzlich nachgefragt werden. Schon heute suchen viele Unternehmen händeringend nach qualifiziertem Personal – künftig werden sie sich noch stärker anstrengen müssen, um Fachkräfte anzuwerben und zu halten. Leistungsträger werden leichter Lohnsteigerungen durchsetzen können – ideale Bedingungen also für ältere Arbeitnehmer, deren Kompetenzen und Erfahrungen wieder stärker geschätzt werden. Und glänzende Aussichten für die heutigen Abiturienten und Studienanfänger.
Richtig ist aber auch: Nicht alle Bürger profitieren gleichermaßen von Globalisierung und demografischem Wandel. Die Situation für Geringqualifizierte bleibt prekär. Für sie geeignete Arbeitsplätze wurden in den vergangenen Jahren in Länder mit niedrigem Lohnniveau verlagert. Um diesen Prozess wenigstens zu verlangsamen, sind hierzulande die Löhne gesunken. Wie der britische Soziologe Anthony Giddens ausführt, stieg in den Ländern der EU zwischen 1995 und 2004 der Anteil der Arbeitsplätze, für die eine hohe Qualifikation notwendig ist, von 20 auf 24 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil der Arbeitsplätze für Menschen mit geringem Qualifikationsniveau von 34 auf 25 Prozent. Das IZA rechnet bis zum Jahr 2020 mit einem weiteren Rückgang von 415.000 Stellen für Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung.
Um die soziale Ungleichheit zu verringern, müssen wir alles dafür tun, dass jeder ein freies und selbstbestimmtes Leben führen kann. Wenn also in einer globalisierten Welt die Chancen der Geringqualifizierten schrumpfen, dann kann die Konsequenz nur lauten, möglichst viele Menschen auf ein höheres Bildungsniveau zu heben und allen den Zugang zur bestmöglichen Bildung unabhängig von ihrer Herkunft zu eröffnen. Hier gibt es einen enormen Nachholbedarf. Zu viele junge Menschen bleiben auf der Strecke. Jährlich verlassen knapp 80.000 Jugendliche die Schule, ohne auch nur über einen Hauptschulabschluss zu verfügen. Und in keinem anderen industrialisierten Land der Welt ist der Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern so stark von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland. Von 100 Akademikerkindern landen 83 an der Hochschule, von 100 Nichtakademikerkindern ganze 23.
Besonders schlecht sind die Chancen von Kindern und Jugendlichen aus Einwandererfamilien. Nur zehn Prozent von ihnen machen das Abitur, nur drei Prozent erreichen einen Hochschulabschluss – aber fast jeder fünfte verlässt die Schule ohne Abschluss. Die Dimension der Misere wird noch deutlicher, wenn man sich vor Augen führt, dass in Deutschland inzwischen jedes dritte Kind unter sechs Jahren aus einer Einwandererfamilie stammt – und in städtischen Ballungszentren sogar fast die Hälfte.

Aufstieg als Gebot ökonomischer Vernunft

Angesichts einer schrumpfenden Bevölkerung sind wir darauf angewiesen, das Potenzial jedes Einzelnen besser zu nutzen. Die Deutsche Industrie und Handelskammer rechnet vor, dass fehlende Fachkräfte im Jahr 2007 zu einem Wertschöpfungsverlust von 23 Milliarden Euro geführt haben, was einem Prozentpunkt weniger Wachstum entspricht. Deshalb profitiert die ganze Gesellschaft davon, wenn die Aufstiegschancen jedes und jeder Einzelnen erhöht werden. Verbessert sich die Bildungssituation nicht – besonders diejenige der Jugendlichen aus Einwandererfamilien –, verspielt die deutsche Wirtschaft Zukunftschancen. Der Aufstieg der weniger Privilegierten ist auch ein Gebot der ökonomischen Vernunft.
Soziale Gerechtigkeit ist nicht das Luxusprodukt einer wachsenden Wirtschaft, sondern die Voraussetzung für Wirtschaftswachstum. Zwar lässt sich soziale Gerechtigkeit ohne eine dynamische Wirtschaft schwieriger herstellen. Aber es gilt eben auch: Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keine dynamische Wirtschaft. Schlecht ausgebildete junge Menschen werden nicht nur um ihre individuellen Lebenschancen gebracht, sondern belasten schon nach wenigen Jahren auch die Solidargemeinschaft. Umgekehrt kann jeder gut ausgebildete Mensch mit seiner Arbeit und seinem Wissen zum Fortschritt und damit zum Wachstum beitragen. So wirken die Gebote der Gerechtigkeit und des ökonomischen Nutzens mit dem Ziel einer dynamischen Gesellschaft zusammen.

