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Raus aus dem Hamsterrad: 10 Thesen für einen besseren Hauptstadtjournalismus

Projekt Linke Mitte _ 18. August 2010 _ Leif Kramp und Stephan Weichert
Die Beweggründe, die Journalisten bei ihrem Tagesgeschäft um- und antreiben, haben oft nichts mit den Standards und Regeln ihres Berufsstandes zu tun. Im Politikalltag sind die Berichterstatter eingebunden in ein undurchsichtiges Gewebe aus Abhängigkeiten und Zwängen, die für idealistische Motive keinen Spielraum lassen.

Das zeichnet sich in Berlin besonders deutlich ab: Gerade Hauptstadtjournalisten leiden unter der ständigen Jagd nach Exklusivmeldungen mit maximalem Showeffekt. Die nachfolgenden Thesen basieren auf einer Vielzahl von Gesprächen mit Korrespondenten und Redaktionsleitern aller tonangebenden Medien, Politikberatern und PR-Strategen aus dem Innern des Medien-Politik-Komplexes. Sie zeichnen ein alarmierendes Bild von einer Medienkrise der besonderen Art. Es geht aber auch um Perspektiven, wie unsere Informationskultur und die Qualität der journalistischen Berichterstattung im digitalen Zeitalter von Twitter, YouTube, Wikipedia und sozialen Netzwerken profitieren könnten.

These 1

Meinungsmacher sein ist ein Privileg, das nicht missbraucht werden darf.

Die Stärkung der Hauptstadtjournalisten als Schleusenwärter in der Informationsflut, die Hintergründe recherchieren, Zusammenhänge erklären und tiefgründige Analysen liefern, ist gerade im digitalen Zeitalter zur Notwendigkeit geworden. Statt mit uninspirierter und fadenscheiniger Haltung eine seitens der Politik kreierte »Unkultur des Lavierens und Schönredens« zu unterstützen, sollten sich Hauptstadtjournalisten insbesondere in der direkten Konfrontation mit der Politik auf ihre Rolle als Spürhunde und Kritiker besinnen. Dazu gehört auch, dass sie Ruhe bewahren und ihre Geschichten erst nach eingehender Reflexion und Kontrolle veröffentlichen. Dass sich dies wegen der verschärften Wettbewerbsbedingungen immer schwerer einhalten lässt, ist ein Totschlagargument, das nicht geltend gemacht werden kann.

These 2

Die Informationsflut erfordert mehr Recherchekompetenz, um den Fastfoodjournalismus einzudämmen.

Immer mehr Hauptstadtjournalisten verlassen sich bei ihren Recherchen hauptsächlich auf das Internet und einen kompakten Kanon von Leitmedien, die dank der digitalen Datenübertragung unkompliziert und schnell Informationsknäuel liefern. Sie werden zu Stubenhockern, die auf weitaus umständlichere Vor-Ort-Recherchen verzichten und dadurch die Gefahr erhöhen, Falschmeldungen und Nachrichtenirrläufern aufzusitzen. Damit geraten eher früher als später Sorgfaltspflicht und letztlich auch die Vertrauenswürdigkeit der Medien unter die Räder.

Um sich vor einer Selbstdegradierung zu derlei Fastfoodjournalismus zu schützen, bedarf es redaktionsseitiger Anstrengungen, zuallererst die Recherchekapazitäten (und nicht zuletzt den Willen dazu) zu stärken. Mittlerweile scheint eine gehörige Portion Chuzpe dazuzugehören, nicht zu glauben, bei Google und Wikipedia finde sich das Wissen der Welt. Insbesondere Hauptstadtjournalisten brauchen darüber hinaus die nötige Standfestigkeit, um nicht auf die Selbstdarstellungsattitüden der Politik hereinzufallen in dem falschen Glauben, es finde sich dafür ein interessiertes Publikum.

These 3

Entschleunigung und Nachhaltigkeit (Slow Media) sind das stärkste Mittel gegen den Glaubwürdigkeitsverlust.

