Zukunft der Demokratie Debattenbeitrag

Gehört Framing auf die Lehrpläne der Schulen?

Die Macht der Sprache und Relevanz von Sprachkritik


Eric Wallis bloggt, lehrt und schreibt über die Wirkung von Sprache in Politik und Werbung. Er liefert Gründe, warum Framing auf den Lehrplan gehört.


Schau mal, auf deiner Schulter sitzt ein Insekt!“ – Wer das hört, wird sich vermutlich bangend fragen: „Kann es stechen, saugt es Blut?”

Je nachdem, in welchen Rahmen ich bestimmte Sachverhalte einbette, entstehen daraus unterschiedliche Verhaltensimpulse.

Schau mal, auf deiner Schulter sitzt ein Schmetterling!“ – Wer das hört, wird sich freuen und das Smartphone zücken, um ein Selfie zu machen.

Interessant ist: Keine der Äußerungen argumentiert oder versucht gar zu überzeugen. Und doch bleiben Überzeugte zurück. Die erste Äußerung schafft einen Besorgten. Die zweite einen erfreuten Menschen. Noch interessanter ist: Beide Äußerungen sind wahr und nicht gelogen. Willkommen in der Welt des Framing. Dass so auch politische Kommunikation funktioniert, wusste bereits Cicero. Insofern ist Framing ein Modebegriff. Dass Framing in Deutschland zur Mode wurde, verdanken wir dem Rechtspopulismus.

Einstellungen sind Framings in unseren Köpfen

Nun lässt sich sagen, dass es das eine nicht ohne das andere gäbe. Wer eine Debatte über die Macht der Sprache gutheißt, muss unterschiedliche gesellschaftliche Sichtweisen in Kauf nehmen. Aber wie können wir uns dann davor schützen, dass dieses in Kauf nehmen nicht (wieder) dazu führt, dass sich ein menschenfeindliches System etabliert? Das ist der Punkt, an dem die Debatte stockt.

Wie können wir uns davor schützen, dass nicht (wieder) ein menschenfeindliches System etabliert wird?

Zwar geht es oft darum, wie die Politik redet. Unser eingeübtes Spiel geht nun so, dass die eine Seite der jeweils anderen vorwirft eine falsche bzw. manipulative Sprache zu gebrauchen. Gar nicht so einfach für die armen Bürgerinnen und Bürger. Meist stellen sie sich auf eine der beiden Seiten und schreien mit im Chor gegenseitiger Beschuldigungen. Das erleben wir besonders stark in den sozialen Medien und nennen es liebevoll „Filterblase“. Am Ende hat man zwei riesige Chöre, die gegeneinander anschreien und niemand hört den anderen, auch weil es viel zu laut ist. Dass das nicht gut sein kann, spüren viele, aber der Rausch der Bewegung zieht uns eben mit.

Diese Wörter hetzen Menschen auf

Die Debatte über die Macht der Sprache ist jedoch weitaus kleiner als die Zahl derer, die wirklich Angst haben, wenn sie Wörter hören wie „Anti-Abschiebe-Industrie”, „Messereinwanderung” oder „Bevölkerungsaustausch”. Diese Wörter hetzen Menschen auf. Das können solche Wörter, weil sie Angst machen. Die Fähigkeit, Angst zu machen, haben die Wörter, weil sie an Einstellungen und Überzeugungen andocken. Einstellungen und Überzeugungen sind drin in den Köpfen der Menschen. Wie sind sie dort reingekommen? Durch Sprache. Das ist der Kreislauf. Wer ihn versteht, weiß was zu tun ist. Einstellungen sind nichts anderes als Framings in unseren Köpfen. Einer Biologin wird man schwerlich Angst machen können, wenn man ihr zuruft, dass ein Insekt auf ihrer Schulter sitzt. Sie hat eine andere Einstellung zu Insekten als die meisten anderen. Sie kennt sich in der Materie aus.

Framing gehört auf den Lehrplan

Sprache ist das Mittel, mit dem uns unsere Welt in die Köpfe gesteckt wurde – und jeden Tag aufs Neue vermittelt wird. Sie ist das ursprünglichste Mittel demokratischer Willensbildung. Müssten wir in puncto Sprache und Framing alle zu Biologen werden? Eindeutig: JA! Das Wissen über die Macht der Sprache, die Wirkung von Argumentationsstrategien und politisches Framing gehört als Sprachkritik-Kompetenz in die Lehrpläne unserer Schulen. Es geht um drei Ziele:

  • Sprachliche Einflüsse erkennen und bewerten können,
  • Einstellungen hinter dem Sprachgebrauch aufdecken und bewerten können,
  • angstfrei und gemeinsam debattieren können.

Schaut man sich den Zustand der Debatten und Spaltungen im heutigen Deutschland an, dann ist diese Fähigkeit sogar wichtiger als die Kurvendiskussion im Matheunterricht. Schließlich entscheidet sie über das Mit- oder Gegeneinander in einer Gesellschaft. Über Krieg und Frieden.

 


Hintergrund

Dieser Meinungsbeitrag entstand im Rahmen des Projekts Countering Populism in public space. Gemeinsam mit VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen und jungen Medienschaffenden wurden konkrete Handreichungen und ein multimediales Angebot für den souveränen und bewussten Umgang mit demokratiefeindlichem Populismus in der Öffentlichkeit erarbeitet.

Das Progressive Zentrum brachte AkteurInnen aus dem Mediensektor und der Zivilgesellschaft im Rahmen von zwei Wegweiser-Werkstätten zusammen und bot so einen Rahmen der ko-kreativen Zusammenarbeit und des konstruktiven Erfahrungsaustauschs. Während in der ersten Werkstatt VertreterInnen von gesellschaftsrelevanten Jugendverbänden, religiösen Gemeinden, gesellschaftspolitischen Initiativen, Stiftungen, öffentlichen Einrichtungen und Gewerkschaften zusammenkamen, arbeiteten in der zweiten Werkstatt Medienschaffende aus der journalistischen sowie BloggerInnen- und Social-Media-Szene zusammen. Dabei konnten konkrete Schlussfolgerungen aus ihren bereits erworbenen Erfahrungen im Umgang mit demokratiefeindlichen PopulistInnen gezogen werden.

 

Eric Wallis bloggt, lehrt und schreibt über die Wirkung der Sprache in Politik und Werbung und war Teilnehmender des Projekts Countering Populism in public space.

 

Mehr zu COUNTERING POPULISM