Je früher, desto erfolgreicher

Entscheidend ist, schon bei der frühkindlichen Bildung anzusetzen. Qualitativ hochwertige Kindertagesstätten können herkunftsbedingte Sprachdefizite noch rechtzeitig ausgleichen. 39 Prozent der Kinder aus Einwandererfamilien, die einen Ganztagskindergarten besucht haben, besuchen später das Gymnasium – im Vergleich zu 9 Prozent, die eine solche ganztägige Betreuung nicht genossen. Es bestätigt sich das Credo des Ökonomen und Nobelpreisträgers James Heckman: Je früher im Leben vom Schicksal benachteiligte Kinder gefördert werden, desto größer ist die Aussicht auf Erfolg – und umgekehrt. Heckman zufolge besteht die Schwäche des Sozialstaates darin, dass er sich zu wenig um die Ungleichheiten der Menschen am Beginn des Lebens kümmere. Daher fordert er, die größte Ungerechtigkeit der heutigen Marktwirtschaften abzuschaffen: dass nämlich Kinder aus armen und bildungsfernen Familien nicht nach oben kommen, auch wenn sie sich noch so anstrengen.
Deshalb gilt: Ungleichheit und Benachteiligung bekämpft man am besten im Kindergarten. Die ersten Lebensjahre sind für die Entwicklung von Sprache, Intelligenz und Kreativität von außerordentlicher Bedeutung. Die SPD hat daraus die Konsequenzen gezogen und bereits bei der Regierungsübernahme im Jahr 1998 die gesetzliche Grundlage für 230.000 zusätzliche Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren geschaffen. Und in der Großen Koalition haben Sozialdemokraten durchgesetzt, dass es ab dem Jahr 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz vom ersten Lebensjahr an geben wird.

Das konservative Leitbild führt in die Irre

Auch Ganztagsschulen eignen sich dazu, ungleiche Startchancen auszugleichen. Die in der Pisa-Studie am besten platzierten Staaten waren Länder mit Ganztagsschulen. Deshalb hat die Regierung Schröder den Ausbau der Ganztagsschulen angestoßen. Die Zahl der Ganztagsschüler stieg von 110.000 im Jahr 2002 auf 260.000 im Jahr 2005. Mittlerweile erhalten bereits fast 7.000 Schulen Fördermittel aus dem Investitionsprogramm des Bundes.
Konservative Kritiker liegen grundfalsch, wenn sie den Ausbau der Kindertagesstätten und der Ganztagschulen als „Verstaatlichung der Erziehung“ oder gar als „Angriff auf die Familie“ geißeln. Das konservative Leitbild der heilen Familie, in der die Mutter mit dem Mittagessen auf das Kind wartet und anschließend die Hausaufgaben betreut, entspricht weder der Wirklichkeit noch den Lebenswünschen der Menschen. Und besonders Kinder aus bildungsfernen Schichten erhalten zu Hause nicht die Unterstützung, die sie brauchen. Hier nicht gegenzusteuern hieße, sich mit ungerechten und zugleich wirtschaftlich widersinnigen Verhältnissen abzufinden. Bildungseinrichtungen werden in Zukunft stärker auch Erziehungsaufgaben übernehmen müssen.
Bei der Verbesserung der Bildungschancen kommt der Weiterbildung eine Schlüsselrolle zu. Angesichts des technologischen Wandels müssen selbst diejenigen Erwerbstätigen weiterqualifziert werden, die an einem Arbeitsplatz bleiben. Noch ist Bildung bei uns zu sehr beschränkt auf das erste Lebensdrittel. Daher muss das lebenslange Lernen viel stärker gefördert werden. Beruflich Qualifizierten muss es leichter gemacht werden, auch ohne Abitur eine Hochschule zu besuchen. Das Bafög muss so reformiert werden, dass es auch für ein berufsbegleitendes Teilzeitstudium zur Verfügung steht. Zum lebenslangen Lernen gehört ferner die gezielte Weiterbildung und Umschulung von Arbeitslosen. Menschen brauchen die Chance zum Neuanfang und dürfen nicht mit Sozialtransfers abgespeist werden. Die Leute müssen spüren: Sie bekommen eine zweite, dritte, vierte Chance.