Auch wenn viele Hauptstadtjournalisten anscheinend längst resigniert haben – wenn sie sich weiterhin mitreißen lassen von der Atemlosigkeit des medial Möglichen, wenn selbst erfahrene Korrespondenten im Blindflug durch das politische Berlin schwirren, weil ihnen der Zwang zur Echtzeitberichterstattung den Überblick und die Differenziertheit nimmt, dann ist es an der Zeit, sich offensiv gegen den Wind zu stemmen. Insbesondere auf den Berliner Korrespondenten am Puls der bundespolitischen Legislative und Exekutive lastet die Verantwortung, sich frei zu machen von einem falschen Geschwindigkeitsrausch, der Gift ist für eine professionelle und bedachte Bewertung politischen Handelns. Diese ist jedoch wiederum die wichtigste Voraussetzung für den Status der Medien als Orientierungsgeber, Deutungsinstanz und Welterklärer. Wenn sie nicht bloße Protokollanten sein möchten, sondern ihr ohnehin erodierendes Publikum mit Überblick, Umsicht und Einsicht zu halten gewillt sind, müssen sich die Journalisten der pathologischen Raserei verweigern und auf penible Sorgfalt setzen, auch wenn das bedeutet, im Rennen um die (vor-)schnelle Nachricht der Letzte zu sein. Diese Entschleunigung kann freilich nur mit Unterstützung der Verleger und Senderchefs funktionieren, die ihren Angestellten den Rücken freihalten.

Analog zur genuss- und gesundheitsbewussten »Slow Food«-Bewegung ließe sich eine Slow-Media-Initiative ausrufen, eine Medienberichterstattung, die sich der Besinnung auf die nachhaltigen Qualitäten des Hauptstadtjournalismus verschriebe und im Gegensatz zum Multi- ein Monotasking kultivieren könnte, um politischen Themen durch ungeteilte Aufmerksamkeit sorgsam auf den Grund zu gehen.

These 4

Innovation, nicht Rückspiegeldenken sichert die Zukunft des Politikjournalismus in der Hauptstadt.

Berlin ist das Zentrum einer aufgeweckten Kreativindustrie, die quasi in den Startlöchern steckt, um den journalistischen Prozess mit ihrem Ideenreichtum tatkräftig zu unterstützen. Wenn aber vor allem die Zeitungsverlage mauern und stattdessen an längst überholten Vertriebs- und Werbevorstellungen festhalten, werden sie ihre vielleicht letzte Chance verpassen, die bislang weithin unkoordiniert erfolgten Schritte zu einem tragfähigen Finanzierungs- und Publikationsmodell für den digitalen Journalismus der Zukunft erfolgreich zu verbinden.

Hier kann eine Medienpolitik ansetzen, die günstige Rahmenbedingungen für journalistische Neugründungen und Anreize für publizistische Modellversuche schafft. So rasant, wie sich die Internetnutzung in allen Teilen der Gesellschaft derzeit ausbreitet, muss sich Berlin als Medienstandort ersten Ranges neu entwerfen, um Problemen wie Politikmüdigkeit oder Mediendesinteresse vorzubeugen. Medien- politische Förderpreise und Ideenwettbewerbe sind dabei unumgänglich.

These 5

Politikberichterstattung braucht Lotsen und starke Wege, aber keinen Boulevard.

Berliner Hauptstadtjournalisten sehen sich, anders als ihre vormaligen Bonner Kollegen, einem methodischen wie extrovertierten Kuschelkurs von Akteuren aus den Öffentlichkeitsbereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und nicht zuletzt der Medien selbst ausgesetzt. Hier gilt es, sich gerade in der massenmedial überhitzten Kommunikationsblase in Berlin-Mitte vorzusehen, Substanz von Glanz zu unterscheiden und von inszenierungswilligen Prominenten (allen voran die Spitzenpolitik) nicht instrumentalisiert zu werden.

Überfällig erscheint ein Richtlinienkatalog für den Umgang mit den Granden der Politik: für den persönlichen Austausch ebenso wie für die Verwertung von Kenntnissen aus dem politisch irrelevanten Intimitätsbereich der Volksvertreter. Wer private Belange in der Berichterstattung aufgreift, öffnet dem Boulevard Tür und Tor, auch und gerade, wenn sich die Spitzenpolitik selbstgefällig inszeniert oder wenn schmackhafte, teils auch skandalträchtige Steilvorlagen von Bild, Bunte & Co. über den Ticker laufen.

Der Glaube an den Skandal und die Unterstellung, dem Publikum schmecke die fortschreitende Boulevardisierung und Trivialisierung des Politikjournalismus, sind die zwei größten Irrtümer des zeitgenössischen Journalismus. »Die Leser interessiert auch Pornographie«, bringt es der ehemalige dpa-Büroleiter Martin Bialecki auf einen irritierenden gemeinsamen Nenner: Trotzdem sei es ja nicht die Aufgabe von Journalisten, diesem Wunsch nachzukommen, sagt Bialecki.

