Leben & Arbeiten

Erwartungen, Chancen, Realität: Welchen Beitrag liefern Digital Labs wirklich?

Innovation in Großorganisationen diskutierten Dr. Jennifer Sarah Geffers, Valerie Mocker und Hanno Burmester
Foto: JacobundAlex, 2018

Wie verändern Digital Labs Großorganisationen? Dieser Frage gingen die Volkswagen AG und Das Progressive Zentrum in der gemeinsamen Podiumsdiskussion “Shift Work” nach. Welchen Einfluss Digital Labs wirklich haben können, wurde von den Podiumsteilnehmer sehr unterschiedlich bewertet.


Ob Digital Labs durch Offenheit, Neugierde, Innovationen und Disruption technologischen und gesellschaftlichen Fortschritt erzeugen können, diskutierten Dr. Jennifer Sarah Geffers, Leiterin des Ideation:Hub der Volkswagen AG, Valerie Mocker, Head of European Digital Policy bei Nesta UK sowie Hanno Burmester, Gründer Unlearn Consulting und Policy Fellow bei Das Progressive Zentrum. Moderiert wurde die Diskussion von Dr. Julia Kropf. Zur Veranstaltung am 18. Januar 2018 eingeladen hatten die Volkswagen AG und Das Progressive Zentrum. 

Im DRIVE-Forum der Volkswagen AG findet die Nachhaltigkeitsausstellung shift statt, mit der das Unternehmen über Innovationsthemen wie autonomes Fahren, Industrie 4.0, alternative Antriebe oder Ressourcenschonung interaktiv informiert. Eine geeignete Kulisse, um zu diskutieren, wie Digital Labs die Arbeits- und Lebenswelt bereichern und verändern. Die Veranstaltung war der Auftakt zu einer vierteiligen Talk-Reihe, die im Rahmen der Nachhaltigkeitsausstellung shift stattfindet.

Begrüßt wurden die Gäste von Daniela Blaschke, verantwortlich für shift im Bereich Nachhaltigkeit der Volkswagen AG, und Philipp Sälhoff, Leiter Externe Kooperationen von Das Progressive Zentrum. Die Veranstalter betonten in ihrer Begrüßung, wie wichtig Offenheit, Neugierde, Innovationen und Disruption für technologischen und gesellschaftlichen Fortschritt seien. Digital Labs stünden zwar für diesen Fortschritt, jedoch wären Schlagwörter wie Digitalisierung und Digital Labs zu unkonkret und bedürften näherer Erklärung.

 

Jennifer Sarah Geffers gewährte den knapp 100 Gästen Einblicke in die Arbeitsweise des Ideation:Hub der Volkswagen AG, der externen Start-ups als Anlaufpunkt zur Zusammenarbeit mit Volkswagen dient und gleichzeitig als Ideengeber in das Unternehmen hinein wirkt. Der Hub sei dabei keine losgelöste Insel im Unternehmen, so Geffers, sondern würde sich bedarfs- und problemorientiert an den Interessen der Fachbereiche ausrichten.

Jennifer Sarah Geffers erläuterte, wie der Ideation:Hub die Idee eines Start-ups zur Umsetzung verhilft: Zuerst filtert der Hub von den eingereichten Vorschlägen die vielversprechenden aus und stellt diese dann jenen Fachbereichen vor, die zuvor Interesse an externen Innovationen bekundet hatten.

Dieses Vorgehen trug bereits Früchte: Die erste Idee aus dem Hub wurde bereits konzernweit implementiert. Allerdings warnte Jennifer Sarah Geffers vor zu hohen Erwartungen: Nur ein Bruchteil der eingereichten Innovationen könne auch tatsächlich umgesetzt werden.

 

 

Dieser Auffassung war auch Hanno Burmester, der sich mit seiner Beratungsfirma Unlearn insbesondere mit der organisationskulturellen Ebene der Digitalisierung beschäftigt. Er ordnete in der Diskussion den andauernden Hype der Labs ein: Viele Unternehmen würden auf den Zug der Digital Labs aufspringen und sich zwar optisch, aber nicht im Kern verändern. Viele Erwartungen der Unternehmen seien überzogen: es gäbe keine Wunderinnovationen, die Unternehmen gleichzeitig besser, schneller und günstiger machten.

Auch klassische Innovationsstrukturen waren ein Thema. Als ein Gast aus dem Publikum etablierte Forschungs- und Entwicklungsabteilungen als Dinosaurier abtat, entgegnete Hanno Burmester, dass diese nicht unterschätzt werden sollten: Sie seien noch lange nicht überholt und ohne ihr technisches Know-how ein Industriestandort wie Deutschland nicht denkbar.

Bezüglich kultureller Unterschiede zwischen Großunternehmen und Start-Ups wies Hanno Burmester darauf hin, dass es bei ersteren starke betriebliche Mitbestimmung durch MitarbeiterInnen etabliert sei, während sich letztere oft schwer damit täten. Hinsichtlich der Arbeitnehmerrechte seien klassischen Unternehmen Start-ups noch um Welten voraus.

 

 

Dass deutsche Großorganisationen und die Politik in Sachen Digitalisierung zu ambitionslos und vorsichtig seien, bemängelte Valerie Mocker. Als Leiterin Entwicklung und Europäischer Digitalpolitik der global-operierenden Nesta-Stiftung brachte sie eine internationale Perspektive in die Diskussion. Andere Länder, wie etwa das Vereinigte Königreich oder die USA, seien bereits deutlich weiter. Menschen könnten dort bereits in fast allen Lebensbereichen auf digitale Lösungen zurückgreifen.

Laut Valerie Mocker könnten Innovationsteams ihr Potenzial nur dann voll entfalten, wenn sie möglichst heterogen besetzt seien. Denn homogene Teams würden dazu tendieren, ähnlich zu denken. Dies verhindere den Streit um die beste Lösung.

Sie stellte auch die These auf, dass Deutschlands Wohlstand Innovationen im Land hemmen würde, da das Land im Vergleich zu anderen einen geringeren Veränderungsdruck verspüre.

 

Immer wieder bezog die Moderatorin Julia Kropf das Publikum in die Diskussion mit ein – sowohl per Wortmeldung als auch digital per Smartphone. Die Anwesenden konnten den digitalen Input am Bildschirm live mitverfolgen (siehe dazu folgende Charts). Der rege Austausch wurde nach Ende der Podiumsdiskussion bei Getränken und Snacks fortgeführt.

Fotos von Digital Labs: Was Organisationen tun müssen, um von ihnen zu profitieren

Fotos: Jacob&Alex, 2018