An den sozial-liberalen Fortschritt anknüpfen

Dass eine solche Bildungsoffensive erfolgreich sein kann, zeigt der Blick zurück. Auch Mitte der sechziger Jahre führte der Strukturwandel der Wirtschaft dazu, dass für den sozialen Aufstieg höhere Qualifikationen unerlässlich wurden. Die sozial-liberale Regierung Brandt forcierte eine Bildungsexpansion, die den Anteil der Arbeiterkinder und besonders der jungen Frauen an den Studierenden massiv steigerte. An diese bildungspolitischen Anstrengungen muss Deutschland wieder anknüpfen.
Die Bundesregierung trägt ihren Anteil dazu bei: Der Etat für Bildung und Forschung wird um 730 Millionen Euro aufgestockt. Noch nie wurde in Deutschland in einem Staatshaushalt so viel Geld für Bildung und Forschung bereitgestellt. Nun sind Länder und Kommunen gefragt: Wenn der Bund mit Milliardensummen Krippen- und Studienplätze mitfinanziert, dann darf erwartet werden, dass die in den Ländern aufgrund sinkender Schülerzahlen frei werdenden Mittel in den Schulen bleiben und nicht abgezogen werden.
Die Politik kann Rahmenbedingungen setzen. Wichtig für die Aufstiegschancen in einer Gesellschaft ist aber auch, dass sich die oberen Schichten nicht gegen Aufsteiger aus unteren Schichten abschotten. Dazu gehören der Wunsch nach Dynamik und eine aufstiegsorientierte Mentalität – bei denen, die nach oben wollen und vor allem auch bei denen, die bereits oben sind. Denn noch hat die ungleiche Verteilung der Bildungs- und Berufschancen auch etwas mit Vorurteilen zu tun.

Einwanderer und Frauen werden benachteiligt

Um überhaupt eine Gymnasialempfehlung von der Schule zu erhalten, müssen Kinder aus unteren Sozialschichten deutlich höhere Kompetenzen mitbringen als sozial besser gestellte Kinder. Im Berufsleben setzen sich die vorurteilsbelasteten Ab- und Ausgrenzungsmechanismen fort. Die OECD kam 2008 zu dem Ergebnis, dass Frauen und Menschen aus Einwandererfamilien auf dem deutschen Arbeitsmarkt benachteiligt werden, obwohl die Gesetzgebung gegen Diskriminierung hierzulande zu den fortschrittlichsten der OECD-Länder gehöre. Um überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, müssen Menschen aus Einwandererfamilien demnach fast doppelt so viele Bewerbungen schreiben wie vergleichbar qualifizierte Arbeitsuchende ohne Einwandererbiografie. Frauen wiederum verdienen als Vollzeitbeschäftigte im Schnitt rund ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen; nur in Japan und Korea ist der Lohnabstand noch größer.
Als einen Grund nennt der Bericht, dass Personalentscheider Frauen und Einwanderen offenbar eine geringere Produktivität zuschreiben. Zudem gilt das Sprichwort: „Gleich und Gleich gesellt sich gern.“ Führungkräfte suchen für Spitzenpositionen Leute, die einen ähnlichen Lebenslauf und Habitus haben. Der Soziologe und Eliteforscher Michael Hartmann hat die beruflichen Laufbahnen von 6.500 promovierten Akademikern verglichen und kommt zu dem Ergebnis: Die Herkunft entscheidet – nicht die Zeugnisse. Stallgeruch zählt – nicht Leistung. Die bürgerliche Elite bleibt gerne unter sich. Diese zugleich leistungsfeindlichen und gerechtigkeitswidrigen Mechanismen müssen offengelegt und bewusst gemacht werden. Der demografische Wandel bietet die Gelegenheit, solche Ausgrenzungsmechanismen aufzubrechen. Wenn es nicht genügend Nachwuchskräfte gibt, schlägt die Stunde leistungsbereiter Aufsteiger, die deshalb von Anfang an nach Kräften gefördert werden müssen.
Aber der Aufstieg beginnt auch im eigenen Kopf. Der Einfluss des eigenen Selbstwertgefühls und des Selbstvertrauens bei Aufstiegsentscheidungen wurde bisher unterschätzt. Was hält beispielsweise Arbeiterkinder davon abhält, sich für ein Studium zu entscheiden? Die Soziologen Anna Etta Hecken und Rolf Becker kommen zu dem Ergebnis, entscheidend seien subjektiv empfundene Erfolgsaussichten: Wer glaubt, sein Studium gut bis sehr gut meistern zu können, entscheidet sich dafür. Dabei zweifeln Arbeiterkinder bei gleichen Noten viel eher an ihren Fähigkeiten als ihre Mitschüler aus höheren sozialen Schichten. Deshalb müssen Wege gefunden werden, diejenigen, die sich zu wenig zutrauen, gesellschaftlich zu ermutigen.
Neben Abstiegsängsten gibt es also auch Aufstiegsängste. Denn jede Veränderung des gewohnten sozialen Umfelds ist mit Dissonanzen und Distanzierung vom bisherigen Lebensstil, von der bisherigen Umgebung verbunden. Aufstieg muss deshalb wieder viel offensiver und positiver besetzt werden. Genau deshalb brauchen wir hochwertige frühkindliche Bildung, eine umfassende Bildungsexpansion und die Mentalität einer offenen Gesellschaft, die Chancen organisiert und Leistungsbereitschaft belohnt. Sozialer Aufstieg und wirtschaftliche Dynamik gehören zusammen. Sie schaffen Wohlstand, Teilhabe und mehr Demokratie.


 

Dieser Beitrag erschien zuerst im Debattenmagazin Berliner Republik.