Politik braucht kein Boulevard – Politik braucht Aufklärung: Aufklärung entsteht durch Reduktion von Komplexität, aber nicht im Sinne der Befriedigung voyeuristischer Interessen, sondern indem abstrakte Politik der Lebenswelt der Bürger näher gebracht wird.

These 6

Ohne Rückzugsräume wird Selbstkorrektur in den Redaktionen ein Fremdwort bleiben – und das ist schlecht.

Die meist erfahrenen leitenden Politikkorrespondenten befinden sich in einer besonders verzwickten Situation – gegenüber der Geschäftsführung und gegenüber der Redaktion. Der Spagat zwischen ökonomischen Erwägungen und journalistischen Idealen stellt sie in Zeiten zunehmender Spannungen zwischen beiden Parteien vor ein scheinbar unlösbares Dilemma. In dieser Atmosphäre der Angst vor Arbeitsplatzverlust auf der einen und offensiv verfolgten Businessplänen auf der anderen Seite gehört es zu den anspruchsvolleren Aufgaben redaktioneller Entscheider, für ihre Mitarbeiter Freiräume zu finden, in denen Fehlerquellen diskutiert und alles Sonstige, was grundsätzlich im Argen liegt, zur Sprache kommen könnte und sollte. Dazu fehlt es in fast allen Hauptstadtbüros sowohl an Räumlichkeiten als auch an Gelegenheiten.

So banal es klingt: Ein Raum der Reflexion könnte in einem modernen Hauptstadtbüro Wunder bewirken. Auch Journalisten brauchen Rückzugsräume, um im besten Sinne des Wortes zu sich selbst zu finden, ihre Fehler zu verstehen und ihre Potenziale zu entdecken. Und sie brauchen offene Ohren: Weniger hausinterner Wettbewerb und mehr Miteinander würden die von der aktuellen Wirtschaftslage verdorbene Redaktionskultur bereichern. Schließlich brauchen auch Redaktionen eine Innenrevision, aber keine im herkömmlichen anklagenden Sinne: Sie würde nicht nach Kriterien der Schadensbegrenzung funktionieren, sondern als interne Selbstkontrolle aktiv und konstruktiv darauf hinwirken, eingefahrene Strukturen zu verlassen und festgewachsene Scheuklappen zu lösen.

These 7

Das Internet ist nicht der Feind des Journalisten, sondern seine Zukunft.

Erst wenn Laien und Journalisten gemeinsam an journalistischen Inhalten arbeiten – zum Beispiel indem Nutzer in die journalistische Recherche eingebunden werden (Crowdsourcing) oder deren Anmerkungen einen bereits fertigen journalistischen Beitrag veredeln (Annotationsprinzip) –, geht der Hauptstadtjournalismus einer gleich im mehrfachen Sinne glorreichen und krisensicheren Zukunft entgegen. Internetnutzer können als Augenzeugen, Zuarbeiter, Informanten, Netzwerker oder Experten die professionelle Arbeit von Journalisten vielfältig bereichern. Ein zu begrüßender Nebeneffekt: Politisches Interesse und Engagement könnten wieder zu einer Selbstverständlichkeit in einer Gesellschaft aus Politikmuffeln werden.

Die Zukunft des Journalismus liegt zweifellos im Internet. Auch wenn bisweilen noch Mittel und Wege ausbleiben, um eine tragfähige Finanzierungsbasis zu gewährleisten, muss auch in den Berliner Medienhäusern an nachhaltigen Geschäftsmodellen gearbeitet werden. Hier könnte die deutsche Hauptstadt eine Schlüsselposition besetzen, denn sie verfügt bereits über ein ansehnliches Portfolio an unverbrauchten, experimentierfreudigen Kleinunternehmen im Medien- und Kommunikationssektor. Mit der Unterstützung medienpolitischer Förderpreise und -programme gilt es, entsprechende Ressourcen bereitzustellen und gemeinsam mit der Medienwirtschaft weiterzuentwickeln. Unternehmen könnten dabei auf einen reichen Fundus privater Ideenpools zurückgreifen, beispielsweise aus dem Umfeld der Blog-Community, um beim Ausbau des multimedialen Online-Marktes mit ausländischen Großunternehmen Schritt zu halten.

These 8

Mitmachjournalismus in allen Ehren, doch Profis sind weiterhin gefragt.

Journalisten werden auch in Zukunft die Aufgabe übernehmen müssen, das Weltgeschehen einzuordnen, zu deuten und zu kommentieren, doch werden sie ihre exklusive Rolle der Universalerklärer einbüßen und erheblich stärker als bisher auf ihre Moderationsfähigkeiten angewiesen sein: Indem immer mehr Wissen kooperativ entsteht, indem Diskussionen über die Lage der Nation nicht mehr primär auf den Debattenseiten des politischen Feuilletons ausgetragen werden, sondern in untereinander verknüpften Blogs, obliegt es dem Hauptstadtjournalisten, seine Fallhöhe zu verringern: Er muss sich in Zukunft vermehrt den Ansichten all jener unzähligen Lemminge widmen, die etwas zu den drängenden bundespolitischen Themen der Zeit beizusteuern haben. Dem Politikkorrespondenten bleibt nichts anderes übrig, als seinen Adressatenkreis zu erweitern und sein Quellenspektrum zu vergrößern, um die Aufgabe eines digitalen Navigators zu übernehmen, der Ordnung in die ungestüme politische Netzkultur bringt.

These 9

Wer bloggt, der bleibt: Das neue Leitprinzip politischer Kommunikation.

Ob Hyper, Meta oder Mikro – Blogs werden sich als meinungsstarke Leitmedien im Internet durchsetzen. Meinung und Persona: Beide Komponenten, das zeichnet sich schon jetzt bei charismatischen Bloggern wie Markus Beckedahl (netzpolitik.org), Sascha Lobo und Stefan Niggemeier ab, verbinden sich im Wust der Informationsangebote zu einem untrennbaren Haftmittel, das die Aufmerksamkeit breiter Nutzerschichten noch an sich binden kann. Ein Merkmal dieses neuen Darstellungsprinzips ist das Vertrauen in Einzelpersonen.

Die Nutzerschaft wird sich in Zukunft an individuellen Empfehlungen klar konturierter Persönlichkeiten orientieren, die selbst das starke Profil von etablierten Medienmarken übersteigen. Blogger – und damit sind auch bloggende Journalisten gemeint – ähneln in ihrem Handeln, aber auch in ihrer Bedeutung als Fixpunkte einer personenzentrierten Informationskultur den ersten Journalisten im 16. Jahrhundert. Erfahrene Berichterstatter können, wenn sie sich geschickt anstellen, ihre Arbeit aufwerten und dabei helfen, für die teils noch sehr anarchische Blogosphäre nach und nach professionelle Guidelines, Regeln und Standards herauszubilden. Es ist längst noch nicht zu spät, sich an die Spitze dieses Trends zu setzen.

These 10

Hauptstadtjournalismus braucht Leitwölfe und Vorbilder.

Der zum Teil stark kritisierte Kompetenzmangel bei einem Großteil des journalistischen Nachwuchses auf dem politischen Parkett Berlins macht deutlich, dass die Journalistenausbildung an den Hochschulen und in den Redaktionen im Hinblick auf den Politikjournalismus im Allgemeinen und die Hauptstadtberichterstattung im Speziellen weitgehend versagt. Es hapert vor allem an historischem Kontextwissen und Kenntnissen über komplexere Sachverhalte. Um auf lange Sicht erfolg- und ertragreich aus Berlin zu berichten, ist mehr gefordert als politisches Grundwissen und die Fähigkeit, Politikergesichter zu erraten. Hauptstadtjournalismus braucht Vorbilder, um der nachrückenden Generation, die am liebsten nur »was mit Medien« machen würde, zu verdeutlichen, dass Politikjournalismus weder im Einsammeln von Statements besteht noch ausschließlich Neugier und Belastbarkeit erfordert, sondern auch Fleiß, Intuition und Training. Um es mit dem ehemaligen Zeit-Chefkorrespondenten Gunter Hofmann zu formulieren: »Journalisten sollen sich erst einmal als eigenständige Handwerker betrachten und mit dem kleinen Einmaleins anfangen.« Und dieser Ratschlag an seine Kollegen, gleich, welchen Alters, beinhaltet – wenn auch unfreiwillig – vielleicht die wichtigste Botschaft: Selbstkritik ist der erste Schritt zur Besserung.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung aus: Leif Kramp/Stephan Weichert: Die Meinungsmacher. Über die Verwahrlosung des Hauptstadtjournalismus. Hoffmann & Campe 2010.



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